IV-Chef steht zu provozierender Plakatkampagne
Aktualisiert am 05.11.2009 58 Kommentare
Manchmal müsse man provozieren: IV-Chef Alard du Bois-Reymond. (Bild: Keystone)
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Laut IV-Chef Alard du Bois-Reymond können nur Provokationen die Tabus und Vorurteile gegenüber Behinderten brechen. Er sei sich immer bewusst gewesen, dass die IV mit dieser Kampagne an die Grenze gehe, sagte du Bois-Reymond vor den Medien in Bern. Für viele sei gar eine Schmerzgrenze erreicht oder überschritten worden. Bei Behinderten, die sich verletzt fühlten, möchte er sich entschuldigen, sagte er.
Für zahlreiche Behindertenorganisationen wurde mit der so genannten Teaser-Kampagne eine Grenze überschritten. Mit unkommentierten und anonymen Sprüchen wie «Behinderte liegen uns nur auf der Tasche» würden solche Vorurteile bloss zementiert. Die Behinderten würden zu Objekten degradiert.
Kampagne am Donnerstag aufgelöst
Erst am Donnerstag wurden die Plakat-Sprüche mit Zusätzen ins richtige Licht gerückt. So prangt unter dem oben zitierten Spruch seither in einer anderen Farbe der Zusatz: «wenn wir ihre Fähigkeiten nicht nutzen». Seit Donnerstag wird auch erstmals die IV als Auftraggeberin der Plakate genannt.
Der Leiter des Geschäftsfelds IV des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) zeigte sich hingegen überzeugt, mit der Art der Kampagne richtig zu liegen. Ziel der IV sei die Wiedereingliederung von möglichst vielen Behinderten in die Arbeitswelt, erklärte du Bois-Reymond. Um das zu erreichen, müsse bei den Nichtbehinderten ein Denkprozess ausgelöst werden.
Personalverantwortliche sollten in Zukunft die Bewerbungsdossiers von Behinderten nicht einfach in den Papierkorb werfen. Dazu müssten sie aber in ihrem Kopf mit dem Vorurteil aufräumen, dass Behinderte für die meisten Arbeiten nicht geeignet seien.
Gegen Denkbarrieren
«Die grösste Hürde für Behinderte befindet sich in den Köpfen der Nichtbehinderten», sagte er weiter. Heute laute die Gleichung meist «Behinderte=IV-Rentner». Viele Behinderte könnten jedoch arbeiten, würden aber keinen Job finden, kritisierte er. Mit den Provokationen hofft du Bois-Reymond, dass die Diskussion über solche Vorurteile in Gang kommt und zu Bewusstseinsveränderungen führt.
Vertreter von Behindertenorganisationen, die an der Medienkonferenz anwesend waren, befürchten gegenteilige Reaktionen. Mit diesen Sprüchen würden die Vorurteile noch zementiert. Die IV- Verantwortlichen räumten ein, dass dieses Risiko bestehe, dass man im Dienste der Sache aber damit leben müsse. Auch sei die Akzeptanz der Kampagne bei Behinderten nicht breit getestet worden.
Der «IVB Behindertenselbsthilfe beider Basel» gehen die Plakate dermassen zu weit, dass sie am Donnerstag Strafanzeige wegen übler Nachrede, Verleumdung und Verstoss gegen das Diskriminierungsverbot eingereicht hat - die IVB hatte dabei schon als Auftraggeber das BSV im Verdacht. Die anonymen Texte seien «unverantwortlich» und «ausserordentlich verletzend», teilte die IVB mit.
Zustimmung auch von Behinderten
Nicht alle Behinderte stossen sich an der Kampagne. Der Leiter des Zentrums für selbstbestimmtes Leben Peter Wehrli, der selber auf den Rollstuhl angewiesen ist, beglückwünschte die IV für den Mut. «Endlich hat die IV den Stier bei den Hörnern gepackt», sagte er.
Ständig seien die Behinderten Opfer von unausgesprochenen Vorurteilen. Ständig werde unterschwellig ein negatives Bild verbreitet, kritisierte Wehrli. Es sei an der Zeit gewesen, dass die Vorurteile offen auf den Tisch kämen, um sie in einer öffentlichen Diskussion ausräumen zu können.
Laut du Bois-Reymond zeigt das Medieninteresse, dass dies gelingen könnte. Die Kampagne ist die dritte Phase einer vierjährigen Medienkampagne, mit der die Invalidenversicherung die berufliche Integration von Behinderten fördern will. Pro Jahr gibt die IV dazu 1,5 Millionen Franken aus. (bru/sda)
Erstellt: 05.11.2009, 19:44 Uhr
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58 Kommentare
Diese IV-Kampagne trifft den Nagel auf den Kopf. Es gibt viele Behinderte die sehr gerne Arbeitn würden. Aber leider werden wir (habe MS) vom Arbeitsmarkt meist ausgeschlossen. Es ist in vielen Betrieben möglich einen Arbeitsplatz für Betroffene einzurichten. Aber ein Rollstuhl "stört" das Arbeitsumfeld. Weil Behindert = "Blöd" die allgemeine Meinung ist. Provokativ ? Antworten
Die eigene Fehlleistung geht jetzt also mit systematischer Volksverhetzung einher. Im Vorfeld der 5. IV Revision war man ja nicht imstande, die Arbeitgeber indes in die Pflicht zu nehmen. Diese Kampagne ist ein politisches Instrument, um eine Grundlage zur weiteren verschärften 6.IV Rev. zu schaffen. Die breite Bevölkerung ist ja nicht Entscheidungsträger, um Zugang zur Arbeitswelt zu ermöglichen. Antworten
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