Hervé Falciani: Das Protokoll seines Coups

«Datendieb» Hervé Falciani hat seinen Coup minutiös vorbereitet. Bei einer Offshore-Gesellschaft in Hongkong wollte er die Gelder aus dem Verkauf der Kundenlisten parkieren.

1/6 Das Bild des Idealisten erhält Risse: Hervé Falciani wollte Geld aus dem Verkauf der gestohlenen Daten nach Hongkong transferieren.
Bild: KEYSTONE/AP

Gegenüber den Medien zeigte sich der frühere HSBC-Informatiker als Idealist, der aus Empörung über die grosse Menge unlauterer Vermögen Daten im grossen Stil den Behörden übergab. Dieses Bild erhält nun immer mehr Risse. Hervé Falciani hat den Coup mit den Bankdaten von langer Hand geplant.

Bereits im Sommer 2007 hatte der 38-Jährige Italo-Franzose nach Angaben von «Le Matin» einen Genfer Anwalt kontaktiert, um die Rechtmässigkeit seiner Operation abzuklären. Falciani überliess nichts dem Zufall. Wie die Westschweizer Zeitung schreibt, konsultierte Falciani in Monaco später einen weiteren Anwalt. Sein Wunsch: Die Gründung einer Offshore-Gesellschaft in Hongkong mit dem Ziel, das Geld aus dem Verkauf seiner Kundenlisten zu verstecken.

Vollständige Kundenprofile gestohlen

Die von HSBC entwendeten Kundendaten transferierte er auf einen Server in Kanada, wo er die Daten sicher lagern soll. Unklar ist, ob er noch mehr Namen von Bankkunden versteckt hält, als jene, die er der französischen Justiz übergab. Laut «Le Matin» sind die Listen Falcianis weit umfangreicher, als er bisher zugegeben hat. Es handle sich nicht nur um die Nummern von Konten, die mit den Namen der Inhaber übereinstimmen. Vielmehr verfüge Falciani über vollständige Kundenprofile. Diese sollen detaillierte Angaben über die Investmentstrategien der Kunden, deren Portfolios und gewünschten Käufe beinhalten. Diese Daten sind von grossem Wert: Mehr noch als für die Steuerbehörden für die Konkurrenten von HSBC im Privatbankengeschäft.

Laut der französischen Zeitung «Le Parisien» handelte Falciani nicht allein. Vielmehr entwendete er die Daten mit einer libanesisch-stämmigen Komplizin, ebenfalls Angestellte der HSBC. Diese Frau kontaktierte in der Folge mehrere private und öffentliche Organisationen in ihrer Heimat, um die Listen zu verkaufen. Auf die Frau wurde schliesslich der libanesische Geheimdienst aufmerksam, der sie monatelang überwachte – und die Schweiz informierte. Laut Informationen von «Le Matin» soll auch der jüngere, in Monaco wohnhafte Bruder Falcianis in den Coup eingeweiht gewesen sein.

Nur kurze Haft in Genf

Anfang 2008 entschied Falciani, seinen Plan in die Tat umzusetzen und die Kontakte im Libanon zu aktivieren. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Im Dezember 2008 wurde Falciani in Genf verhaftet und von der Schweizer Bundesanwaltschaft kurz darauf wieder auf freien Fuss gesetzt. Er flüchtete nach Südfrankreich, wo er wieder festgenommen wurde, diesmal von den französischen Behörden auf Geheiss der Schweizer Bundesanwaltschaft. Die französischen Ermittler beschlagnahmten den Rechner Falcianis und machten sich daran, die Daten zu entschlüsseln.

Bis heute unbeantwortet bleibt die Frage, ob Frankreich den früheren HSBC-Informatiker für seine Informationen bezahlt hat. Dafür spricht, dass die französischen Steuerbehörden offenbar schon viel früher mit Falciani in Kontakt standen, als sie es offiziell zugeben. «Die Ermittlungen haben gezeigt, dass Hervé Falciani bereits im Sommer 2008 Daten und dazugehörende Codes den französischen Steuerbehörden geliefert hat», erklärte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft gestern gegenüber dem «Blick». Und die französische Presse berichtet von Kontakten des französischen Geheimdienstes mit Falciani. Sie fanden just zu dem Zeitpunkt statt, als der Datendieb seine Kundenlisten auch anderen Ländern als Libanon zu verkaufen versuchte.

(dvp)

Erstellt: 18.12.2009, 14:28 Uhr

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