«Ich bete auch in einem Bunker»

Der 26-jährige Gibril Muhammad Zwicker ist vor zwei Jahren zum Islam konvertiert und streng gläubig. Gleichzeitig will er als Hauptmann der Schweizer Armee dienen.

Sinn des Lebens gefunden: Gibril Muhammad Zwicker will Allah dienen.

Sinn des Lebens gefunden: Gibril Muhammad Zwicker will Allah dienen. Bild: Donato Caspari

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Herr Zwicker, warum sind Sie zum Islam konvertiert?
Eine Kollegin von mir ist Muslimin, durch sie kam ich mit der Religion in Berührung. Ich wollte mehr darüber erfahren und informierte mich im Internet. Ich habe Bücher gekauft und den Koran zu lesen begonnen. Danach hat mir Allah das Herz und den Verstand geöffnet. Ich habe mit dem Islam etwas gefunden, wonach ich das ganze Leben gesucht habe.

Wie meinen Sie das?
Der Islam hat mir die fundamentalen Fragen des Leben beantworten: Woher komme ich, wohin gehe ich und was ist der Sinn des Lebens. Auf alle drei Fragen gibt es eine Antwort: Allah. Der Sinn des Lebens ist es, Allah zu dienen und sich ihm zu unterwerfen sowie sich dem zu fügen, was er für uns vorgesehen hat.

Sie sind Offizier und möchten der Schweizer Armee als Hauptmann dienen. Wie weit muss die Armee Muslimen entgegen kommen?
Die Armee macht mir Spass und Freude. Ich habe mit der Armee den Vertrag geschlossen, weiterzumachen und möchte den erfüllen. Ich wünsche mir deshalb, dass wir zusammensitzen und Probleme, die es gibt, besprechen. Die Armee hat für den Umgang mit Nichtchristen ein Papier konzipiert. Es enthält einige grundlegende Fehler.

Können Sie ein Beispiel für diese Fehler geben?
Die Armee schlägt vor, dass die fünf täglichen Gebete des Moslems in ein einziges zusammengefasst werden. Das widerspricht unserer Glaubenslehre. Die fünf Gebete können maximal auf drei zusammengefasst werden. Durch das Gebet eines Muslims wird der Dienstbetrieb übrigens nicht unterbrochen. Andere Armeeangehörige benützen kurze Pausen, um eine Zigarette zu rauchen.

Benötigt ein Muslim denn nicht gewisse Utensilien für das Gebet, beispielsweise einen Teppich?
Das ist nicht zwingend nötig. Das Gebet sollte an einem sauberen Platz verrichtet werden. Ich bete auch in einem abgelegenen Bunker in den Alpen. Es könnten in der Armee aber für einen Muslimen auch andere Schwierigkeiten auftauchen, beispielsweise das Gemeinschaftsduschen. Ein Muslim kann zehn Minuten vorher duschen als alle anderen und seine Aufgaben dafür später erledigen. Die Kameraden sollen sich absprechen: Die erste halbe Stunde gehört der Mannschaft, die zweite halbe Stunde jenen, die alleine duschen möchten. Für mich ist das kein Problem, da ich als Offizier separate Duschkabinen habe und selbstständig für meine Zeiteinteilung verantwortlich bin.

Wie sollen diese Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden?
Ich habe mich schriftlich an den Chef der Armeeselsorge und den Chef des pädagogisch- psychologischen Dienstes gewandt, um Lösungen zu finden. Ich will als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Die Vorurteile sollen beerdigt werden.

Sie tragen einen Vollbart. Sind Sie wegen Ihrer äusseren Erscheinung in der Armee angefeindet worden?
Nein, nie. Was hinter meinem Rücken über mich geredet wird, weiss ich nicht. Einmal hat mir ein angetrunkener Kamerad gesagt, er hasse alle Moslems, aber ich sei in Ordnung. Darüber schmunzle ich. In so einer Situation bringen Diskussionen nichts. Die Menschen sollen aufeinander zugehen und begreifen, dass es nicht um ein Gegen-, sondern ein Miteinander geht.

Verstehen Sie sich als Missionar?
Das ist ein christlich geprägter Ausdruck. Missionieren heisst, hingehen und die Leute überzeugen. Ich will durch mein Auftreten überzeugen und dadurch, dass ich die Wahrheit verkünde. Ich bezeichne mich deshalb als Prediger, der vermittelt. Es gibt aber gewisse Themen, in denen man streng sein muss.

Müssen Muslime beispielsweise streng sein, indem sie ihre Ehefrauen mit Schlägen bestrafen?
Jeder, der dieser Ansicht ist, hat etwas nicht verstanden. Wenn die Frau einen Fehler macht, ist der erste Schritt, das Gespräch zu suchen. Ist sie nicht einsichtig, entziehen wir ihr körperliche Zuwendung. Erst dann folgt symbolisches Schlagen.

Was meinen Sie mit symbolischem Schlagen?
Der Mann versetzt der Frau mit einem Stöckchen eine leichte Berührung. Es geht nie darum, mit der Hand Schläge auszuteilen. Das zeugt von Schwäche. Der stärkste Mann ist nicht jener, der einen anderen im Ring bezwingt, sondern der, der seinen Zorn im Griff hat.

Verstehen Sie, dass es gewisse Menschen gibt, die Ihnen gegenüber Vorurteile hegen?
Ich weiss, dass der Mensch Angst hat vor Dingen, die er nicht kennt. Ich werfe diesen Leuten aber vor, dass sie sich nicht seriös mit der Religion auseinandersetzen.

Gehen Sie davon aus, dass Sie zum Hauptmann befördert werden?
Das weiss Gott alleine. Ich würde mich sehr wundern, wenn die Religion Stein des Anstosses für eine Ablehnung wäre. Der Loyalität gegenüber meinen Vorgesetzten und meinem Land tut meine Religion keinen Abbruch. Ich wurde mehreren, vertieften Sicherheitsprüfungen unterzogen. Alle verliefen positiv. Ich diene im Hauptquartier- Bataillon und unterstehe der Geheimhaltung. Informationen nicht weiterzugeben, ist selbstverständlich.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie in der Armee nicht befördert werden oder Ihre Vermittlungsversuche fehl schlagen?
Nichts auf dieser Welt passiert, ohne das Gott es will. Ich würde mich dem Willen Allahs fügen, wäre aber enttäuscht von den Verantwortlichen in der Armee, wenn es nicht weiterginge.

Angenommen, es käme in der Schweiz zu einem Terroranschlag von Islamisten und Sie stünden im Militärdienst. Wie würden Sie handeln?
Ich befolge die Befehle meiner Vorgesetzten in der Armee. Ich will die Waffe nicht gegen einen Moslem erheben müssen, würde mich aber selbst verteidigen. (ThurgauerZeitung)

(Erstellt: 05.05.2010, 11:32 Uhr)

Ein Mann mit Ambitionen

Der 26-jährige Schweizer Gibril Zwicker konvertierte vor zwei Jahren zum Islam und ist Mitglied des umstrittenen Islamischen Zentralrates Schweiz. In der Schweizer Armee hat er den Grad eines Offiziers, er möchte zum Hauptmann aufsteigen.

Zwicker arbeitet als Maschinenbaukonstrukteur und schloss seine Lehre sowie die Berufsmatura als Jahrgangsbester ab. Der Thurgauer ist seit rund anderthalb Jahren mit einer 21-jährigen Tunesierin verheiratet.

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