Hauptsache, das WC ist offen

Bald gibts im Zug Pissoirs und Frauen-WCs. Das ist schön. Aber wichtiger ist bei den Zugtoiletten etwas anderes.

Geht mit der kommenden Geschlechterteilung mehr Sauberkeit einher? Blick aus einem 2. Klasse-Abteil des neuen Hochgeschwindigkeitszuges Giruno von Stadler Rail. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Geht mit der kommenden Geschlechterteilung mehr Sauberkeit einher? Blick aus einem 2. Klasse-Abteil des neuen Hochgeschwindigkeitszuges Giruno von Stadler Rail. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Wenn in der Zeitung Berichte über die SBB kommen, scheidet sich die Leserschaft meist in zwei Gruppen. Die einen Leute sind die, die nicht oder nur selten Zug fahren. Die andere Gruppe – das sind die Häufig-Bahnfahrer. Die Betroffenen. Sie denken sich beim Lesen jeweils ihren Teil.

Zum Beispiel gestern. Da kamen in dieser und in anderen Zeitungen Berichte über den neuen Hochgeschwindigkeitszug EC250 Giruno, den Hersteller Stadler Rail am Donnerstag vorgestellt hatte. Er wird ab 2019 auf der Gotthardlinie der SBB fahren – und bietet eine interessante Neuerung: Im Giruno wird es «WC-Inseln» geben. Jede Insel besteht aus einem WC für alle, einem WC für Frauen sowie einem Pissoir.

Einsteigen, bitte: Wirtschaftsredaktor Stefan Eiselin erkundet den Giruno. Video: Lea Koch

Bis anhin war die hiesige Bahn ein Ort der Unisex-Toiletten, der geschlechterneutralen WCs, so ist man sich das seit Jahrzehnten gewohnt. Aber es mag durchaus sein, dass im Giruno eintritt, was SBB-Chef Andreas Meyer an besagter Präsentation vermutete: dass mit der kommenden Geschlechterteilung mehr Sauberkeit einhergehen könnte. Fährt der Zug grad über ein Weichenfeld, ist die Chance beim Pissoir jedenfalls grösser als bei der klassischen Toilette, dass der Stehpinkler trifft.

Ausgegrenzt wird niemand

Das sogenannte Dritte Geschlecht, das in der letzten Zeit in die Medien drängt, sollte mit den WC-Inseln auch zufrieden sein. Den Leuten, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen, ist mit der neutralen Kabine für alle Genüge getan. Ausgegrenzt wird niemand.

Ist somit alles gut? Hier scheidet sich nun eben die Leserschaft. Der Häufig-Bahnfahrer als Skeptiker der Praxis denkt an die Bahnreisen der letzten Zeit. Gefühlt jedes dritte Mal sass er in einem Waggon mit einem WC, das gesperrt war; ein Kleber an der Tür zeigte es an. Die Nicht­verfügbarkeit der Toilette reichte, um seinen Harndrang zu stimulieren, sodass eine aufwendige Traverse in den nächsten Waggon des voll besetzten Doppelstöckers nötig wurde.

Die Frage ist aus der Warte des Zugpassagiers nicht, welche Art WC die SBB bieten. Die Frage ist: Werden die WCs regelmässig gewartet – sind sie auch wirklich offen?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 23:14 Uhr

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