«Ich staune, dass sich der Mann immer noch nicht gemeldet hat»
Von Simone Lippuner. Aktualisiert am 16.07.2010 53 Kommentare
Uwe Ewert (Bild: zvg)
Zur Person
Uwe Ewert ist 51 Jahre alt und Verkehrspsychologe. Seit 1993 arbeitet er in der Forschungsstelle der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) in Bern.
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«Die Opfer wollen reden»
Viele fragen sich, wieso der Verlobte des Opfers das dramatische Erlebnis in vielen Medien bis ins Detail schildert. Wie die Notfallpsychologin Jacqueline Frossard erklärt, ist so ein Verhalten aber typisch: «Opfer wollen reden. Es ist wichtig, dass sie reden können, um das Erlebte zu verarbeiten.»
Dass es vor allem Medienleute sind, mit denen der Angehörige spricht, findet die Psychologin heikel. Sie ist überzeugt, dass er nicht abschätzen kann, was er mit seiner öffentlichen Präsenz auslöst. Ein solches Erlebnis sei bei einem Menschen überpräsent. Es könne Belastungsstörungen auslösen.
Herr Ewert, wird sich der Unfallfahrer vom Bielersee der Polizei noch stellen?
Uwe Ewert: Das ist schwierig zu beurteilen. Es erstaunt mich, dass sich der Mann immer noch nicht gemeldet hat. Die Aufklärungsquote bei schweren Delikten ist so hoch, dass er mit grosser Wahrscheinlichkeit sowieso entdeckt wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Leute, die mit ihm auf dem Boot gewesen sein sollen, zurzeit am Abwägen der Konsequenzen sind: Verliere ich meinen Job? Mein Ansehen? Wie stehen die Chancen, dass wir nicht entdeckt werden? Doch klar ist ja, dass es an der tragischen Tatsache nichts mehr zu ändern gibt.
Wieso hat der Mann Fahrerflucht begangen?
Flucht ist ein menschlicher Impuls. Aber die eigentlich kindliche Reaktion, in Panik davonzurennen und sich unter Mutters Rockzipfel zu retten, ist hier absolut nicht angebracht: Dieser Mann ist erwachsen und muss die Konsequenzen seines Verhaltens tragen. Grundsätzlich kann man sagen, dass bei leichteren Unfällen und unter Alkoholeinfluss eher Fahrerflucht begangen wird als nüchtern und bei schwereren Unfällen.
Wie fühlt sich wohl der flüchtige Fahrer jetzt?
Ich denke schon, dass er mit schweren Gewissensbissen zu kämpfen hat. Aber es gibt natürlich auch seltene Extremfälle, wo jemand in so einer Situation emotional unberührt bleibt. Das sind dann aber Menschen mit einer krankhaften Persönlichkeitsstörung.
Könnte er seine Schuld aus dem Bewusstsein löschen?
Ein derart kritisches Lebensereignis sollte nicht abspaltbar sein. Man kann zwar auch ein tragisches Unglück im Lauf von mehreren Jahren verdrängen. Doch jetzt ist dem Mann seine Schuld sicher absolut präsent.
Wie kann sich der Druck durch die Medien auf ihn auswirken?
Ich schätze diesen Druck als sehr negativ ein. Im Moment findet ja eine Art Treibjagd statt. Das macht es für den Unfallfahrer viel schwerer, sich der Polizei zu stellen. Die Situation wird für den Mann mit jedem Tag, wo er sich nicht meldet, schlimmer.
Wie könnten die Konsequenzen aussehen?
Jemand wie dieser Mann dürfte Mühe haben, morgens in den Spiegel zu schauen. Einen schweren Unfall zu bauen, ist eine Sache. Nicht zu seiner Schuld zu stehen, die andere. (Berner Zeitung)
Erstellt: 16.07.2010, 10:27 Uhr
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53 Kommentare
@Huber: Was ein Menschenleben bedeutet, hat Josef Ackermann der Deutschen Bank ja längst klar ausgedrückt: Kostenfaktor. Er selber arbeitet ja wohltätig und kennt die Unterschiede. Zur Sache: Es ist egal, ob der Mörder das Boot aus Spass, betrunken oder nüchtern, angepeilt hat, ein Gewissen hat er keines. Die Vermutung ist gestattet, dass vergange Zeit den Alkoholpegel reduziert - umso schlimmer!! Antworten
Interessant wie wir enorm Mühe damit haben, einzugestehen, dass es diese rücksichtslosen Menschen die bildlich und wörtlich über Leichen gehen, eben sehr wohl gibt. Gibt es noch nicht ausreichend Wiederholungstäter, die aus ihren schweren Vergehen gar nichts gelernt haben? Aha, die haben alle eine Persönlichkeitsstörung, und wir Pech, wenn wir denen im Weg sind... . Antworten
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