Schweiz

Herrn und Frau Schweizer flüchten vor der Krise auf den Campingplatz

Von Rahel Guggisberg. Aktualisiert am 29.07.2009

Der Schweizer Tourismusmarkt darbt. Davon profitieren günstigere Ferienanbieter: Die Krise treibt die Schweizer auf die Campingplätze. 5 Prozent Wachstum verbucht der TCS, der grösste organisierte Anbieter.

Die Gäste sparen überall. So verbringen sie die Ferien auch tagsüber vermehrt auf dem Campingplatz, denn auch Tagesausflüge belasten das Budget.

Die Gäste sparen überall. So verbringen sie die Ferien auch tagsüber vermehrt auf dem Campingplatz, denn auch Tagesausflüge belasten das Budget.
Bild: Keystone

Mehr Nächte

2008 zählte man in der Schweiz auf 274 Campingplätzen rund 3,2 Millionen Logiernächte, was einer Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 2,1 Prozent entspricht. 52 Prozent aller Gäste stammten aus der Schweiz. An der Spitze liegt das Tessin, das 895000 Übernachtungen registrieren konnte.

Während die Schweizer Hotellerie Gästerückgänge verzeichnet, freut sich der Campingmarkt über Zuwachsraten. «In den letzten fünf Jahren hatten wir ein ständiges Wachstum. Heuer sind es ganze 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr», sagt TCS-Regionalleiter Beat Herzog. Er begründet: «Immer mehr Schweizer verbringen die Ferien auf dem Campingplatz.» Da seien nicht nur finanzielle Aspekte ein Anreiz, ein Zeltplatz für eine vierköpfige Familie kostet zwischen 40 und 50 Franken. «Schweizer suchen den Kontakt mit der Natur, das Bodenständige», erklärt Herzog. Der TCS ist der einzige organisierte Campingreiseanbieter der Schweiz. Er betreibt 32 Plätze, 5 davon im Kanton Bern, und ist mit einem Marktanteil von 17 Prozent die Nummer eins im Schweizer Campingmarkt.

«Auf dem Campingplatz sind vom Lehrling bis zum Bankenchef alle Berufsgruppen vertreten», sagt Herzog. Erfolgsrezept sei, den Campingtouristen einen qualitativ hochwertigen Aufenthalt zu offerieren. Man baue die Infrastrukturen regelmässig aus.

Gute Auslastungen bestätigen auch diverse Betreiber von einzelnen Plätzen. Ein aktuelles Plus von fast 10 Prozent gegenüber 2008 verzeichnet zum Beispiel der Camping Eichholz. «Wir haben eine überdurchschnittliche Auslastung», sagt Anlagechef Beat Müller. Das sei höchst erfreulich, denn im Jahr 2008 hatte man wegen der EM und den Holländern, die in Scharen nach Bern pilgerten, ein hervorragendes Jahr. Müller begründet den Boom mit dem guten Wetter und der Finanzkrise: «Man merkt, dass die Schweizer sparen, sie geben weniger aus.» Auch auf dem Camping Sutz am Bielersee spürt man die Auswirkungen der Krise: «Wir haben vermehrt Anfragen von Gästen, die fest installierte Wohnwagen kaufen wollen. So kann man sehr günstig Ferien machen», sagt Mitarbeiter Nicola Rawyler.

Gäste sparen bei Ausflügen

Dem Leiter vom Camping Thunersee im Gwatt, René Guéleux, fällt auf, dass die Gäste die Ferien vermehrt auf dem Platz verbringen: «Ein Familientagesausflug mit einer Bahn oder dem Schiff kostet schnell 200 Franken. Die Gäste geben überall weniger Geld aus.»

Gut gebucht ist auch der Campingplatz TCS Bern-Eymatt. «Ich registriere klar, dass es mehr Schweizer hat als sonst», sagt Platzleiterin Marlise Beyeler, «die Leute kommen vorwiegend aus der West- und der Ostschweiz.» Ablehnen musste man derzeit aber noch keine Gäste, da der Platz als Durchgangscamping zählt: Die Leute bleiben durchschnittlich einen bis drei Tage.

Reisen ja, aber günstiger

Es wird davon ausgegangen, dass in etwa ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung das Reisebudget dieses Jahr anpasst. «Ein Teil hiervon verbringt konjunkturbedingt Ferien im Inland und somit auch auf Campingplätzen», sagt Lukas Brunner vom Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus der Universität Bern. Seit 2006 stiegen die Ankünfte wie auch die Logiernächte auf den Schweizer Campingplätzen. Die Szene erlebt einen Aufschwung, wie man ihn aus den 70er-Jahren kennt. «Touristische Bedürfnisse wie Reisen sind elementare Bedürfnisse», sagt Brunner. «Falls das Freizeitbudget gekürzt werden muss, wird einfach weniger weit und billiger gereist.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.07.2009, 12:04 Uhr

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