«Ich werde meinen Spenderausweis zerreissen»

Patientenschützerin Margrit Kessler kritisiert die Pläne des Bundesrats, die Organ-Entnahme zu erleichtern.

Bei Sterbenden sollten keine Schläuche angebracht werden, um Organentnahmen zu erleichtern, sagt Kessler: Ein Arzt bei der Arbeit. Foto: Reto Oeschger

Bei Sterbenden sollten keine Schläuche angebracht werden, um Organentnahmen zu erleichtern, sagt Kessler: Ein Arzt bei der Arbeit. Foto: Reto Oeschger

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Gut 1100 Personen warten in der Schweiz auf ein Spenderorgan, das ihr Leben rettet. Nun will der Bundesrat mit verschiedenen Massnahmen die Zahl der Organspender von heute rund 100 auf 160 pro Jahr erhöhen. Auf die sogenannte Widerspruchslösung will die Regierung aber auch weiterhin verzichten: Voraussetzung für eine Organentnahme bleibt damit die explizite Ermächtigung durch den Patienten. Hat er keine Anordnung getroffen, entscheiden die Angehörigen. Die geplante Revision des Transplantationsgesetzes gibt dennoch zu reden. Patientenschützerin Margrit Kessler nimmt zum Vorhaben Stellung.

Der Bundesrat will die Zahl der Organspender erhöhen. Das müsste Sie als Patientenschützerin eigentlich freuen?
Der Aktionsplan freut mich selbstverständlich. Das Gesetz ermöglicht aber Massnahmen, die wir nicht akzeptieren können.

Gemäss Gesetzesentwurf sollen Angehörige künftig bereits dann für eine Organentnahme angefragt werden, wenn entschieden ist, dass die lebenserhaltenden Massnahmen abgebrochen werden. Was ist daran falsch?
Das stört mich nicht. Das war schon vor zwanzig Jahren Praxis. Die Angehörigen müssen sich irgendwann mit der Frage der Organspende auseinandersetzen, sofern der Patient nichts angeordnet hat.

Ist das ethisch nicht fragwürdig? Die Angehörigen entscheiden hier im Interesse der Empfänger, obwohl der Patient noch lebt.
Wenn der Hirntod eingetreten ist, muss es manchmal schnell gehen, damit die Organe keinen Schaden nehmen.

Umso wichtiger scheint es, dass der Arzt vor dem Eintreten des Hirntods Massnahmen treffen kann, wie es der Bundesrat will.
Dagegen wehre ich mich. Operative Massnahmen vor Eintreten des Hirntods dürfen wir nicht akzeptieren. Über solche Massnahmen zugunsten eines Dritten darf auch kein Angehöriger befinden. Das ist allein Sache des Patienten. Hat er dies vorher nicht ausdrücklich zugelassen, ist ein Eingriff ausgeschlossen. Wir müssen in diesem Fall ein würdevolles Sterben ermöglichen.

Der Bundesrat nennt drei denkbare organerhaltende Massnahmen: das Abgeben eines Gerinnungshemmers und eines Blutgefäss-Erweiterers sowie das Setzen von Schläuchen.
Ich will verhindern, dass dem Sterbenden Schläuche operativ angebracht werden, damit seine Organe nach Eintritt des Hirntods unverzüglich an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden, wie das in Spanien üblich ist. Das ist im Gesetz explizit auszuschliessen. Es darf keine Operationen an Lebenden zugunsten eines Dritten geben, denen der Patient nicht zugestimmt hat.

Fachleute sprechen von einer geringen Belastung für den Sterbenden.
Das ist eine Definitionssache. Für mich ist jedenfalls klar: Wenn die Vorlage so durch das Parlament kommt, werde ich meinen Organspenderausweis zerreissen.

Eigentlich ändert das Gesetz ja nicht viel. Was der Bundesrat plant, ist in verschiedenen Spitälern zumindest teilweise bereits Praxis.
Das ist inakzeptabel. Die Ärzte haben einfach die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften übernommen, bevor das Parlament die Gesetzesänderung genehmigt hat. Deshalb ist es mir wichtig, dass wir die operativen organerhaltenden Massnahmen vor dem Hirntod ausdrücklich verbieten. Gewisse Ärzte unternehmen alles, was nicht explizit verboten ist.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.03.2013, 09:48 Uhr)

Margrit Kessler ist grünliberale Nationalrätin und Präsidentin der Stiftung Patientenschutz.

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