«Ich habe mich selber rehabilitiert»

Uschi Waser wurde ihrer jenischen Mutter weggenommen und verbrachte die Kindheit in 23 Heimen. Doch das Schlimmste kam später: Die Einsicht in ihre eigene Akte.

«So weit waren wir noch nie»: Uschi Waser vor ihrem Haus in Holderbank. Foto: Reto Oeschger

«So weit waren wir noch nie»: Uschi Waser vor ihrem Haus in Holderbank. Foto: Reto Oeschger

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Sie wartet am Bahnhof Brugg mit einem hellblauen Sportwägeli, wie sie im Voraus angekündigt hat. Ein Cabriolet, das sie sich mithilfe ihres Mannes gekauft hatte. Ihr zweiter Mann, den sie vor 15 Jahren heiratete, sei ein wahrer Goldschatz, sagt sie.

Man mag es ihr gönnen. Erst recht nach einem Blick in ihren Lebenslauf auf ihrer Website. Dort dokumentiert Uschi Waser, wie es ihr als Betroffene des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» ergangen ist. Unter der Schirmherrschaft der Pro Juventute nahm die Organisation zwischen 1926 und 1973 rund 600 jenische Kinder ihren Familien weg und platzierte sie in Heimen oder bei Pflegefamilien.

Eines dieser Kinder war Ursula Maria Waser, geboren 1952, Heimatort Obervaz GR, «illegal», wie es auf dem Transportbefehl heisst, den der Landjägerposten Samaden drei Monate nach ihrer Geburt ausstellt. Uschi Waser kommt ins Kinderheim, ins erste von 23 Heimen, in denen sie bis zur Volljährigkeit untergebracht wird. Zwischendurch geht sie zurück zur Mutter, die sie aber bald wieder weggibt. Sie ist überfordert, allein mit vier Kindern von vier Männern, und sie befindet sich im Dauerstreit mit der Pro Juventute. «Die Pro Juventute wollte verhindern, dass meine Mutter weiss, wo ich bin», erzählt Waser. Deshalb die Umplatzierungen.

«Erneuter Ableger»

Nach ihren Erinnerungen an die Kindheit gefragt, sagt sie, zu Hause in Holderbank am Küchentisch, vor einem Glas Wasser: Als kleines Kind habe sie nicht viel mitbekommen. Später, als Teenager, habe sie stets gehofft, dass etwas passiere, ein Unglück, damit es vorbei wäre. Vorbei war es fürs Erste, als sie mit 19 Jahren heiratete, wenige Monate, nachdem sie das letzte Heim verlassen hatte. Mit der Heirat war sie endlich den verhassten jenischen Namen los: Kollegger.

Doch das Schlimmste stand ihr noch bevor. Es war nicht das Scheitern der ersten Ehe, nicht die glücklose zweite Partnerschaft, aus der die zweite Tochter hervorging. Es waren auch nicht die strengen Jahre als alleinerziehende Mutter, in denen sie nachts im Pflegeheim Wache hielt und tagsüber zu den Töchtern schaute. Es war der Moment, in dem Uschi Waser erfahren hat, was die Behörden, Betreuer und Vormünder über sie geschrieben hatten, als sie ein Kind war. Das Schlimmste war das Lesen ihrer eigenen, umfangreichen Akte («3500 Seiten, 25 Kilo»), die sie mit 37 Jahren erstmals einsehen konnte. Das war Ende der Achtzigerjahre, der Fichenskandal beschäftigte die Schweiz. Da meldeten sich ehemalige fremdplatzierte Kinder jenischer Eltern, die ihre Akte einsehen wollten. Uschi Waser kämpfte an vorderster Front dafür. Heute sagt sie: «Es ist zweischneidig, solche Akten zu lesen. Einerseits wollte ich wissen, was da steht. Anderseits hat mich das zerstört. Und es lässt mich bis heute nicht los.»

«Erneuter Ableger an Vagantität» stand als Vermerk zu ihrer Geburt. Über die Vierjährige notierten die Betreuer, sie habe es «ausserordentlich auf die Buben abgesehen». Die Rede ist von «krankhafter Lügenhaftigkeit», «Schwererziehbarkeit», sie sei «moralisch schwierig», wolle ständig abschleichen, besitze «typische Eigenschaften von Vagantenkindern».

Freispruch für den Stiefvater

Nun war ihr klar, warum sie den Prozess gegen den Mann ihrer Mutter verloren hatte, den sie als 15-Jährige wegen Vergewaltigung angezeigt hat. In der Urteilsbegründung hiess es, die Nebenklägerin habe sich zwar nicht widersprochen. Doch angesichts ihrer Vorgeschichte und aufgrund fehlender Beweise wurde der Stiefvater freigesprochen. «Wie hätte ich eine Chance haben sollen bei allem, was in meinen Akten über mich geschrieben steht?»

Das Aktenlesen veränderte für Uschi Waser alles, wie sie sagt. Sie weinte tagelang, konnte an nichts anderes mehr denken. Den Job als Pflegerin gab sie auf, liess sich zur Spielgruppenleiterin weiterbilden und gründete eine Spielgruppe, die sie noch heute leitet. Mit ihrem erlernten Beruf, Damenschneiderin, will sie bis heute nichts zu tun haben. «Wenn Sie drei Jahre lang hinter Stacheldraht und hohen Mauern etwas lernen müssen, haben Sie nachher keine Lust mehr darauf.»

In der Zeit nach der Akteneinsicht erwog sie, Suizid zu begehen, der Töchter wegen habe sie es nicht getan. Auch Auswandern sei eine Option gewesen «und die Eidgenossenschaft im Ausland anklagen». Ihr Weg war dann ein anderer: Sie begann sich zu engagieren. Als Präsidentin des Vereins Naschet Jenische (Steht auf, Jenische), als mediales Gesicht eines dunklen Schweizer Kapitels. Später nahm sie Einsitz am runden Tisch für die Opfer von Zwangsmassnahmen und in der Taskforce für die Verbesserung der Zukunft der Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz. Die Taskforce will diesen Sommer einen Aktionsplan verabschieden, der unter den Beteiligten für Dissonanzen sorgt. Uschi Waser sagt: «So weit waren wir noch nie, dass viele Interessengruppen und Behörden an einem Tisch sitzen. Das ist ein Anfang.»

Hunderte Opfer leben noch

Wenn Uschi Waser von früher erzählt, kommen die Emotionen hoch. Ansonsten geht es ihr gut. Sie hat das Auto, das ihr sehr wichtig ist, mit dem sie jederzeit davonbrausen könnte. Die Kinder und Enkel sind wohlauf. Doch da bleibt diese Akte, da bleiben diese Boshaftigkeiten über sie, schwarz auf weiss, geschrieben von Leuten, die sie hätten beschützen müssen. Was kann man da machen? Uschi Waser könnte ihre eigene Stellungnahme niederschreiben und sie zu den Akten legen, die im Bundesarchiv aufbewahrt werden.

Doch das genügt ihrer Ansicht nach nicht, weil sie laut der Akte eine «krankhafte Lügnerin» sei. «Was bringt das, wenn eine krankhafte Lügnerin ihr eigenes Plädoyer beibringt? Das ist nicht glaubwürdig.» Fachleute müssten es tun, der Bund müsste es veranlassen, sagt sie. Und: Dieses Stück Schweizer Vergangenheit sei Stoff für die Geschichtswissenschaften, und es gehöre in die Schulbücher.

Noch seien die Betroffenen nicht rehabilitiert. «Ich habe mich selber rehabilitiert, durch mein Engagement. Andere können das nicht.» Historiker gehen von mehreren Hundert Personen aus, die heute noch an den Folgen dieser Politik leiden. Viele leiden still, manche sind in der Psychiatrie gelandet oder einer Sucht verfallen.

Uschi Wasser hat die Kurve gekriegt. Kein Wunder, denkt man sich bei ihrem Anblick. Denn diese Frau strahlt viel Verständnis und Klugheit aus. Und enorm viel Widerstandsgeist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2016, 21:03 Uhr

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Wendepunkt vor 30 Jahren

Am 3. Juni 1986 ereignete sich im Nationalratssaal Denkwürdiges. Es kam zu einer Debatte über Bundesgelder für die Pro Juventute, die in die Schlagzeilen geraten war, weil Opfer ihres früheren «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» die Herausgabe ihrer Akten forderten. CVP-Innenminister Alphons Egli sagte ins Mikrofon, es stimme, dass den Fahrenden mit Unterstützung des Bundes die Kinder weggenommen worden seien. Und er entschuldigte sich dafür, «dass dies passieren konnte».

Heute, 30 Jahre später, treffen Vertreter von Jenischen-Organisationen im Bundeshaus die Nationalratspräsidentin Christa Markwalder (FDP) zu einem Austausch. Zudem will der Bund in diesem Sommer seinen Aktionsplan zur Verbesserung der Situation der Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz verabschieden. Doch die Arbeiten gestalten sich schwierig. Die Bewegung der Schweizer Reisenden hatte die Taskforce, bestehend aus Vertretern von Bund, Kantonen, Gemeinden, Betroffenen und NGOs, schon nach der zweiten Sitzung verlassen. Der Aktionsplan sei schlecht für die Schweizer Jenischen, sagt Mike Gerzner, Präsident der Bewegung. Der Bund sei nur für die Standplätze der ausländischen Transitfahrenden zuständig, nicht aber für die der Schweizer Fahrenden. Diese würden ausserdem zu einem Intelligenztest verpflichtet, falls sie ihre Kinder selber unterrichteten.

Angela Mattli von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GFBV), die sich an der Taskforce beteiligt, lobt zwar das Engagement des Bundes. Sie sagt aber: «Die Erfahrungen zeigen, dass es der Schweiz schwerfällt, diesem Teil der Bevölkerung seinen Platz in der Gesellschaft einzugestehen.» Am Geld kann es nicht liegen, das Budget für die Minderheiten beträgt rund 700'000 Franken pro Jahr. Doch es fehlten laut Mattli ein Konzept für den Einsatz der Mittel sowie fundiertes Wissen über die Geschichte und ­Kultur der drei Minderheiten. (bl)

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