Schweiz

«Herr Blocher erteilt mir keine Befehle»

Von René Lenzin und Maurice Thiriet. Aktualisiert am 27.11.2010

Im Interview spricht Tito Tettamanti über die emotionale Reaktion der Basler und seine Zusammenarbeit mit Christoph Blocher. Die beiden planten die Zerschlagung des BaZ-Konzerns.

«Er ist intelligent und kann mir Ratschläge geben»: Tito Tettamanti (rechts) über Christoph Blocher (links).

«Er ist intelligent und kann mir Ratschläge geben»: Tito Tettamanti (rechts) über Christoph Blocher (links).
Bild: Keystone

Der Plan von Blocher und Tettamanti

Tito Tettamanti und Christoph Blocher planten die Zerschlagung der National Zeitung und Basler Nachrichten AG. Die «Basler Zeitung» (BaZ) sollte aus der Aktiengesellschaft herausgelöst und so vom industriellen Teil getrennt werden. Blochers Robinvest hat erwogen, den industriellen Teil mit den Druckereien zu übernehmen. Die Evaluation dieses Vorgehens durch Robinvest war aber noch nicht abgeschlossen, als deren Mandat als Beraterin bekannt wurde, sagt Tettamanti im TA-Interview. Fraglich ist, ob der neue Besitzer der BaZ, Moritz Suter, auf der Vorarbeit von Blocher und seiner Robinvest aufbaut. Suter wollte auf Anfrage keine Stellung nehmen.

Derweil ist der Wegzug der BaZ-Redaktion aus den Räumlichkeiten am Aeschenplatz, die jährlich 1,3 Millionen Miete kosten, laut Tettamanti beschlossene Sache. Die Frage ist nur, wohin: Wie Recherchen des TA zeigen, hat sich Chefredaktor Markus Somm durchgesetzt gegen die Pläne, die Redaktion in die Konzernzentrale am Rande Basels zu verlegen. Somm hat derweil Büroräume an der Gerbergasse in der Basler Innenstadt ins Auge gefasst.

Eine erste Verhandlungsrunde ist wegen der Blocher-Wirren geplatzt. Preisvorstellungen gibt es aber offenbar. Laut Tettamanti sollen die neuen Büros jährlich nur noch 450 000 Franken kosten. Für den Umzug entscheidend ist, ob die BaZ eine Nachmieterin für das luxuriöse Medienhaus am Aeschenplatz findet.

Es haben erste Gespräche zwischen der BaZ und Ruedi Matter, dem Regionaldirektor von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), stattgefunden. SRF konzentriert die aus Radio und Fernsehen fusionierten Kulturredaktionen in Basel und erwägt einen Standortwechsel vom Aussenquartier Bruderholz in die Innenstadt.

BaZ-Investor

Zu Wochenbeginn hat der Finanzinvestor aus Lugano seinen 75-Prozent-Anteil an der «Basler Zeitung» (BaZ) dem Crossair-Gründer Moritz Suter verkauft. Dies nachdem ein Beratungsmandat von Christoph Blocher breite Proteste ausgelöst hatte. Gekauft hatte Tettamanti die BaZ im Februar 2010 zusammen mit dem Anwalt Martin Wagner. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Kürzlich feierte er den 80. Geburtstag.

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«Für mich ist die Sache mit der BaZ erledigt», sagt Tito Tettamanti. Dass ihn Basel immer noch beschäftigt, zeigt sich aber schnell. Ungefragt und noch bevor das Gespräch richtig anfängt, beginnt er zu reden. «Multinationale Firmen und Hedgefonds verlegen ihren Hauptsitz in die Schweiz. Sie kommen nach Genf, in die Waadt, nach Zürich und Zug, ins Tessin und sogar nach Bern. Aber nicht nach Basel», sagt er. «Die berühmte weltoffene Stadt ist nicht attraktiv. Sollte das nicht zu denken geben?»

Wenn es so schlimm steht um Basel, dann sind Sie sicher froh, dass Sie die BaZ wieder losgeworden sind?
Ich bin nicht froh, sondern ich war zum Verkauf gezwungen. Die Situation hatte sich derart zugespitzt, dass ich sonst die Firma und die Redaktion geschädigt hätte. Wäre ich geblieben, wäre ich zur Belastung für die Firma geworden, und ihr Wert wäre gesunken. Das konnte nicht in meinem Interesse als Investor sein. Wenn ich nicht verkauft hätte, wäre die BaZ wirklich noch zum Verlustgeschäft geworden.

Sie bleiben dabei, dass Sie keinen Abschreiber machen mussten?
Ich bin mit einer schwarzen Null ausgestiegen. Immerhin ist die Firma ja nicht Konkurs gegangen, sondern hat noch Goodwill. Ich hatte auch nie Gespräche mit den Banken, die Bedenken zur langfristigen Finanzierung geäussert hätten. Aber gewisse Restrukturierungen sind natürlich nötig. Weshalb braucht die Redaktion einen derart teuren Sitz, für den sie 1,3 Millionen Miete zahlt? Neu wird sie Räume für 450'000 Franken mieten.

Über den Verkaufspreis wurde spekuliert. 70 Millionen wurden genannt. Wie hoch war er wirklich?
Diese Zahl habe ich nicht gesehen. Wir haben über den Preis Schweigepflicht vereinbart. Dazu werden Sie nichts von mir erfahren.

Auch nicht zu den Gerüchten, dass Sie immer noch involviert seien?
Nein. Wenn Sie etwas wissen wollen, müssen Sie Herrn Suter fragen. Für mich ist die Sache erledigt.

Da ging doch viel zu schnell. Wie schlägt man zweistellige Millionenbeträge übers Wochenende um? Etwa per Handschlag?
Geholfen hat sicher, dass ich Moritz Suter von früher kannte und ein gewisses Vertrauen vorhanden war. Wir hatten bereits nach dem Kauf an Moritz Suter als Verwaltungsrat gedacht, um mehr Basler zu involvieren. Übers Wochenende haben wir verhandelt. Suters Sohn und mein Anwalt haben den Vertrag vorbereitet, und am Montag gegen fünf Uhr nachmittags haben wir unterschrieben.

Haben Sie den Verkauf in die Wege geleitet oder Christoph Blocher? Er soll am Sonntag eine Befehlsausgabe gemacht haben, heisst es.
Ich habe weder am Samstag noch am Sonntag mit Herrn Blocher gesprochen. Herr Blocher erteilt mir keine Befehle, was ich mit meinem Geld zu tun habe. Er ist intelligent und kann mir Ratschläge geben. Wir haben auch schon Geschäfte zusammen gemacht. Aber mit dem Verkauf an Suter hatte er nichts zu tun.

Aber er blieb Ihr Berater bis Montag.
Ja, er war mein Berater für die Druckerei und für die Struktur der Firma, die ich von meinen Vorgängern in einer schwierigen Lage übernommen habe.

Haben Sie die Probleme vor der Übernahme unterschätzt?
Nein. Dass es bei einem Turnaround Schwierigkeiten geben kann, gehört zu solchen Geschäften. Aber was ich nicht in Betracht gezogen habe, war die emotionale Reaktion in Basel. Bei Turnarounds gibt es immer innere Widerstände. Diesmal wurden sie unterstützt von der externen Reaktion und der Umtriebigkeit gewisser Leute.

Sie kennen die Schweiz gut genug, um zu wissen, was Blocher auslöst.
Vielleicht war ich naiv. Aber ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ein Mann derart gehasst wird. Wir Geschäftsleute machen keine Gefangenen, wie man so schön sagt. Das heisst, wir sind hart, aber wir vermeiden persönliche Gefühle. Denn wer heute mein Feind ist, kann morgen mein Partner sein. Sobald persönliche Gefühle ins Spiel kommen, macht man schlechte Geschäfte.

Hat Martin Wagner Sie nicht vor diesen Reaktionen gewarnt?
Nein. Er glaubte vielleicht, die Situation in Basel als Basler meistern zu können.

Wieso haben Sie überhaupt die BaZ gekauft? Hatten Sie verlegerisch-politische Ziele?
Ich war nie Verleger, auch damals beim Jean-Frey-Verlag nicht. Für mich war es ein Turnaround-Geschäft. Dabei gab es einen betriebswirtschaftlichen Aspekt und strategisch-journalistische Überlegungen. Betriebswirtschaftlich war geplant, Zeitung und Druckerei zu trennen, um beide zu retten. Für diese Analyse brauchte ich übrigens die Hilfe von Blochers Robinvest. Zudem könnte Robinvest daran interessiert gewesen sein, die Druckerei zu übernehmen.

Mit Blocher begannen die Probleme.
Dieses Mandat bedeutet doch nicht, dass Blocher Einfluss auf die BaZ gehabt hätte. Wissen Sie, Blocher wird von der Schweiz gleichzeitig überschätzt und unterschätzt. Überschätzt, weil er für alles herhalten muss, was in diesem Land passiert. Unterschätzt, weil er schlau und intelligent ist, wenn es um Geschäfte geht.

Und welches waren die strategisch-journalistischen Überlegungen?
Zum einen war es eine Investition in eine Regionalzeitung. Nachrichten haben für die Zeitungen heute keinen Wert mehr, mit Ausnahme der regionalen, auf denen sie das Monopol haben. Zum andern geht es um die Qualität, welche die BaZ als Wischiwaschi-Zeitung früher nicht hatte. Für Qualität braucht es Recherche und Kommentare.

Aber nicht nur in eine politische Richtung.
Nach der Europa-Debatte Muschg - Blocher in Zürich kam in der BaZ zuerst Muschg zu Wort. Da hat sich niemand aufgeregt. Erst als eine Woche später Blochers Beitrag erschien, gab es wütende Reaktionen.

Wurde die Publikation des Artikels nicht von oben befohlen?
Nein, er war nach dem Beitrag von Muschg notwendig für eine ausgewogene Debatte.

Die Basler haben nur gesehen: Tettamanti ist Investor, Somm ist Chefredaktor und Blocher kriegt eine Seite in der BaZ. Sie fühlten sich bestätigt, dass eine unfreundliche Übernahme im Gang war.
Einverstanden. Es war eine emotionale Reaktion. Aber nachdem man ihnen erklärt hat, wie es zum Beitrag gekommen ist, müssten sie doch auch den Mut haben zu sagen: O. k., wir lagen falsch. So funktioniert doch die Demokratie. Ich diskutiere gerne mit dem Gewerkschafter Rieger oder mit SP-Nationalrat Daguet. Der Dialog mit diesen Leuten ist doch auch interessant. Einseitigkeit ist ein Zeichen von Borniertheit.

Gab es Pläne für eine Fusion mit der «Aargauer Zeitung»?
Das war eine mögliche und logische Überlegung. Zürich/Bern ist von Tamedia abgedeckt, die NZZ hat die Ostschweiz. Und dann gibt es die zwei kleinen AZ und BaZ, die beide zu schwach sind. Ich habe grossen Respekt vor AZ-Verleger Peter Wanner. Ich bin ein Kosmopolit, und die BaZ war für mich just another deal. Aber Wanner ist eng mit der Region verhängt.

Hat es konkrete Gespräche über eine Fusion gegeben?
Nein, wir kennen uns, aber sind nie über lose Gespräche hinausgekommen.

Was haben Sie aus der BaZ-Geschichte gelernt?
Dass die Basler noch empfindlicher sind als die Tessiner. Und dass ich wie immer zu rational war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2010, 10:39 Uhr


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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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