Schweiz

Hooligangesetz radikalisiert Fans

Luzern stimmt am Sonntag darüber ab, ob das Hooligangesetz weitergeführt wird. Trifft der Kampf gegen Gewalt die Richtigen? Und welche Folgen hat die Repression?

Eine Folge des Hooligangesetzes: Fussballfans vermummen sich häufiger und gehen gegen die Polizei los (hier vor einem Jahr in St. Gallen).

Andreas Meier

Am 12. April 2008 kesselte die Bieler Polizei 33 Fans des FC Luzern in einem Park ein. Die Anhänger, die zum Spiel einer Nachwuchsmannschaft angereist waren, wurden allesamt verhaftet, mit Rayon- und Stadionverboten belegt und landeten in der Hooligandatenbank. Ein Jahr später stellten die Behörden das Verfahren ein. Man konnte den Fans, die immer ihre Unschuld beteuert hatten, keine Gewalttaten nachweisen.

Unschuldsvermutung gilt nicht

«Der Fall Biel ist ein krasses Beispiel für die willkürlichen Ergebnisse, die das Hooligangesetz liefert», sagt René Schwarzentruber. Zusammen mit anderen aktiven Anhängern des Luzerner Fan-Dachverbands United Supporters hat er nach dem Vorfall das Referendum gegen das kantonale Konkordat ergriffen, welches das bis Ende Jahr befristete Hooligangesetz fortführen soll und dem bisher acht Kantone zugestimmt haben. Allein in Luzern wurde bisher jedes zweite Rayonverbot zu unrecht ausgesprochen, sagt Schwarzentruber: Die Bestraften mussten ihre Unschuld in langen und teuren Verfahren nachweisen, erst dann wurden die Massnahmen aufgehoben.

Trifft der Kampf gegen die Gewalt damit die Falschen? «Das Hooligangesetz ist ein gutes Instrument. Wir können auf die Daten von Fans zurückgreifen, die ausserhalb der Stadien randalieren», sagt Ulrich Pfister, Präsident der Sicherheitskommission des Schweizerischen Fussballverbands. Und für Christoph Vögeli, Leiter der Zentralstelle Hooliganismus in Zürich, wirkt das Gesetz abschreckend.

In Datenbank wegen PET-Flaschen-Wurf

Thomas Gander, Co-Leiter des Fanprojekts in Basel sieht das anders. «Die Befürchtung, dass auch andere als notorische Gewalttäter in der Hooligan-Datenbank landen, ist eingetreten», sagt er. Die Hürde, einen Eintrag zu erhalten, sei zu tief angesetzt. Kürzlich wurde ein FCB-Fan wegen Landfriedensbruch registriert, weil er eine PET-Flasche geworfen hat. «Das ist unverhältnismässig. Und eine Möglichkeit zur Bewährung gibt es nicht», sagt Gander.

Gemäss Bundesamt für Polizei (Fedpol) sind derzeit 554 Personen in der Hooligandatenbank erfasst. Ende 2007 waren es 260. Die Zunahme lässt aber nur bedingt den Schluss zu, die Gewaltbereitschaft steige: Wer einmal in der Datenbank landet, bleibt zwischen drei und zehn Jahren drin, auch wenn er seine Strafe in Form eines Stadion- oder Rayonverbots abgesessen hat. Bei 276 Personen ist das heute der Fall.

Gefühlte und tatsächliche Gewalt

«Die Aufmerksamkeit der Medien führt dazu, dass man das Gefühl hat, die Gewalt steige. Tatsächlich nimmt sie nicht zu», sagt Christoph Vögeli, der Leiter der Zentralstelle Hooliganismus. Trotzdem hat sich mit dem Hooligangesetz einiges verändert: Vögeli beobachtet einen Krawalltourismus und eine Verlagerung der Gewalt in untere Ligen. YB-Fans würden sich an Randalen bei Eishockeyspielen in Biel beteiligen, und gewaltbereite Fans des FC Luzern tauchten bei Matches in der 2. Liga im Eishockey auf.

Fan-Sozialarbeiter Gander sagt, das Hooligangesetz habe das Gegenteil dessen bewirkt, was es beabsichtige: Durch die Zunahme der Repression fühlten sich die Fans vom Staat übermässig kontrolliert und bedroht. «Das führt zu einer Radikalisierung und Solidarisierung unter Anhängern», sagt Gander. Fans würden sich immer häufiger vermummen und gewalttätig gegen Polizisten und private Ordnungshüter vorgehen. «Auf diese Weise kommt eine Gewaltspirale in Gang, die beängstigend ist», sagt Gander.

Hetzjagd gegen Polizisten

Vögeli stellt fest, dass Fans «Hetzjagden gegen zivile Polizisten betreiben». Tatsächlich haben FCZ-Fans letztes Jahr beim Cupspiel in Wil zwei zivile Beamte aus der Kurve geprügelt. Dass die Repression zuweilen zu Verfolgungsängsten führt, zeigt das Beispiel aus einem FCZ-Lokal: Ein älterer Gast wurde von jüngeren Fans gefragt, ob er ein ziviler Fahnder sei.

Welche negativen Folgen eine massive Repression haben kann, zeigt sich in Italien, wo die Gewaltbereitschaft ungleich höher ist. Der Soziologe Jonas Gabler weist in einer vergleichenden Studie über Fankulturen nach, dass die Polizei massgeblich an der Gewaltspirale dreht.

Die Fans haben einen schlechten Ruf

Trotzdem glaubt der Luzerner René Schwarzentruber nicht, dass die United Supporters die Abstimmung am Sonntag gewinnen werden. Der Ruf der Fans ist generell schlecht. Zudem haben einige Luzerner, die sich nach dem Cup-Halbfinalspiel gegen Sion auf dem Platz mit gegnerischen Fans prügelten, dem Referendum einen Bärendienst erwiesen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2009, 23:24 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

5 Kommentare

Andreas Schinkel

14.05.2009, 10:45 Uhr
Melden

@ Werner Müller: Die Gewalt gegenüber voll ausgerüstete Beamten in Demouniform war am 1. Mai wieder Massiv. Gleichzeitig sah ich aber auch wie zivile Polizisten, anhand des Funks gut als solche zu erkennen, sich, meist zu zweit oder zu dritt, zwischen den Chaoten unbehelligt bewegten. Warum wurde diese nicht angegriffen, kann es sein das Ihre normal Kleidung nicht gleichermassen provoziert? Antworten


Roger Berbig

14.05.2009, 09:09 Uhr
Melden

@p.baumgartner: nein! nicht die eh schon gewaltbereiten hooligans wurden noch gewaltbereiter. der normale fan, der bis dato kein grosses sicherheitsrisiko war, hat sich radikalisiert. das steht so glasklar im text und gleiches kann man auch in und um die stadien beobachten. folge: hooligans bleiben gewaltbereit, andere fans haben sich radikalisiert. tolles gesetz, tolle datenbank. Antworten


Werner Müller

14.05.2009, 07:19 Uhr
Melden

Die Polizei dreht angeblich selber mit an der Gewaltspirale? Und an den 1.Mai-Krawallen ist natürlich auch die Polizei schuld? So etwas glauben nur Polizistenhasser... Die Polizei macht nur ihren Job - und in der Schweiz macht sie ihn (mehrheitlich) gut! Fehler können passieren - in jedem Job. Sie müssen korrigiert werden, deswegen kann man aber nicht alles schlechtreden! Antworten


Patrick Baumgartner

14.05.2009, 06:30 Uhr
Melden

Diese Argumente sind einfach lächerlich, ein klassicher Fall von "der Täter wird zum Opfer gemacht". Gewaltbereite Hooligans soll man nicht hart anpacken, weil sie sonst noch gewaltbereiter werden? Da könnte man ja sagen, wir lassen den Rasern freie Fahrt weil sie sonst noch schneller fahren. Für Hooligans ist die Toleranzgrenze Null, die haben nicht zu werfen, auch keine PET Flaschen. Antworten


Martin Degen

13.05.2009, 23:44 Uhr
Melden

Dieser Bericht bestätigt alles was vor der Einführung dieses Gesetzes in den Fanforen der Fussballclubs besprochen wurde. Doch damals wurde in der Öffentlichkeit darüber gelacht und es hiess wer sich nichts zu Schulden lassen komme hat auch nichts zu befürchten. Somit gilt also die Unschuldsvermutung überall (Mord, Vergewaltigung, Diebstahl, etc) ausser bei Fussballfans! Antworten