«Ich kenne viele Lehrer, die es fast ‹verjagt›»
Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 03.07.2010
Peter Schwarzenbach war von 1971 bis 1996 Dozent für Erziehungswissenschaften und allgemeine Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Heute ist er Betriebspsychologe bei Verkehrsunternehmen.
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Herr Schwarzenbach, die Schweiz leidet an akutem Lehrermangel. Warum überhaupt?
Das hat viele Gründe. Einerseits hat sich das Ansehen des Lehrberufs verändert, andererseits die Ausbildung, und es werden immer mehr Aufgaben und Anforderungen an die Lehrer herangetragen.
War das nicht früher schon so?
Die Probleme sind sicher heftiger als auch schon. Früher war der Lehrer eine Autoritätsperson. In den Jahren 1968 bis 1978 entwickelte sich eine heftige antiautoritäre Haltung. Der Lehrer wurde teilweise sogar zum Spielball der Gesellschaft. Alle wollten beim Unterricht mitreden und allenfalls ihren Frust über eigene frühere Schulerlebnisse ablassen. So hat sich das Image des Lehrers drastisch geändert.
Wo orten Sie genau das Problem?
Der Lehrermangel hat auch mit dem zunehmenden Druck des Erzieherkonflikts zu tun. Dies ist das innere Dilemma des Lehrers, einerseits den Schüler zu verstehen und andererseits bestimmte Massnahmen durchzusetzen. Dieser Erzieherkonflikt ist grösser denn je. Und daran zerbrechen viele junge Lehrer. Weil sie es nicht schaffen, sauber zwischen Spielregeln sowie Anordnungen und Wünschen zu trennen. Was entsteht, ist ein Wischi-Waschi-Betrieb.
Was für Spielregeln?
Regeln, die ein sinnvolles Zusammenleben ermöglichen. Etwa, dass alle ruhig sind, wenn einer spricht. Es braucht nur wenige Spielregeln. Sie sind in einem ruhigem Moment mit möglichst allen Schülern zu erarbeiten. Sie gelten sowohl für die Schüler als auch für den Lehrer. Die Spielregeln sind nötigenfalls autoritär durchzusetzen und dürfen nicht geändert werden.
Und das können die jungen Absolventen der Pädagogischen Hochschulen nicht?
Sie sind heute zwar akademischer geschult, aber bezüglich des Umgangs mit Spielregeln zu wenig trainiert. Daher halten sie den Erzieherkonflikt häufig schlecht aus. Keiner will autoritär sein, alle wollen nett und cool sein. Aber so funktioniert das nicht.
Heute geben sehr viele PH-Absolventen ihr Lehrerdasein nach wenigen Jahren auf. Fehlt ihnen die Berufung?
Ach, das ist so ein Schlagwort. Nein, das ist nicht der Grund. Sie haben einfach zu viel am Hals. Immer mehr Leute wollen mitreden: Eltern, Schulleitung, Kollegen, Politiker. Die Lehrer geraten so von mehreren Seiten unter Druck. Dazu kommt, dass sie an Teamsitzungen teilnehmen müssen, wo vielfach nur geplaudert wird. Wenn ein Lehrer nicht unheimlich begabt ist, das alles zu managen, wird es schwierig.
Hat eine Rollenverschiebung stattgefunden?
Eigentlich nicht. Früher konnte sich einer vielleicht besser auf seinen Anordnungen ausruhen, weil was er sagte, einfach galt. Es ist schon richtig, dass diese Autorität infrage gestellt wurde. Aber wir haben das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und vergessen, dass wir Spielregeln brauchen, um ein sinnvolles Zusammenleben zu regeln. Auch wenn es manchmal unangenehm ist, diese durchzusetzen.
Das ist der Hauptgrund für den Lehrermangel?
Es ist ein wesentlicher Teil der Problematik, der selten beachtet wird. Ich kenne viele Lehrer, die es fast «verjagt», weil sie damit so grosser Probleme haben. Da sage ich: Entweder kannst du es, oder du musst damit aufhören. Ich lade jeden ehemaligen Studenten zum Essen ein, wenn er immer noch im Schuldienst ist.
Wie weit darf man beim Durchsetzen der Spielregeln gehen?
Heute darf man ein Kind ja nicht mal mehr am Arm packen. Da braucht es mehr Geduld, um eine Spielregel druchzusetzen. Bis Kinder ganz wenige Spielregeln einhalten können, braucht es viel Training. Der Lehrer muss bis zum Äussersten gehen, sonst ist das Arbeitsklima gefährdet. Aber bei einem Fussballspiel werden die Regeln auch autoritär durchgesetzt.
Die Trägerkantone der drei grössten Pädagogischen Hochschulen schlagen zwei Massnahmen vor, um gegen den Lehrermangel anzukämpfen: ein attraktiveres Ausbildungsprogramm für Quereinsteiger und die Möglichkeit der Nachqualifikation für Primarlehrer für die Sekundarstufe I.
Quereinsteiger zu fördern, ist eine gute Idee, sofern die praktische Ausbildung stimmt. Bei der Nachqualifikation fürchte ich jedoch, dass diese demoralisierend wirken kann. Da denkt sich doch jeder Sek-I-Lehrer: Warum habe ich eigentlich drei Jahre studiert, wenn jetzt einer kommt und nach einem Vierteljahr dasselbe machen darf? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.07.2010, 15:58 Uhr
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