Haushalten mit tiefem Einkommen geht es besser als dem Mittelstand

Staatliche Eingriffe führen dazu, dass der Mittelstand schlechter dasteht. Linke und Mitte-Politiker suchen gemeinsam Lösungen, um dies zu ändern.

Zum Vergrössern auf die Grafik klicken.

Zum Vergrössern auf die Grafik klicken.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie verteilt die Schweiz die Früchte ihres wirtschaftlichen Erfolges? Dieser Frage widmet sich eine neue Stiftung, die als Reaktion auf die Abzocker- und der Zuwanderungsinitiative entstanden ist. Die Organisation CH2048 will eine politisch neutrale und sachliche Diskussion darüber führen, wer die Verlierer der letzten Jahre sind. Und wie sich die Schweiz reformieren kann, damit diese vermehrt vom Wachstum profitieren.

«Wenn dies gelingt, wird die Gefahr kleiner, dass frustrierte Bürger wirtschaftsfeindlichen Anliegen zustimmen», ist Stiftungsgründer Christoph Koellreuter überzeugt. Der Basler ist Gründer des Forschungsinstituts BAK Basel Economics und Mitglied der SP. Allerdings repräsentiert er deren bürgerlichsten Flügel. Mit seiner Stiftung will er erreichen, dass die Schweiz auch 2048 den Idealen der Gründer des Bundesstaates im Jahr 1848 nachlebt. Neben ihm sitzen der frühere FDP-Präsident Fulvio Pelli, die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) oder der frühere Schwyzer Finanzdirektor Georg Hess (CVP) im Stiftungsrat.

Negative Anreize

Koellreuter ist überzeugt, dass es nicht die Wirtschaft ist, die in der Schweiz Verlierer hervorgebracht hat. Zwischen 1994 und 2010 sind die realen Löhne der Mehrheit der Erwerbstätigen zwischen 5 und 15 Prozent gestiegen, im oberen Bereich allerdings um 15 bis 30 Prozent. Entscheidend sei aber, dass die Wirtschaft alle am Erfolg habe teilhaben lassen. Unbefriedigend sei die Situation hingegen bei der staatlichen Umverteilung. Diese sorge dafür, dass die Erwerbstätigen im zweit- und drittuntersten Fünftel nicht über mehr Einkommen verfüge als das unterste Fünftel.

Tatsächlich bestehen laut einer Studie der Ökonomin Monika Engler für die Mittelschicht vielen negativen Anreize. Diese führen dazu, dass sich wirtschaftliche Anstrengungen nicht lohnen. Diese Effekte wirken sich insbesondere auf Einkommen zwischen 35'000 und 100'000 Franken aus. Engler hat alle Einkommen, Abgaben wie Steuern und Gebühren sowie staatlichen Leistungen zusammengerechnet und auf die einzelne Personen mit verschieden hohen Salären heruntergerechnet.

Das Fazit der Ökonomin: Nach den Umverteilungen verfügt eine Person mit einem Salär von rund 12'000 Franken über ein Einkommen von 66'800 Franken und ist damit ökonomisch stärker positioniert als Personen, die ein Salär zwischen 35'000 und 100'000 Franken erzielen. Stark spielt die Umverteilung zwischen Personen, die Voll- oder Teilzeit arbeiten. So verfügt ein kinderloser Haushalt mit einem Vollzeitsalär von 105'000 Franken über ein Einkommen von 66'000 Franken, während ein Haushalt mit einem Teilzeitsalär von 32'000 Franken nach dem staatlichen Eingriff über 72'000 Franken verfügt.

Radikale Vorschläge

Der Grund für diese starken Verschiebungen liegt darin, dass Personen mit sehr tiefen Salären kaum Steuern entrichten, dafür aber von sehr umfassenden Vergünstigungen bei teuren Haushaltsposten profitieren, etwa bei Mieten oder Kinderkrippen. Wer dem unteren und mittleren Mittelstand angehört, bezahlt hingegen Steuern und erhält wenig oder keine Unterstützung.

Die Stiftung CH2048 will nun verschiedene Reformvorschläge erarbeiten und sie in die politische Debatte einbringen. Erste Ideen stellte gestern Ökonom Stephan Vaterlaus an der ersten Stiftungs-Tagung in Luzern vor.

  • Individuelles Wohlstandskonto: Für einen Teil der Sozialleistungen sparen die Bürger künftig für sich selber. In guten Jahren legen sie auf die Seite, in schlechten nehmen sie Geld vom Konto.
  • Berücksichtigung der Freizeit: Nicht der Monats-, sondern der Stundenlohn ist entscheidend für die Progression bei der Steuer. Wer für den gleichen Lohn voll arbeiten muss, soll weniger Steuern bezahlen als eine Person, die dafür nur 50 Prozent arbeitet.
  • Erwerbsabhängige Umverteilung: Gewisse staatliche Leistungen erhält nur, wer arbeitet. Tiefe Einkommen profitieren stärker als mittlere, sollen aber am Schluss nicht besser wegkommen.
  • Einheitssteuersatz: Auf die Progression wird verzichtet, Freibeträge führen dazu, dass tiefe Einkommen nicht unter die Armutsgrenze fallen.
  • Besteuerung der Sozialhilfe: Auch wer nicht arbeitet für sein Einkommen, soll dieses versteuern.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.01.2015, 23:35 Uhr)

Artikel zum Thema

Fehlanreize beseitigen

Kommentar Der soziale Friede hängt nicht nur vom Umgang mit den Ärmsten ab, sondern auch vom Wohlbefinden jener, die den Sozialstaat finanzieren. Mehr...

«Man muss von den Klienten mehr fordern»

Interview Expertin Annemarie Lanker plädiert für einen anderen Umgang mit Sozialhilfebezügern. Mehr...

Weniger Geld für Junge und Familien?

Die Sozialhilfekonferenz fragt die Gemeinden, ob und wie die heutigen Richtlinien revidiert werden sollen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Sponsored Content

Hoch hinaus.

Entdecken Sie die Schweizer Bergewelt und erleben Sie spektakuläre Aussichten.

Werbung

Kommentare

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Zurück in die Wildnis: Einer von rund 40 Igeln, die nach Verletzungen wieder gesund gepflegt worden sind, wartet in den Händen eines Hüters auf seine Freilassung im ungarischen Kecskemet. (24. August 2016)
(Bild: Sandor Ujvari/EPA) Mehr...