Hausangestellte in der Schweiz: Zustände wie in Bangladesh oder Saudiarabien
Von Andreas Valda, Genf. Aktualisiert am 01.12.2008 8 Kommentare
Gesamtarbeitsverträge lohnen sich
Die Weltwirtschaft wächst – im Schnitt mit 3,8 Prozent pro Jahr. Einen Teil dieses Wachstums geben die Arbeitgeber in Form von höheren Löhnen weiter – jedoch nicht proportional, wie die Studie der Weltarbeitsorganisation ILO zeigt: «Pro 1 Prozent Wachstum erhöhten sich die Löhne um 0,75 Prozent», bezogen auf die Jahre 1995 bis 2007. Mit anderen Worten: «In vielen Ländern sank der Lohnanteil am Wirtschaftswachstum», schreiben die Autoren. Profitiert haben Eigentümer oder Investoren (darunter Pensionskassen). Die ILO warnt deshalb vor «stärkeren Spannungen in der Lohnverteilung».
In Ländern mit vielen Gesamtarbeitsverträgen partizipieren Arbeitnehmer allerdings stärker am Lohnwachstum, «im Schnitt 0,86 Prozent pro 1 Prozent Wachstum», so die Studie. Dies gilt offenbar auch für die Schweiz. «Die Lohnstatistik des Bundes zeigt, dass Löhne mit Gesamtarbeitsverträgen im Schnitt um 0,5 Prozent stärker steigen als diejenigen in der gesamten Wirtschaft», sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizer Gewerkschaftsbunds. (val)
Die Weltarbeitsorganisation (ILO) stellt die Schweiz an den Pranger. In ihrer jüngsten Weltlohnstudie wirft sie unser Land in einen Topf mit Nationen wie Bangladesh, Kambodscha, China, Iran, Pakistan, Jemen, Indien, Malaysia und Saudiarabien. Der Vorwurf: Die Schweiz schreibt für Hausangestellte keine Minimallöhne vor, was zu «unwürdig tiefen» Löhnen führe. Nur der Kanton Genf kennt eine Mindestregelung. Und selbst diese sei nicht schmeichelhaft. «Der Minimallohn des Kantons Genf gehört zu den tiefsten überhaupt», sagt ILO-Autorin Manuela Tomei, «er ist tiefer als im Detailhandel oder Metzgergewerbe mit Minima von um die 3500 Franken pro Monat brutto.»
Normalarbeitsvertrag ist in Arbeit
Was Haushaltsangestellte effektiv verdienen, ist schwierig zu ermitteln. Mario Pasqualone vom evangelischen Hilfswerk Heks, der Leute ohne Aufenthaltsbewilligung in der Genferseeregion betreut, spricht von 800 bis 1800 Franken pro Monat, «manchmal immerhin mit Verpflegung». Einen Anhaltspunkt gibt der Normalarbeitsvertrag des Putzpersonals, der seit zwei Jahren existiert. Als Minimallohn gelten 16.65 Franken pro Stunde brutto. «Ein sehr tiefer Lohn», sagt Pia Tschannen, Mitinhaberin der Firma Fairness at work. Sie hat vor drei Jahren ein faires Arbeitsmodell für Haushaltshilfen und Reinigungskräfte initiiert und garantiert mindestens 25 Franken netto. «Wir haben uns an einem Schwarzarbeiterinnen-Lohn der Region Bern orientiert», sagt Tschannen.
Um Aufträge von Privathaushalten und kleineren Büros auszuführen, sucht sie Putzpersonal, das sich legal anstellen lassen will. «Die Interviews mit den meist weiblichen Kandidatinnen zeigen, dass das Spektrum sehr weit geht, von unter 10 Franken pro Stunde für tageweise Angestellte bis zu 35 Franken pro Stunde oder mehr für stundenweise Einsätze.» Am meisten werde in der Region Zürich bezahlt. «Dort sind 25 Franken netto die untere Grenze», sagt Tschannen.
In einigen Kantonen gibt es Richtlinien, so etwa im Kanton Waadt mit 17 Franken brutto pro Stunde. Der Kanton Basel empfiehlt «20 bis 30 Franken» pro Stunde. «Doch Richtlinien sind eben Richtlinien. Einhalten muss man diese nicht», kritisiert Daniel Lampart vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund.
Immerhin, gesamtschweizerisch ist ein sogenannter Normalarbeitsvertrag für Haushaltspersonal in Arbeit. Wann dieser vom Bund allgemeinverbindlich erklärt wird, ist unklar. «Die Notwendigkeit ist geklärt und erhärtet. Offen ist, wie hoch der Minimallohn ausfallen soll, da er sich am üblichen Lohn bemisst. Dieser muss nun bestimmt werden», sagt Lampart.
Ein Grund für die tiefen Löhne ist, dass viele Haushaltshilfen keine Aufenthaltsbewilligung haben. Dabei könnten sie das einfach ändern. «Illegal arbeitende Putzfrauen – auch von ausserhalb der EU – erhalten eine Arbeitsbewilligung, sofern wir nachweisen können, dass keine Schweizerinnen und solche mit C-Ausweis zur Verfügung stehen», sagt Tschannen aus Erfahrung. «Das kommt oft vor».
Und Organisationen wie das evangelische Hilfswerk Heks bieten in mehreren Kantonen eine legale Abrechnung der Sozialabzüge und Unfallversicherungsbeiträge an, «selbst für Personen ohne legalen Aufenthalt», sagt Pasqualone von Heks. Sein Projekt hat Erfolg: «Seit Anfang Jahr hat sich die Zahl der vermittelten Verträge von 1000 auf über 2000 mehr als verdoppelt.» Er führt dies zurück auf eine Kampagne des Bundes gegen Schwarzarbeit. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.12.2008, 07:19 Uhr
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8 Kommentare
Meine Frau arbeitet als Haushälterin Teilzeit, und verdient inkl. Sozialausgaben und bezahlten vier Wochen Ferien proportional in etwa gleichviel, wie ich als Vollzeitangestellter. Sie kommt aus einem Nicht-EU-Land und musste noch nie für unter 25,- pro Stunde arbeiten. Dass der Aufenthaltsstatus die Löhne mehr als halbiert, ist schockierend. Der Sonderfall Schweiz ist wohl doch kein Sonderfall. Antworten
(Ironisch) Arbeitsvehältnisse nahe an der Sklaverei. Und dass in der ach so sozialen Schweiz. Wer hätte so etwas gedacht.(Ironisch Ende) Die letzten Monate haben gezeigt, dass einiges in der Schweiz im argen liegt. Kurzum: Unsoziales Verhalten ist profitabel und höchst erfolgsversprechend. Antworten
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