Hybridfahrzeuge bergen ein Stromschlagrisiko für die Retter
Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 23.05.2011 13 Kommentare
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Mit steigenden Benzinpreisen und steigendem Umweltbewusstsein steigt auch der Absatz von Hybridfahrzeugen oder solchen mit alternativen Antrieben wie Strom oder Erdgas rasant. Laut der Statistik des Branchenverbands Auto Schweiz sind mit rund 2400 verkauften Fahrzeugen von Januar bis April 2011 knapp 50 Prozent mehr Hybridfahrzeuge abgesetzt worden als in der Vorjahresperiode. Brechen die Verkäufe nicht ein, dürften bis Ende Jahr gegen 8000 neue Hybridfahrzeuge in den Schweizer Verkehr gelangt sein.
Für Rettungsdienste, Feuerwehren und Laiennothelfer können diese Fahrzeuge im Unglücksfall allerdings völlig neue Gefahren bergen. «Bis vor einigen Jahren musste mit Stromstärken bis zu 1000 Ampere, Druckgefässen mit bis zu 700 bar und Flammentemperaturen von 2500 Grad im Strassenverkehr nicht gerechnet werden», sagt Ausbildungsoffizier Kurt Bopp von Schutz und Rettung Zürich. Dani Rhiner, Kommandant der Feuerwehren von Wattwil und Lichtensteig SG, warnt seit Jahren vor den Stromleitungen, die entlang des ganzen Fahrzeugs verlaufen und Motor- und Batterien verbinden. «Das wird zum Problem, wenn man eingeklemmte Personen herausschneiden muss. Schwellenschnitte sind mitunter gefährlich, weil man auf die unter Spannung stehenden Kabel stossen kann. Und mit Löschwasser auf Elektrizität zu treffen, birgt ebenfalls Risiken», sagt Rhiner. Auch auslaufende Batterieflüssigkeiten können zum Problem werden.
Laufend neue Modelle
Zwar bietet der Schweizerische Feuerwehrverband seit 2002 Kurse für Feuerwehren an, in denen auf diese Gefahren hingewiesen und die richtige Vorgehensweise geschult wird. «Aber es kommen laufend neue Modelle auf den Markt, bei denen Lage und Ausschaltmechanismus der Batterien noch unbekannt sind», sagt Rhiner. Die Empfehlungen der Hersteller seien auch nur bedingt hilfreich, da das nötige Material zur Neutralisation der Batterieflüssigkeiten oder das richtige Löschmittel bei vielen Feuerwehren nicht zur Standardausrüstung gehören. «Wir haben keine solchen Spezialausrüstungen. Bei weniger als einem Dutzend Unfällen, zu denen wir jährlich ausrücken müssen, lohnt sich das nicht», sagt Rhiner. Nicht nur kleine Feuerwehren sind schlecht ausgerüstet. Auch die Berner Berufsfeuerwehr ist nicht optimal auf brennende Wracks mit Alternativantrieb vorbereitet. «Wir sind mit diversen Feuerlöschern ausgerüstet, aber nicht explizit für diese Art von Fahrzeugen. Unser Hauptlöschmittel ist Wasser», sagt Sprecher Fritz Märki. Kurt Bopp von Schutz und Rettung Zürich, der Berufskollegen im Umgang mit solchen Fahrzeugen instruiert, malt weniger schwarz als Rhiner. «Alternativ angetriebene Fahrzeuge sind nicht per se gefährlicher als konventionelle Modelle. Die Fahrzeuge werden durch die Hersteller mit verschiedensten Bauteilen versehen, die eine grosse Sicherheit im Ereignisfall gewährleisten», sagt Bopp. Wichtig sei jedoch, dass die Rettungskräfte nach dem Motto «Erkannte Gefahr ist halbe Gefahr» rasch wissen, womit sie es zu tun haben.
Forderung nach Kennzeichen
Aus diesem Grund gibt der TCS über seine Website für alle Fahrzeugmodelle Rettungskarten aus, die im Fahrzeug unter der linken Sonnenblende platziert werden können. «Ein Schritt in die richtige Richtung», sagt Bopp. Doch da es im Brandfall nicht möglich sei, die Karte zu erreichen, und diese sich auch nicht immer an Ort befände, müssten die Retter erst abklären, um was für ein Fahrzeug es sich handelt. «Das ist zwar mit einer in den Rettungsfahrzeugen standardmässig installierten Software möglich, dauert aber sehr lange.»
In solchen Fällen wäre es hilfreich, wenn alternativ angetriebene Fahrzeuge von weitem sichtbar mit der Art des Antriebs markiert sein müssten. Das ermögliche professionellen Rettern, schnell zu reagieren, und schütze Laiennothelfer, die sich der Gefahren oft gar nicht bewusst seien. «Wenn Stromleitungen bei einer Kollision an die Karosserie gedrückt werden, steht diese unter Gleichstrom. Wer den anfasst, kann nicht mehr loslassen und riskiert schwerste Verletzungen», sagt Bopp.
Widerstand der Hersteller
Zusammen mit dem deutschen TÜV Süd wollte der Schweizer Feuerwehrverband deshalb die Autohersteller dazu verpflichten, ihre Hybrid- und Alternativfahrzeuge gut sichtbar zu kennzeichnen. «Sie haben abgelehnt, da ihre Fahrzeuge damit gegenüber konventionellen Autos diskriminiert würden», sagt Bopp, der für den Schweizer Feuerwehrverband an den Verhandlungen war.
Um die Diskriminierung zu umgehen, verlangt der TÜV Süd nun von der zuständigen EU-Kommission, dass die Hersteller alle Fahrzeuge nach Antriebstyp kennzeichnen müssen. «Falls die Karosserie unter Strom stehen kann, müssen die Rettungskräfte dies so schnell als möglich wissen, weshalb die Fahrzeuge in jedem Fall gut sichtbar gekennzeichnet sein sollten», sagt TÜV-Sprecher Frank Volk. Entsprechende Bestrebungen gibt es hierzulande nicht, zumal es bisher noch nie Komplikationen bei einem Unfall mit einem alternativ angetriebenen Auto gegeben hat. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.05.2011, 21:07 Uhr
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