Halbwahrheiten im Kondomstreit

Die Ecopop-Initianten wollen die Geburtenrate in Entwicklungsländern senken. Die Initiativgegner sehen darin «Herrenmenschentum». Experten zeichnen ein differenzierteres Bild.

Herrenmenschentum oder Menschenrecht auf freiwillige Familienplanung? Prävention in Karnataka, Indien. Foto: Keystone

Herrenmenschentum oder Menschenrecht auf freiwillige Familienplanung? Prävention in Karnataka, Indien. Foto: Keystone

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«Birkenstock-Rassisten», «Neokolonialisten», «Herrenmenschentum»: Mit Etiketten dieses Zuschnitts versuchen Politiker jeglicher Couleur, die Ecopop-Initianten in die braune Ecke zu verbannen – zu deren Ärger. Diese Verunglimpfung, klagen die Initianten, verunmög­liche eine sachliche Debatte speziell über den zweiten Teil ihrer Initiative, der den Fokus auf Massnahmen gegen das Bevölkerungswachstum im Ausland richtet. Demnach soll die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) zehn Prozent ihrer Entwicklungshilfe in die Förderung der selbstbestimmten Familienplanung investieren; das wären rund 150 Millionen Franken pro Jahr; heute bewegt sich das Engagement im zweistelligen Millionenbereich.

Die Initianten wollen den Menschen in Drittweltländern einen besseren Zugang zur ganzen Palette an Verhütungsmitteln und mehr Sexualaufklärung ermöglichen. Letztlich soll so jedem Individuum und Paar das Recht zustehen, frei und eigenverantwortlich über die Zahl seiner Kinder und den Zeitpunkt der Geburt zu entscheiden sowie über die hierzu erforderlichen Informationen und Mittel zu verfügen – ein Ziel, das nicht nur die Ecopop-Initianten anstreben.Seit 1968 ist das Menschenrecht auf freiwillige Familienplanung in internationalen Vereinbarungen verankert; die UNO hat dieses Recht seither mehrfach bestätigt. Zu viele Frauen, mahnte zum Beispiel 1999 der damalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan, hätten keine Wahl, ob sie schwanger werden wollten; zu viele von ihnen nähmen gefährliche Abtreibungen in Kauf. Nach Schätzungen der UNO haben 220 Millionen Frauen keinen Zugang zu Verhütungsmitteln, pro Jahr werden 80 Millionen Frauen und Mädchen ungewollt schwanger, mit dem Resultat von 22 Millionen Abtreibungen, vorab in Entwicklungsländern und teils unter prekären Verhältnissen.

Kritik an Hilfswerken

Es gehe also mitnichten darum, andere Menschen zu bevormunden, argumentieren die Initianten. Mit der Stärkung der freiwilligen Familienplanung wollen sie vielmehr erreichen, dass der Bund umsetzt, was er sich im Bundesgesetz zur Entwicklungszusammenarbeit selber vorschreibt: das ökologische und demografische Gleichgewicht wahren. Dieses Gleichgewicht sehen die Initianten gestört. Die Bevölkerung wachse weltweit zwar nicht mehr so schnell wie auch schon, räumen sie ein. Der Anstieg betrage aber noch immer 1,2 Prozent, also rund 86 Millionen Menschen pro Jahr. Viele Fortschritte im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit würden so «laufend zunichtegemacht».

Mit ihrer Forderung begeben sich die Initianten auf ein traditionell umkämpftes Feld. Seit Jahrzehnten wird erbittert darüber gestritten, ob und wie der Staat in private und dazu hochsensible Bereiche wie die Fortpflanzung eingreifen soll. Die katholische Kirche etwa sieht in der Verhütung einen problematischen Eingriff in natürliche «gottgewollte» Abläufe. Experten warnen jedoch vor einfachen Wahrheiten. Werner Haug etwa, ehemaliger Direktor des UNO-Bevölkerungsfonds, lehnt zwar das Hauptanliegen der Initiative ab, die jährliche Nettozuwanderung in die Schweiz auf 0,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung zu beschränken. Den zweiten Teil der Initiative hält er jedoch für angemessen. «Der enge Zusammenhang von fehlender Familienplanung, unsicheren Abtreibungen und hoher Sterblichkeit von Frauen und Müttern wird völlig negiert», sagt er und verweist auf die schätzungsweise jährlich 290'000 Frauen, die an den Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt sterben.

Sein Votum will Haug als «Beitrag zu einer Versachlichung» der Debatte verstanden wissen. Ihn stört, dass die Hilfswerke unter der Führung von Alliance Sud entwicklungspolitisch irreführende Aussagen machen würden. So hatte Alliance Sud im Sommer verlauten lassen, in den armen Ländern des Südens fehle es nicht an Verhütungsmitteln, sondern an Gesundheitsversorgung, Bildung und Einkommen. Für Haug eine verengte Sicht auf die Problematik.

Studie selektiv zitiert

Auch die Ecopop-Initianten erheben diesen Vorwurf. In seinem Argumen­tarium gegen die Initiative zitiert etwa das Hilfswerk Caritas Auszüge einer Studie, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in 103 aktuellen und ehemaligen Entwicklungsländern gemacht hat. Die Arbeit kommt laut Caritas zum Schluss, «dass sich kein einziges Land sozioökonomisch entwickelt hat, ohne dass parallel dazu die Geburtenrate zurückgegangen ist». Cornelia Keller vom Ecopop-Komitee sagt, Caritas werte diese Aussage als Beweis für die von ihr vertretene Haltung, ein Land müsse sich zuerst entwickeln, dann erst gehe die Geburtenrate automatisch zurück. Unerwähnt lässt Caritas jedoch andere zentrale Aussagen der Arbeit, wie Keller moniert. So etwa, dass die Geburtenraten laut Studie «nachweislich» sinken würden, wenn Mädchen und Frauen einen ungehinderten Zugang zu Sexual­aufklärung, Familienplanung und Verhütungsmitteln haben. Und weiter: «Das Bevölkerungswachstum und die hohen Geburtenraten lassen sich teilweise darauf zurückführen, dass Frauen und Paaren effektive Möglichkeiten zur eigentlich gewünschten Familien­planung fehlen.» Auch der Aufstieg der asiatischen Tigerstaaten Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong wäre laut Studie nicht möglich gewesen ohne freiwillige Familienplanung: «Es war gerade der umfassende Ansatz, der die Erfolge ermöglicht hat.»

Tanja Kiziak, Mitautorin der Studie, bekräftigt auf Anfrage: «Erfolg versprechend ist die Kombination von verschiedenen Massnahmen.» Kiziak unterstreicht die herausragende Bedeutung von Investitionen in die Bildung der Frauen und in die Bekämpfung der Armut. Wie die Ecopop-Initianten konstatiert aber auch sie, dass der Zugang zu Verhütungsmitteln und Aufklärung «manchmal nicht die notwendige Aufmerksamkeit» geniessen – ein Befund, den die Weltgesundheitsorganisation teilt. 2012 hat sie deshalb dazu aufgerufen, mehr in die Familienplanung zu investieren. Auch im Aktionsplan der Weltbevölkerungskonferenz von 1994 in Kairo figurieren Programme für reproduktive Gesundheit einschliesslich Familienplanung unter den prioritären Zielen. Spätestens bis 2015 sollten alle Menschen Zugang zu entsprechenden Dienstleistungen haben.

Bildung laut Experten wichtiger

Professorin Katharina Michaelowa, Expertin für Entwicklungspolitik an der Universität Zürich, hält freiwillige Familienplanung ebenfalls für sinnvoll, doch warnt sie davor, deren Wirkung zu überschätzen. «Man sollte sich nicht er­hoffen, das Bevölkerungswachstum so in grossem Stil verringern zu können.» Es sei eine Illusion zu glauben, dass die hohe Kinderzahl in Entwicklungsländern überwiegend auf ein Informationsproblem zurückzuführen sei. Solange die Menschen arm seien, hätten sie üblicherweise die Präferenz, viele Kinder zu haben, weil diese dazu beitrügen, im Alter das eigene Überleben zu sichern.

Rupa Mukerji vom Hilfswerk Helvetas sagt: Zielten Programme einseitig auf eine Verminderung der Geburtenzahl, bewirkten sie viel weniger als erhofft. Dies zeige die Erfahrung in Indien, etwa im Gliedstaat Punjab. In Tamil Nadu hingegen liege die Geburtenrate kaum höher als hierzulande. Dies, weil in die Alphabetisierung der Frauen investiert und deren Stellung in der Gesellschaft gestärkt worden sei.

Die Ecopop-Initianten bestreiten den Wert solcher Massnahmen nicht. Sie verweisen darauf, der Bund könne noch immer 90 Prozent seines Entwicklungshilfebudgets in diese Bereiche investieren, also 1,35 Milliarden Franken pro Jahr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 06:49 Uhr

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