Kein Empfang, «kein Problem»
Der Dalai Lama bei einem Auftritt in Frankfurt am Main Ende vergangener Woche. (Bild: Keystone)
«Ozean des Wissens» am Genfersee
Im Sommer 1979 hielt der Dalai Lama eine seiner ersten öffentlichen Unterweisungen vor westlichem Massenpublikum auf dem Mont Pèlerin bei Lausanne. Nach 30 Jahren kehrt das politische und religiöse Oberhaupt der Tibeter heute – nicht zum ersten Mal – an den Genfersee zurück. Am Dienstag und Mittwoch wird er in Lausanne religiöse Zeremonien feiern und einen öffentlichen Vortrag halten. Alle Veranstaltungen sind ausverkauft.
Der buddhistische «Ozean des Wissens» oder – je nach Übersetzung – «Ozean der Weisheit» kommt bereits zum 22. Mal in das Land mit der grössten tibetischen Exilgemeinschaft Europas. In der Schweiz leben 4000 Tibeter. Am Mittwochnachmittag wird der Dalai Lama vom Waadtländer Regierungspräsidenten Pascal Broulis empfangen. Am Morgen darauf trifft er mit Nationalratspräsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi zusammen, die auf Bitte von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey trotz Ferien einspringt. Der Bundesrat hat offiziell keine Zeit für den Dalai Lama. Naheliegend ist es, dass die Landesregierung anstehende Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit China nicht gefährden will, das im Dalai Lama einen Staatsfeind sieht. Am Donnerstag hält der hohe Mönch in Genf eine Rede an einer Konferenz chinesischer und tibetischer Gelehrter, Publizisten, Journalisten und Juristen, von denen die meisten im Exil leben. (tok)
Ihre Heiligkeit, wie geht es Ihnen?
Gut. Ich musste mich letztes Jahr einer Operation unterziehen, um Gallensteine entfernen zu lassen, habe mich aber schnell erholt. Ich kann keine Anzeichen von Schwäche mehr erkennen.
Und was sagen die Ärzte?
Das Gleiche. Ein Spezialist, der mich danach untersuchte, befand mich als fit. Er bezeichnete mich gar als jungen Patienten. Ich entgegnete: Mit 74 Jahren bin ich doch nicht mehr jung. Worauf er sagte: Ich kenne Ihr Alter, aber körperlich sehen Sie aus wie ein 60-Jähriger.
Stehen Sie nach wie vor um 3.30 Uhr in der Früh auf?
Jawohl.
Letztes Jahr mussten Sie Ihren Besuch in der Schweiz absagen...
...ja, wegen meiner Krankheit konnte ich die geplante Reise in die USA, nach Mexiko und in die Schweiz nicht antreten.
Jetzt kommen Sie in unser Land, aber die Schweizer Regierung will Sie nicht empfangen.
(macht eine wegwerfende Handbewegung). Das ist ihr Entscheid. Das ist in Ordnung. Meine Reise ist nicht politisch, sondern religiös motiviert. Ich komme, um zu lehren – und will niemandem Unannehmlichkeiten bereiten: keiner Privatperson, keinem Politiker, keiner Regierung.
Befremdet es Sie nicht, dass die Regierungsmitglieder ein Filmfestival besuchen oder Ferien machen, statt Sie zu empfangen?
Das ist für mich wirklich kein Problem (lacht). Wenn ich ein konkretes politisches Anliegen mit der Regierung zu besprechen hätte, wäre es anders. Aber da gibt es im Moment nichts.
Sie waren bereits 21-mal in der Schweiz und wurden vom Bundesrat wiederholt empfangen. Was für politische Fragen hatten Sie mit ihm zu besprechen?
Früher standen die Flüchtlinge im Vordergrund. Die Schweiz hat ja Anfang der 60er-Jahre 1000 Tibeter aufgenommen, so viele wie kein anderes westliches Land, und Projekte in Nepal und Indien unterstützt. Das Engagement begann im Oktober 1960 mit dem Pestalozzidorf in Trogen. Hinzu kam die «Pflegekinderaktion Dr. Aeschimann», in deren Rahmen 158 tibetische Halb- oder Vollwaisen von Schweizer Familien adoptiert wurden
Letztes Jahr gab es Unruhen in Tibet, letzten Monat in Xinjiang: Die chinesischen Behörden behaupten, die Uiguren dort würden den tibetischen Aufstand kopieren. Sehen Sie auch Parallelen?
Es gibt Parallelen, aber von einem Kopieren des Vorgehens oder einem Anzetteln von Aufständen kann keine Rede sein. Die Uiguren werden als eine der 55 Minderheiten in China wie die Tibeter seit Jahrzehnten diskriminiert. Ihr Drang nach mehr Selbstbestimmung und Freiheit wird mit Gewalt unterdrückt. Bevor die Kommunisten 1949 die Macht in Peking übernahmen, hatte es in dem Gebiet, das heute die chinesische Provinz Xinjiang ist, kurze Zeit eine «Republik Uiguristan» gegeben.
Was für Kontakte unterhalten Sie zu den Uiguren?
Ich kenne viele Uiguren, und mit der uigurischen Führung im Exil treffe ich mich von Zeit zu Zeit. Wir sind miteinander freundschaftlich verbunden, und unsere Probleme gleichen sich, aber ein gemeinsames Vorgehen oder gar gemeinsame Gewalttaten, wie die chinesische Seite sie uns unterstellt, gibt es nicht.
Die uigurische Führerin Rebiya Kadeer bezeichnet Sie als Vorbild, was den gewaltfreien Freiheitskampf anbelangt. Wieso arbeiten die Tibeter nicht enger mit den Uiguren zusammen?
In den frühen 60er-Jahren haben die Uiguren, Tibeter und Mongolen an einer Konferenz in Indien Verbindung zueinander aufgenommen und gemeinsame Anliegen miteinander besprochen. Aber wir haben seither kaum gemeinsame Aktivitäten entwickelt. Heute treffen uigurische und tibetische Vertreter einander hauptsächlich innerhalb der Unpo, der Organisation der nicht repräsentierten Nationen und Völker, die Konsultativstatus in gewissen Unterorganisationen der Uno besitzt.
Haben Sie nach den jüngsten Unruhen kein Interesse, den Kontakt mit den Uiguren zu intensivieren?
Nicht wirklich. Aber wir verfolgen die Entwicklung mit grosser Sorge.
Fürchten Sie, dass die chinesische Regierung Ihnen eine Verschwörung unterstellen könnte?
Sie müssen verstehen: Wir sind keine engen Verbündeten, die gemeinsam Druck erzeugen. Wir setzen uns einfach für unsere Anliegen ein. Dabei sind wir ehrlich. Es ist nicht unser vorrangiges Ziel, grosse Allianzen zu schmieden.
Wenn Sie durch die Welt reisen, sind Sie doch auf der Suche nach Verbündeten?
Nein (lacht). Ich bin kein grosser Freiheitskämpfer oder Politiker. Kommen Sie am besten zu uns nach Dharmshala in Indien und schauen Sie selbst, welcher Art unsere Aktivitäten sind.
In Genf werden Sie am Donnerstag einige Hundert Vertreter der chinesischen Zivilgesellschaft treffen. Sind das keine Verbündete?
Die Tibetfrage geht nicht auf einen Bürgerkrieg oder einen ideologischen Graben innerhalb eines Volkes zurück wie zwischen Nord- und Südkorea und früher zwischen Ost- und Westdeutschland. Das Problem der Tibeter ist, dass ein ungeladener Gast mit Waffen in unser Land eingedrungen ist. Darum muss ein gangbarer Weg zwischen Tibetern und Chinesen gefunden werden. Wir bemühen uns seit Jahrzehnten um eine konstruktive Lösung mit der chinesischen Regierung. Ohne jeden Erfolg. Unser Glaube, dass die chinesische Regierung an einer Lösung der Tibet-Frage interessiert ist, hat im Lauf der Zeit abgenommen. Aber unser Glaube an das chinesische Volk ist intakt. Von dieser Seite erfahren wir immer mehr Verständnis, Sympathie, Unterstützung und Solidarität. Weil es derzeit keine Gespräche mit der chinesischen Regierung mehr gibt, versuchen wir die Kontakte zu Vertretern des chinesischen Volkes zu vertiefen.
Was versprechen Sie sich von diesen Kontakten?
Seit der Tibet-Krise im vergangenen Jahr habe ich gegen 300 chinesische Intellektuelle, Gelehrte, Schriftsteller und Studenten in den USA, Europa und Indien getroffen. Fast 600 Artikel in chinesischer Sprache zählte ich, die sich für Tibet stark machten. Einige sagten sogar, Tibet habe das Recht, für seine Freiheit zu kämpfen. Es sollte unabhängig werden. Das haben Chinesen geschrieben – und 200 dieser Artikel sind in der Volksrepublik China erschienen. Das sind eindeutige Zeichen, dass sich unter den Intellektuellen, unter den unabhängigen Köpfen in China ein Bewusstsein für die Tibetfrage entwickelt. Die Unterstützung wächst.
Sie sprechen bescheidene Fortschritte an...
...(unterbricht) Es geht uns nicht um Verbündete, sondern um eine Lösung. Alles im allem: Die Regierung gehört, theoretisch, dem Volk. Aber die Kommunisten scheinen die Sache anders zu sehen (lacht). Jetzt, da die Mehrheit der Chinesen nicht mehr kommunistisch ist, müsste die Regierung ihren Kurs eigentlich ändern. Was wir tun, ist folgendes: Wir bemühen uns, die Propaganda der chinesischen Führung zu korrigieren, wonach wir Tibeter Feinde der Han-Chinesen sind. Wir sind nicht antichinesisch, wir fordern nur unsere Grundrechte. Das wollen wir in der chinesischen Öffentlichkeit klarstellen. Die staatliche Propaganda hat seit März letzten Jahres so viel Hass gegen uns geschürt. Viele Tibeter erzählen beispielsweise, dass sie früher in Peking oder Shanghai problemlos ein Hotelzimmer bekamen. Seit den Unruhen sei es enorm schwierig.
Die chinesische Führung setzt auf Nationalismus, um das ideologische Vakuum unter dem Turbokapitalismus zu füllen. Uiguren-Führerin Kadeer spricht von wachsendem Rassismus. Was ist Ihre Erfahrung?
Lassen Sie mich Klartext reden: Im Zuge der sogenannten «demokratischen Reformen» hat die chinesische Regierung in den 50er- und 60er-Jahren die gesamte Bevölkerung auf kommunistischen Kurs zu bringen versucht und sowohl den Nationalismus der Minderheiten als auch den Han-Chauvinismus unterdrückt. Heute schürt sie den Han-Chauvinismus – und geht gegen den Nationalismus der Minderheiten vor.
Bilder von Ihnen aufzuhängen, ist in Tibet verboten. Peking wirft Ihnen vor, «ein Wolf im Mönchsgewand» zu sein. Westliche Medien kritisieren, dass Sie, der Toleranz in aller Welt predigt, ein überholtes, repressives System verkörpern. Steckt da nicht ein Funken Wahrheit drin?
Ich kann nur sagen: Mein Vorgänger, der 13. Dalai Lama, hat erste Schritte unternommen, um Reformen in Tibet durchzuführen. Ich habe die Reformen 1952, nachdem ich die Verantwortung übernommen hatte, fortgeführt. Seit 2001 haben wir eine demokratisch gewählte politische Führung im Exil. Ich habe mich in den Halbruhestand zurückgezogen. Damit haben 400 Jahre geendet, in denen der Dalai Lama politischer und religiöser Führer zugleich sein musste. Kein einziger Tibeter denkt auch nur daran, das alte System zu restaurieren. Das ist eindeutig. Aber die chinesische Propaganda geht darüber einfach hinweg (lacht).
Haben Sie die Hoffnung aufgegeben, zu Ihren Lebzeiten noch eine Übereinkunft mit der Führung in Peking zu erreichen?
Noch nicht ganz. Es gibt Anzeichen, dass Peking den 2002 aufgenommenen Dialog, der nach acht Runden im vergangenen Oktober zum Erliegen gekommen ist, wieder aufnehmen könnte. Das ist eine Einschätzung, überhaupt nicht offiziell. Die chinesische Führung scheint in der Minderheitenpolitik gespalten zu sein. Nach den jüngsten Unruhen gibt es Stimmen, die eine Kursänderung in der Minderheitenpolitik befürworten. Wenn die chinesische Regierung gesunden Menschenverstand walten lässt...(stockt)
Es ist nicht zu übersehen, dass die Ressentiments in Tibet seit dem Einmarsch der Volksbefreiungsarmee nicht abgenommen haben. Sie pflanzten sich von Generation zu Generation fort. Und wenn sich die chinesische Politik nicht ändert, wird es auch so bleiben. Das kann in niemandes Interesse sein.
Peking hat sich vor den Olympischen Spielen nur unter internationalem Druck überhaupt zu Gesprächen bereit erklärt. Was für Fragen standen dabei im Zentrum?
Uns ging es in erster Linie um eine Beruhigung der Situation in Tibet und um Fairness und Gerechtigkeit bei der Aufarbeitung der Unruhen. Ich habe diesbezüglich an die chinesische Regierung appelliert. So haben wir uns auf Gespräche verständigt. Diese wurden wiederholt verschoben. Erst kam das Erdbeben in Sichuan dazwischen, dann realisierten wir, dass der von Peking vorgeschlagene Termin zusammenfiel mit der Ankunft des olympischen Fackellaufs in Lhasa. So wurde es Juli 2008. Unsere Vertreter brachten vor, dass die Probleme in Tibet nur mit einer echten Autonomie wirklich zu lösen sind. Die chinesischen Unterhändler wollten wissen, was die Tibeter darunter genau verstehen. Daraufhin erarbeiteten wir ein Memorandum, das detailliert darlegt, wie die von uns geforderte Autonomie aussieht. Und wie sie innerhalb der Verfassung der Volksrepublik zu realisieren ist. Das Memorandum wurde der chinesischen Regierung im vergangenen Oktober übergeben – und von dieser in Bausch und Bogen verworfen.
Warum?
Die chinesischen Unterhändler sprachen von einem verkappten Versuch, die Unabhängigkeit zu erlangen. Sie behaupteten, die geforderten Autonomierechte seien mit der chinesischen Verfassung unvereinbar.
Ursprünglich haben Sie sich für eine Autonomie eingesetzt, die Peking nur die Aussen- und Verteidigungspolitik überlässt. Geht der heutige Vorschlag weiter?
Wir haben realisiert, dass unsere Vorstellungen von Demokratie – mit einer gewählten Regierung und einem Parlament – innerhalb Chinas nicht zu realisieren sind, solange die Volksrepublik nicht selbst demokratischer wird. Das Ideal haben wir nicht aufgegeben. Aber heute fordern wir einfach, dass alle tibetischen Gebiete einer eigenen Administration, einer Selbstverwaltung unterstellt werden.
Gab es Vorschläge, welche die chinesische Regierung akzeptiert hat?
Keinen einzigen. Aber die chinesische Regierung ist dafür bekannt, in Verhandlungen lange Zeit absolut keine Zugeständnisse zu machen. Vielleicht lässt sie am Ende doch ernsthaft mit sich reden.
Mit dem Dalai Lama sprachen Thomas Knellwolf und Manuela Kessler in Frankfurt
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.08.2009, 08:51 Uhr
Schweiz
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!




