Hayeks letzte grosse Mission

In den letzten Jahren seines Lebens befasste sich Nicolas G. Hayek intensiv mit dem Thema Umweltschutz. Hier ein Interview mit Hayek vom 20. Oktober 2007 zur Energiefirma in Biel.

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Swatch-Gründer Nicolas Hayek eröffnet eine neue Energiefirma. Im Interview spricht er über Umweltschutz und gibt erste Entscheide bekannt: Etwa, dass Hollywoodstar George Clooney Verwaltungsrat der Firma wird.

Herr Hayek, hat es Sie gefreut, dass Al Gore und der UNO-Klimarat den Friedensnobelpreis erhalten haben?
Nicolas G.Hayek: Die diesjährige Vergabe des Friedensnobelpreises hat mich kalt gelassen. Wirklich bedeutend sind für mich nur der Nobelpreis für Medizin, Chemie und Physik. Die Entscheidungen der Nobelpreis-Jury sind in Bezug auf den Friedensnobelpreis seit Jahren schwer nachvollziehbar. Genau so ist es für die Wirtschaftsnobelpreise. Kommt hinzu, dass Al Gore den Umweltschutz ja nicht erfunden hat. Viele gescheite Köpfe vor ihm haben auf die Problematik hingewiesen.

Sie haben bereits 1992 in der UNO an die Wirtschaftselite appelliert, ihr Verhalten gegenüber der Umwelt zu ändern. Wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden?
Ich bin mir immer bewusst, dass wir auf einem Raumschiff leben. Das ist unsere winzige Erde, die in einem kleinen Sonnensystem in einem immensen Universum kreist. Und was machen wir? Wir bohren Löcher in unser Raumschiff und zerstören es, womit wir unsere aller Existenz aufs Spiel setzen. Ich finde deshalb, dass jeder Insasse dieses Raumschiffs etwas gegen diese Zerstörung unternehmen muss. Zufällig habe ich etwas Geld, Ressourcen und die nötigen Beziehungen, um etwas zu tun. Es ist an der Zeit, dass wir Unternehmer handeln. Die Politik redet immer nur, macht aber wenig, und das auch nicht sehr effizient.

Hat Ihr Appell etwas genützt?
Es wäre vermessen, zu behaupten, mein Auftritt habe etwas Substanzielles bewirkt. Aber ich bin der Überzeugung, dass steter Tropfen den Stein höhlt. Indem ich das Thema Umweltschutz immer wieder aufs Tapet bringe, kann ich etwas bewegen. Meine Rede war einer dieser Tropfen.

Braucht die Schweiz ein neues AKW?
Tatsache ist: Die Schweiz braucht zusätzliche Energie. Ich bin selber nicht ein grosser Anhänger von AKW, aber auch nicht fanatisch dagegen. Die Sache mit den AKW ist eben die, dass einige Fragezeichen bleiben: Wohin mit den radioaktiven Abfällen? Und als Techniker weiss ich: Technik funktioniert 99-mal reibungslos und einmal nicht. Dann haben wir ein Problem, auch wenn AKW als sicher gelten. Deshalb sollten wir prioritär alternative Energien herstellen, wann immer das möglich ist.

Was tun Sie persönlich für den Umweltschutz?
Als Privatperson verbrauche ich eine gewisse Menge Energie wie andere auch. Weil ich aber auch Unternehmer bin, muss ich noch mehr machen. Alle 156 Fabriken der Swatch Group in der Schweiz sind auf umweltverträglichere Produktion umgestellt worden oder werden es noch. Das treibt aber manchmal seltsame Blüten: In Villeret möchte ich eine Fabrik besser isolieren. Das hat aber prompt den Heimatschutz auf den Plan gerufen, der mir verbieten will, die Fassaden zu ändern. Weiter werden die Mitarbeiter der Swatch Group angehalten, für Geschäftsreisen nur zu fliegen, wenn dies unbedingt nötig ist, und weniger Auto zu fahren.

Die Swatch Group produziert demnach umweltfreundlich?
Ich behaupte, die Swatch Group gehört zu den zehn umweltfreundlichsten Unternehmen der Schweiz. Vielleicht sind wir nicht ganz vorne, aber sicher über dem Mittelfeld.

Warum haben Sie sich entschieden, zusammen mit der Groupe E, dem Paul Scherrer Institut und Ihrer Hayek Engineering ein Unternehmen zu gründen, das auf alternative Energien spezialisiert ist?
Das geht auf die Jahre 1988/1989 zurück. Damals unterstützte ich bei der SMH – die heutige Swatch Group – das Bieler Solarmobil «Spirit of Biel-Bienne». Als das Gefährt das prestigeträchtige Solarrennen in Australien gewonnen hatte, erhielt ich zahlreiche Glückwunschtelegramme von Präsidenten der Autohersteller. Ich wollte aber mit unserem Swatchmobil noch einen Schritt weitergehen, und hatte mir überlegt, wie es wäre, ein solargetriebenes Auto für den Strassenverkehr zu bauen. Alle Experten haben mir damals gesagt: «Herr Hayek, Sie träumen!» Heute ist es möglich, Solarautos für kurze Strecken, also etwa für ein Stadtgebiet, herzustellen. Den höchsten Kohlendioxid-Ausstoss verursachen nach wie vor die Haushalte und die Autofahrer. Diesen Energieausstoss Co2-frei oder sauberer zu machen ist das Ziel unserer neuen Firma.

Nicht als Partner dabei ist die BKW. Hatten Sie sie angefragt?
Dazu war die Zeit zu knapp. Die BKW ist aber jederzeit als Partner willkommen. Es entsteht ja nicht nur eine Holding. Geplant sind auch viele Tochtergesellschaften. Diese werden in verschiedenen Bereichen forschen und entwickeln, etwa auf dem Gebiet der sauberen Herstellung von Wasserstoff, der Brennstoffzellen, der Sonnenenergie oder umweltfreundlicher und leistungsfähigerer Batterien. Wir sind an jeglichem Knowhow und jeglichen Ressourcen im «Clean Power»-Sektor interessiert.

Sind die Entscheide schon gefallen, wie das neue Unternehmen heissen und wo es seinen Hauptsitz haben soll?
Der Hauptsitz wird in Biel sein. Mit ein Grund war, dass sich der Bieler Stadtpräsident Hans Stöckli dafür eingesetzt hat. Er besitzt Unternehmermentalität und hat keine Berührungsängste mit der Industrie. Ich hatte Anfragen aus praktisch allen Kantonen. Bei Biel war ich sicher, dass uns die Behörden keine Schwierigkeiten machen und uns nicht von oben herab behandeln würden. Die künftigen Töchter der Firma werden aber auch in anderen Kantonen angesiedelt sein, wie etwa Freiburg oder Neuenburg und andere. Der Name der neuen Firma steht noch nicht fest. Er wird aber in irgendeiner Form mit dem Begriff Sonne oder dem griechischen Sonnengott Helios zu tun haben.

Inwiefern werden Sie sich innerhalb der neuen Firma engagieren?
Ich übernehme das Verwaltungsratspräsidium. Im Verwaltungsrat werden zudem mein Sohn und Swatch-Group-Konzernchef Nick Hayek, der Schweizer Astronaut Claude Nicollier, Groupe-E-Chef Philippe Virdis, Filmschauspieler George Clooney sowie ein Vertreter unseres Bankenpartners vertreten sein. Eigentlich habe ich zwischen Al Gore und Clooney gezögert. Aber die Gefahr war gross, dass Gore im Hinblick auf eine mögliche Kandidatur für die US-Präsidentschaft zu sehr auf Public Relations aus war.

Wie realistisch ist es, dass Autokonzerne den von Ihrer neuen Firma vertriebenen «Clean Power»-Motor kaufen? Es ist davon auszugehen, dass die meisten Autohersteller selbst mit Hochdruck an umweltfreundlichen Motoren arbeiten.
Meine Erfahrungen mit dem Smart und Mercedes haben mich gelehrt, dass es schwierig ist, als branchenfremder Partner zusammen mit der Automobilindustrie einen sauberen Motor oder sogar ein Auto herzustellen. Was wir mit der neuen Firma tun werden, ist, interessierten Kreisen unser Knowhow anzubieten, etwa im Bereich des «Clean Power»-Motors. Produzieren müssen unsere Partner aber selbst. Es gibt indes Ausnahmen. Autoteile oder Produkte, die umweltfreundliche Energie für Haushalte herstellen, wollen wir selber ganz in der Schweiz produzieren.

Welche Rolle wird der Wirtschaftsstandort Schweiz im Bereich der erneuerbaren Energien spielen?
Wenn wir es richtig anstellen, kann die Schweiz zur weltweiten Nummer eins werden. Warum? Wir haben enormes Wissen und die nötige Infrastruktur. Dann haben wir in unserem Land keine Auto- und Erdöllobby, die durch nachhaltige Energien ihr Geschäft bedroht sieht. In der Schweiz kann also auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien geforscht und entwickelt werden, ohne dass Autokonzerne oder Erdölfirmen sofort mit dem Abbau von Stellen drohen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.06.2010, 20:31 Uhr

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