Hepatitis fordert viel mehr Tote als Aids

Trotz anhaltend hoher Sterblichkeit von Hepatitis-C-Patienten verzichtet der Bund auf eine nationale Strategie. Die Gründe.

Eine Hepatitis-C-Infektion wird durch einen Bluttest diagnostiziert. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Eine Hepatitis-C-Infektion wird durch einen Bluttest diagnostiziert. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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In der Schweiz sterben jährlich rund 200 Personen an Hepatitis C, mindestens fünfmal mehr als an Aids. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universitäten Genf und Bern, die Forscher vor ­einigen Tagen an einem internationalen Leberkongress präsentierten. Sie gehen dabei davon aus, dass die Differenz zwischen den beiden Viruserkrankungen in Wahrheit viel grösser sein dürfte. Gemäss ihren Schätzungen könnte der Unterschied im Extremfall bis zu einem Faktor 40 betragen. Der Grund: Bei einer beträchtlichen Zahl von Todesfällen wird der Bezug zu Hepatitis C nicht bemerkt oder nicht gemeldet.

«Ich bin sehr besorgt über die seit Jahren anhaltend hohe Sterblichkeit von Hepatitis C», sagt Philip Bruggmann, Chefarzt bei den Arud Zentren für Suchtmedizin in Zürich. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) habe für die Verhinderung von Aids ein Budget von rund drei Millionen Franken jährlich zur Ver­fügung. «Dasjenige zur Bekämpfung von Hepatitis C ist ein kleiner Bruchteil ­davon.»

Während über die Jahre die Zahl der Aidstoten dank Prävention und besserer Medikamente deutlich zurückgegangen ist, ist die Rate bei Hepatitis C mehr oder weniger stabil geblieben. Dies gilt auch für die Häufigkeit von Infektionen: Die Zahl der Hepatitis-C-Betroffenen wird auf 40 000 geschätzt, jene mit HIV auf bis zu 20 000. Hepatitis-C-Erkrankungen sind dabei ein Hauptgrund für eine Lebertransplantation. Angesteckt haben sich die Betroffenen über Blutkontakt, zum Beispiel durch kontaminierte Spritzen, durch medizinische Eingriffe oder Tätowierungen mit unsterilen Instrumenten sowie durch blutige Sexualpraktiken.

Datenlage sei zu lückenhaft

HIV-Infizierte können nicht geheilt werden, gegen Hepatitis C gibt es hingegen mittlerweile sehr wirksame Medikamente. Die Seuche mit all ihren Folgekosten könnte somit eliminiert werden. «Mit den heutigen hochwirksamen Hepatitis-C-Medikamenten müsste die ­Mortalität rasch gegen null sinken», so Bruggmann. Er gehört zu den Hepatitis-Experten, die sich in der Arbeitsgruppe Schweizerische Hepatitis-Strategie (SGG) organisiert haben und mit Vehemenz verlangen, dass die Schweiz eine nationale Strategie zur Bekämpfung von Hepatitis erarbeitet. Diese müsse auch vom BAG getragen werden. Ein wichtiger Teil wäre dabei ein Screening der Bevölkerung und die Behandlung möglichst vieler Infizierter.

Doch das Bundesamt will nicht Hand dazu bieten. Am Donnerstag veröffentlichte es eine Situationsanalyse, die es in Auftrag gegeben hatte und die das Ausmass von Hepatitis B und C ausserhalb des Drogenbereichs in der Schweiz beleuchtete. «Das BAG verzichtet aktuell auf die Erarbeitung einer eignen Strategie», schreibt das Amt dazu in einer ­Stellungnahme. Im Vergleich zum ­Ausland sei die Neuansteckungsrate in der Schweiz gering und der Anteil an ­Infizierten niedrig. Zudem sei die ­Datenlage bei den neuen Medikamenten noch zu lückenhaft für eine breite Anwendung.

Der entscheidende Punkt für die defensive Haltung dürfte allerdings ein wirtschaftlicher sein: Die neuen Medikamente sind nicht nur potent, sondern auch horrend teuer. Deshalb führte das BAG 2014, als mit Sovaldi das erste der neuen Medikamente zugelassen wurde, eine Rationierung in Form einer sogenannten Limitatio ein. Die Krankenkassen müssen die Kosten in der Grundversicherung nur bei jenen Patienten übernehmen, deren Leber schon stark geschädigt ist. Inzwischen hat das BAG angesichts der anhaltenden Kritik von Ärzten und Patienten die Rationierung etwas gelockert. Im Gegenzug erklärten sich die Medikamentenhersteller zu moderaten Preisreduktionen bereit. Doch noch immer können die Behandlungen ohne weiteres die 50 000-Franken-Schwelle überschreiten.

Nun lockert das BAG den Zugang zu den lebensrettenden Medikamenten ein weiteres Mal. Ab dem 1. Mai haben Drogensüchtige, die Spritzen benutzen, Betroffene, die gleichzeitig mit Hepatitis B oder HIV infiziert sind, Zugang zu den teuren Medikamenten auf Kosten ihrer Krankenkasse.

Preissenkungen in Frankreich

Wie viele Betroffene davon profitieren werden, darüber gehen die Schätzungen weit auseinander: Auf Pharmaseite wird von 100 bis 200Patienten gesprochen, das BAG geht von 250 zusätzlichen Betroffenen aus. Hepatitis-Fachleute rechnen hingegen mit 2000 bis 3000Patienten, denen die Grundver­sicherung die teuren Mittel neu wird vergüten müssen. Im Gegenzug sind die Medikamentenpreise leicht gesenkt worden. Die Reduktionen reichen von 0,3Prozent bei Harvoni bis zu 11,9Prozent bei Zepatier. Bei zwei weiteren ­Medikamenten gab es gar keine Preis­anpassung. Die Kosten bewegen sich damit noch immer auf einem Niveau, das einen Zugang aller Infizierten aus Sicht des BAG nicht zulässt.

Im Ausland tut sich in dieser Sache weit mehr. So hat das französische Gesundheitsministerium die Rationierung der neuen Hepatitis-C-Medikamente ­aufgehoben. Im Gegenzug mussten sich die Pillenhersteller zu erheblichen Preiskonzessionen verpflichten. Der amerikanische Marktführer Gilead (Sovaldi, Harvoni) darf seit 1. April statt 41 000 Euro nur noch 28 700 Euro für eine Zwölfwochentherapie verlangen. Der US-Hersteller MSD, der Ende letzten Jahres Zepatier lancierte, wurde schon ­damals auf 28 700 Euro heruntergedrückt. Umgerechnet sind das noch rund 31 115 Franken. Zum Vergleich: ­Zepatier kostet in der Schweiz ab 1. Mai 43 788 Franken, Sovaldi 44 808 Franken und Harvoni 50 112 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2017, 22:07 Uhr

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