Hat Bundesrat Couchepin rechts-katholische Einflüsterer?
Von Michael Meier. Aktualisiert am 15.03.2009 9 Kommentare
Als «viel zu restriktiv und zu bürokratisch» kritisiert FDP-Ständerat Felix Gutzwiller die Vernehmlassungsvorlage zur Präimplantationsdiagnostik (PID). Verantwortlich dafür zeichnet Bundesrat Pascal Couchepin – ein Parteikollege Gutzwillers. Der Bundesrat persönlich habe dafür gesorgt, dass die Gesetzgebung so restriktiv wie möglich ausfällt, heisst es in Bern. Zwar dürfen Paare, die damit rechnen müssen, ihren Kindern eine schwere Erbkrankheit zu übertragen, fortan einen künstlich gezeugten Embryo genetisch untersuchen lassen. Doch nur sie. Allen anderen Paaren soll dies untersagt bleiben. Namentlich soll es unzulässig sein, die Präimplantationsdiagnostik im Rahmen einer allgemeinen Vorsorgeuntersuchung zur Vermeidung von genetischen Anomalien – etwa der Trisomie 21 – anzuwenden.
Gutzwiller verlangt Verbesserungen
Damit bewirke der Bundesrat, dass Schweizer Paare weiterhin ins viel liberalere Belgien ausweichen würden, befürchten etliche Ärzte. Das habe sich unlängst an einer Tagung der Akademie der medizinischen Wissenschaften gezeigt, sagt der frühere Waadtländer Kantonsarzt Jean Martin. Der Mediziner Felix Gutzwiller will deshalb am Mittwoch im Ständerat die PID-Vorlage kritisieren und Verbesserungen vorschlagen.
Auch der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK) hätte eine liberalere Lösung vorgeschwebt. Umso enttäuschter ist sie über die äusserst restriktive Vorlage, wie deren Mitglied Jean Martin erklärt. Er sieht die politische Moral geritzt: «Man sagt, man wolle die PID öffnen, praktisch aber öffnet man sie kaum. Das ist doch Heuchelei.»
Couchepins wohlwollende Worte
Martin und andere Mitglieder der NEK halten es durchaus für möglich, dass sich Pascal Couchepin von rechtskatholischen Ethikern beeinflussen liess. Namentlich vom konservativen Kreis um den Walliser Philosophen François-Xavier Putallaz an der Uni Freiburg: Er doziert dort Philosophie, sitzt in der äusserst konservativen Bioethik-Kommission der Schweizer Bischofskonferenz und lehnt mit dieser die PID ab. Martin argumentiert, die Nähe Couchepins zu Putallaz zeige sich etwa in dessen Buch «Der Mensch und die Person», das biotechnologische Behandlungen verwirft. Im Band kommen vor allem rechtskatholische Autoren wie Kardinal Georges Cottier zu Wort. Couchepin hatte als Bundespräsident ein wohlwollendes Vorwort verfasst und dem Buch eine weite Verbreitung gewünscht. In diesem Vorwort konfrontiert er den wissenschaftlichen Fortschritt in den Bereichen der Stammzellenforschung, der In-vitro-Fertilisation oder der Gentechnologie mit den unantastbaren Rechten des Menschen.
Zwar glaubt Felix Gutzwiller nicht daran, dass Couchepin rechtskonservative Einflüsterer brauche: Er sei ein selbstständiger Denker. Couchepins Sprecher Jean-Marc Crevoisier bestreitet, dass sich der Bundesrat von Putallaz beraten lässt. Und Putallaz selbst sagt dem TA, er sei nicht der Berater von Couchepin.
Gleichzeitig registrieren jedoch Beobachter bei Couchepin in letzter Zeit eine starke Hinwendung zum Religiösen: Auf seiner Moskau-Reise im Februar liess er es sich nicht nehmen, den neuen Patriarchen Kirill zu besuchen. Mit Kerze in der Hand nahm er an der letzten Fronleichnam-Prozession in Freiburg teil. Im April wird er im Luzerner Priesterseminar St. Beat mit den Priesteramtskandidaten das Gespräch suchen.
Zugleich wird immer deutlicher, dass der moderne Ethikbetrieb Couchepin befremdet. Im Vorwort zum Buch von Putallaz listet Couchepin die Schwächen der beratenden Ethikkommissionen auf: Er stösst sich daran, dass sie alle ideologischen Tendenzen integrieren müssen. Noch deutlicher wurde er unlängst in einem Interview mit der «Zeit»: Ethikkommissionen seien in ganz Europa ein Problem. Er kritisiert deren Mehrheitsmoral und Machbarkeitsdenken, das sich nach dem Motto richte: «Was modern ist, ist richtig.»
Auch darin trifft sich Couchepin mit dem katholischen Philosophen Putallaz, demzufolge «die Welt von klaren und immer gültigen Ideen geleitet wird». Die «Kompromiss- und Patchworkethik» der Ethikkommissionen hingegen sei ohne Kraft. Das wirft Putallaz auch der NEK und ihrem Vorschlag zur PID vor, den er ausgiebig zerzaust hat.
Noch keinen Nachfolger für Rehmann-Sutter
Couchepins Mühe mit den Ethikkommissionen sei ein möglicher Grund, warum Couchepin noch immer keinen Nachfolger für Christoph Rehmann-Sutter als NEK-Präsident ernannt hat, argwöhnen etliche Kritiker. Rehmann-Sutter hatte seine Demission schon im Dezember auf Ende März bekannt gegeben. Längst hat die NEK Couchepin zwei Kandidaten für das Präsidium vorgeschlagen: Den katholischen Ethiker Alberto Bondolfi und Margrit Leuthold, Leiterin Stab Planung und Logistik an der ETH Zürich.
Sind diese etwa für Couchepin zu liberal? Crevoisier sagt nur, dass Couchepin in nächster Zeit zwei Kandidaten zum Gespräch empfangen werde. Könnte darunter auch François-Xavier Putallaz sein? «Das wäre ein Skandal», findet NEK-Mitglied Jean Martin und kann es sich deshalb schlicht nicht vorstellen.
Die Kritik Couchepins an den Ethikkommissionen irritiert viele, auch Rehmann-Sutter. Er hat die NEK nicht zuletzt deshalb verlassen, weil sein Budget massiv gekürzt wurde. Auch NEK-Mitglied Bertrand Kiefer bedauert diese Attitüde, wenig in die Ethikkommissionen zu investieren und gleichzeitig in bioethischen Fragen sehr zurückhaltend zu sein. «Man spricht zu wenig über diese Dinge. Das aber fördert die extremen und ideologischen Haltungen in beide Richtungen», sagt er.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.03.2009, 22:48 Uhr
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9 Kommentare
es gibt keinen grund, bei schwangerschaften die voruntersuchungen von genetischen anomalien irgendjemanden zu verwehren. wie weiter und welches leben lebenswert ist können die eltern immer noch selbst entscheiden - entsprechend ihren persönlichen werten. der vorschlag von br couchepain ist hinterwälderisch. er gehört abgesetzt. Antworten






