«Ich kenne kein Virus, das so unheimlich ist wie dieses»
Von Fabienne Klenger. Aktualisiert am 29.11.2011 1 Kommentar
Sorgt für Unruhe: Der renommierte Grippeforscher Ron Fouchier.
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In Steven Soderberghs «Contagion» bricht ein tödliches Virus aus, das sich rasend schnell verbreitet. Wissenschaftler rätseln darüber, wie man das Virus bekämpfen könnte, während immer grössere Teile der Bevölkerung dahingerafft werden und ein fanatischer Blogger zusätzlich Massenpanik auslöst.
Wie nahe der Film an der Realität ist, zeigen neue Forschungsresultate, die Epidemiologen aufhorchen und Sicherheitsexperten erschaudern lassen. Der niederländische Virologe Ron Fouchier und seine Arbeitsgruppe wollten herausfinden, welche genetischen Eigenschaften nötig wären, um den tödlichen «Vogelgrippe-Virus» leicht von Mensch zu Mensch übertragbar zu machen, wie eine herkömmliche Grippe. Denn das Virus H5N1 ist zwar so aggressiv, dass mehr als die Hälfte der 570 Patienten, die sich seit 2003 damit infizierten, an der Erkrankung starben. Doch von Mensch zu Mensch ist es bislang nicht übertragbar.
Übertragbar wie eine Wintergrippe
Über seine Erkenntnisse sprach Fouchier erstmals im September, an einem Forschertreffen in Malta. Die Wissenschaftsmagazine «New Scientist» und «Scientific American» berichteten damals über seinen Vortrag. Um seine Forschungsfrage zu beantworten, verwendete Fouchier in seinem Labor in Rotterdam einen Virus-Stamm, den er durch Veränderungen im Genom leichter übertragbar machen wollte. Doch seine Forschungsobjekte, Frettchen, liess das noch unbeeindruckt. Fouchier entschloss sich, auf althergebrachte Weise zu experimentieren. Er setzte den Tieren seine mutierten Viren auf die Nasenschleimhaut. Den so infizierten Frettchen entnahm er Isolate und setzte sie gesunden Tieren in die Nase. Nachdem er das zehnmal wiederholt hatte, wurde das Virus so leicht übertragbar wie eine Wintergrippe – die Tiere steckten sich einfach über die Luft an, via Tröpfcheninfektion.
Es gibt Epidemiologen, welche die Forschung von Ron Fouchier unterstützen. Sie erhoffen sich durch die neuen Erkenntnisse, ihren Massnahmenkatalog gegen Pandemien testen und verbessern zu können. Andere nehmen die Forschungsergebnisse nicht ganz so freudig zur Kenntnis. «Ich kenne keinen anderen pathogenen Organismus, der so unheimlich ist wie dieser», sagt Paul Keim vom «US National Science Advisory Board for Biosecurity» (NSABB). «Im Vergleich dazu macht mir Anthrax keine Angst.» Das NSABB untersucht gegenwärtig, ob die Studie von Fouchier publiziert werden darf. Ursprünglich war vorgesehen, die Resultate in «Science» zu veröffentlichen.
Sicherheitsexperten fürchten, dass das Wissen von Fouchier in den Händen von ein paar Verrückten zur gefährlichen Massenvernichtungswaffe werden könnte, oder, dass das Virus unwillentlich den Weg aus dem Labor in Rotterdam finden könnte. In den Atemwegen von zunächst ein paar wenigen und bald darauf Millionen Menschen könnte es so ganze Länder dahinraffen. «Mit dieser Forschung hätte man gar nie anfangen dürfen», sagt Richard Ebright, Molekularbiologe an der Rutgers Universität in New Jersey und am Howard Hughes Medical Institut. Das NSABB wird seine Beurteilung der Studie bald vorlegen. Bis dahin bleibt offen, ob «Science» die Daten publizieren wird oder nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.11.2011, 10:31 Uhr
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