«Ich glaube nicht, dass Blocher den Job bekommt»
Von Hubert Mooser. Aktualisiert am 20.06.2009 92 Kommentare
Herr Johansson, Herr Blocher hat seine Bewerbung für den Ethik-Lehrstuhl abgeschickt.
Ja ich habe es gesehen. Es ist ihm offenbar sehr ernst damit. Ich habe ihn letzthin an einer Diskussion in St.Gallen getroffen. Und er hat mir schon dort vor 230 Zuschauern bestätigt, dass er wirklich in St.Gallen Ethik dozieren will. Es ist ihm wahrscheinlich ein bisschen langweilig und er sucht jetzt ein neues Betätigungsfeld.
Was halten Sie von seiner Bewerbung?
Sie zeigt seine Entschlossenheit. Er ist überzeugt davon, dass er einen Beitrag für die Wissenschaft leisten kann. Er will diesen Job. Das ist nicht einfach eine Provokation.
Und das lesen Sie alles in seinen Bewerbungsunterlagen?
Ich stelle fest, dass er mit seiner Bewerbung das System herausfordert. Einerseits mit seinem Alter. Er ist ja bekanntlich nicht mehr der Jüngste. Er sagt sich aber: Wieso soll nicht ein 67 jähriger gegenüber einem 47 jährigen berücksichtigt werden. Er fordert das System aber auch dadurch heraus, weil er den Job ehrenamtlich ausüben will. So etwas hat es bisher noch nicht gegeben.
Ihr Job ist es, Spitzenkräfte zu möglichst hohen Gagen Unternehmen anzubieten. Finden sie es gut, dass jemand ehrenamtlich dozieren will?
Ich finde es nicht schlecht. Weil Blocher Wirtschaftsethik aus einer anderen Optik betrachtet. Bisher wurde dieses Fach doch fast immer aus einer Antikapitalistischen Ecke doziert. Wirtschaftsethik ist aber viel mehr.
Und darum ist Blocher der richtige für den Job?
Seine Qualifikation sind hervorragend und vor allem sind sie sehr breit. Er hat eine breite Erfahrung. Als Unternehmer. Als Politiker. Als Manager. Er würde eine neue Dimension in die Wirtschaftsethik bringen. Eine, die in der Schweiz bisher noch nicht doziert wird. Und er würde die Hörsäle füllen.
Was würden sie ihm den raten?
Sein grösstes Problem ist die Altersgrenze. Ich würde ihm sagen: «Herr Blocher, versuchen sie die Verantwortlichen der Hochschule St.Gallen zu überzeugen, dass wenn sie ihn anstellen, die Uni 200 000 oder 250 000 Franken pro Jahr sparen kann. Und dass sie mit diesem Geld einen anderen Lehrstuhl finanzieren können. Und dass sie dafür einen erfahrenen, engagierten Wirtschaftskenner, Unternehmer und Politiker, der Wirtschaftsethik aus einem anderen Blickwinkel kennt, als Dozenten kriegen».
Das ist alles?
Er müsste ihnen auch klarmachen, dass es vielleicht nicht schlecht ist, wenn sie wieder einmal einen Schweizer Dozenten anstellen.
Christoph Blocher ist bisher aber nicht als grosser Wirtschaftsethiker aufgefallen.
(Lacht) Er will diesen Job. Man muss ihn ernst nehmen. Nicolas Hayek ist 13 Jahre älter als Christoph Blocher. Und er arbeitet immer noch mit Hochdruck. Wenn Hayek mit 80 Jahren das machen kann, dann kann Blocher mit 67 Jahren eine Dozentenstelle übernehmen.
Dass er dazu imstande ist zweifelt niemand, er hat aber nicht unbedingt den Ruf eines Ethikers.
Man kann Wirtschaftsethik von verschiedenen Seiten anschauen. Blocher ist ein Mensch, der sich für Arbeitsplätze einsetzt. Er glaubt an den Wirtschaftsstandort Schweiz. Das ist auch wichtig, weil sonst viele Arbeitsplätze nach Russland verlagert werden. Und er glaubt an Unternehmertum und Freiheit. Wirtschaftsethik ist nicht nur einfach etwas provokatives, linkes, kritisches.
Würde Sie ihn einstellen?
Ich habe bei der HSG nichts zu sagen. Er muss das Auswahlverfahren durchlaufen. Ich glaube aber nicht, dass er den Job bekommen wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.06.2009, 13:01 Uhr
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