«Ich wünschte mir nie einen Papi»

Wie ist es, mit zwei lesbischen Müttern ­aufzuwachsen? Ganz normal, sagt einer, der es erlebt hat. Der 31-jährige Pan Gander erzählt aus seiner Kindheit.

Wuchs mit zwei Müttern auf: Pan Grander in der Küche seiner WG.

Wuchs mit zwei Müttern auf: Pan Grander in der Küche seiner WG. Bild: Béatrice Devènes

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«Ich bin Pan», sagt Pan Gander, 31 Jahre alt, gelernter Kaufmann, Senn auf Zeit und Imker aus Berufung, als Erstes am Telefon. «Komm doch zu mir nach Hause.» Und man merkt sogleich: Der Mann ist unkompliziert, herzlich – und offen. Seine Offenheit zeigt sich auch bei der persönlichen Begrüssung ein paar Tage später. Noch bevor die Journalistin die Hand ausstrecken kann, hat Gander sie bereits umarmt.

Der Mann mit den klaren blauen Augen und den langen blonden Locken wohnt zusammen mit vier Mitbewohnern in einer Wohnung der alternativen Genossenschaft Brasserie Lorraine in Bern. Aufgewachsen ist er in einem 2500-Seelen-Dorf bei Biel – zusammen mit seiner Mutter und deren Lebenspartnerin. Die beiden Frauen sind seit 28 Jahren ein Paar; als sie sich kennen lernten, war Gander drei Jahre alt, für beide war es die erste lesbische Beziehung.

Erinnerungen an seinen Vater hat Gander kaum. Seine Mutter habe seinen Vater sehr geliebt, doch die Schwangerschaft sei ein Unfall gewesen, sagt er. Also hätten die beiden geheiratet. Zweieinhalb Jahre nach der Geburt folgte die Trennung, der Kontakt zwischen Vater und Sohn brach ab. Als Gander 13 war, verstarb der Vater. «Er war immer etwas Abstraktes für mich. Ein fremder Mann. Nicht mein Papi. Er interessierte sich nicht für mich», sagt er.

«Mami, wie war das damals?»

«Meine Eltern» – das sind für Gander seine beiden Mütter. Mami Nina, seine leibliche Mutter, und Mami Susanne, ihre Partnerin (Namen geändert). Immer wieder erwähnt Gander seine «zwei Mütter» im Gespräch, die Beziehung zu ihnen sei noch heute «sehr eng». Dass das keine leere Floskel ist, zeigt sich, als im Gespräch eine Frage auftaucht, die zusätzlicher Informationen der Frauen bedarf. «Warte, ich ruf meine Mutter an. – Mami, wie war das damals mit dir und Susanne? Was meint sie dazu? – Danke, tschühüss, bis bald!»

Bereits als Kind habe er instinktiv «gespürt, dass die beiden Frauen zusammengehören», sagt Gander. Wohl auch deshalb habe er die Partnerin seiner Mutter innert kürzester Zeit ins Herz geschlossen. Hausaufgaben lösen, Schlittschuh laufen, Pfeilbogen schnitzen – dafür sei Susanne zuständig gewesen. Seine Mutter dagegen habe ihm das Kochen beigebracht und ihn bei «Liebessachen» beraten, sagt Gander. Viele Dinge hätten sie aber sowieso zu dritt besprochen. Etwa als er sich zum ersten Mal sexuell befriedigt habe. «Ich ging zu meinen Müttern und sagte: ‹Schaut mal, was ich gemacht habe!›», erzählt Gander lachend. «Meine Mutter meinte: ‹Geh die Hände waschen!› Susanne war eher peinlich berührt. Aber wer kann schon von sich sagen, dass er dieses Erlebnis mit seinen Eltern teilt?» Da ist sie wieder, Pan Ganders Offenheit.

Man wollte es nicht genau wissen

Mehr Offenheit hätte sich Gander in seiner Kindheit allerdings auch von seinen Müttern erhofft. Im Dorf zeigten sich die beiden Frauen nicht als Paar, auch zu seinem Schutz. Dieses hatte in den 80er-Jahren noch weniger Einwohner als jetzt, die Frauen fürchteten Anfeindungen und Ausgrenzungen, gerade für ihren Sohn. Seinen Freunden, sagt Gander, habe er jedoch allen von seinen beiden Müttern erzählt – und auch, was dies genau bedeute. «Ich habe ihnen nie gesagt, dass sie es niemandem weitererzählen dürfen. Doch aus irgendeinem Grund behielten sie ihr Wissen um unsere Familienkonstellation für sich.» Man habe im Dorf wohl angenommen, seine Mutter lebe mit einer Freundin in einer Wohngemeinschaft zusammen – «oder man wollte es nicht genauer wissen», sagt Gander. Mittlerweile stünden seine Mütter auch öffentlich zu ihrer Homosexualität. Gegenüber Lehrern, Freunden und Familie taten sie es schon immer.

Das von Adoptionsgegnern oft vorgebrachte Argument, Kinder von lesbischen und schwulen Paaren würden in der Schule gehänselt, trifft auf Gander überhaupt nicht zu, wie er sagt. Auch Freunde, mit denen er sich irgendwann zerstritten habe, hätten ihr Wissen um die sexuelle Orientierung seiner Mütter nie ausgenützt. Er sei nur wegen einer Sache gehänselt worden – dass er bis 14 Vegetarier war. «Da gab es Witze, und ich merkte: Da ecke ich an. Aber wegen meiner Mütter? Nein, da kam nie irgendwas Schlechtes.» Er habe seinen Freunden wohl mit einer solchen Selbstverständlichkeit davon erzählt, dass niemand auf die Idee gekommen sei, ihn zu hänseln.

«Ein anderes Normal gab es nie»

Dass seine Familienkonstellation nicht der Norm entsprach, war Gander jedoch sehr wohl bewusst. Er sei sogar ein bisschen stolz darauf gewesen, sagt er. «Ich wusste, dass das, was wir leben, richtig ist. Meine Mütter lieben sich, ich wachse warm und wohlig auf – also ist alles gut.» Den Wunsch, so wie die anderen zu sein, eine sogenannt normale Familie zu haben, habe er als Kind nie verspürt, sagt Gander. «Wie wir lebten, war völlig normal für mich. Ein anderes Normal gab es nie.» Heute sei er dankbar, wohl auch deswegen so offen und tolerant zu sein. Er begegne Menschen ohne Vorurteile, und auch in Sachen Beziehungen sei für ihn grundsätzlich alles möglich. Seit einem Jahr hat er eine Freundin, Jarah, mit der er eine «schöne und ehrliche Beziehung» führe.

Was sagt der 31-Jährige, der nach der KV-Lehre mehrere Jahre als Informatiker arbeitete, dann ein Jahr lang Guatemala bereiste und heute von Gelegenheitsjobs und der Imkerei lebt, zu anderen Ängsten der Adoptionsgegner? Wurde er etwa verweichlicht, weil ihm der Mann im Haus fehlte? Gander lacht – und erzählt, von wem er das Rasieren gelernt hat, nämlich von einem früheren Mitbewohner. Auch Susannes Bruder und Vater seien männliche Vorbilder für ihn gewesen. Man lebe ja nicht abgeschottet mit seinen Eltern, sondern habe ganz unterschiedliche weibliche und männliche Bezugspersonen. «Ich habe mir nie einen Papi gewünscht – Geschwister hingegen schon.» Dazu kam es aber nie.

Für eine Öffnung der Adoption

Auch deshalb befürwortet Gander die Volladoption für lesbische und schwule Paare. Die Stiefkind-Adoption, wie er es sich als Kind mit Susanne gewünscht hätte, um im Todesfall der Mutter bei ihr bleiben zu können, sei ein Schritt in die richtige Richtung, reiche aber bei weitem nicht aus. Nur eine vollständige Öffnung der Adoption könne «Gleichberechtigung für alle Paare» herstellen, sagt er. Solange heterosexuelle Paare, bei denen es mit dem Nachwuchs nicht klappe, zur Fortpflanzungsmedizin zugelassen seien, dürfe man auch Homosexuellen nicht das Recht absprechen, sich Kinder zu wünschen. Sowieso, glaubt Gander, gäben gleichgeschlechtliche Paare «mindestens so gute Eltern» ab wie heterosexuelle.

Was den Prozess des Elternwerdens anbelange, seien sie wohl sogar umsichtiger und reflektierter: «Lesben und Schwule zeugen nicht mal eben ein Kind, weil dieses halt zum Erwachsensein dazugehört oder aber das Kondom platzt. Sie entscheiden sich in jedem Fall bewusst dafür», sagt Gander. Etwas Besseres könne einem Kind nicht passieren. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.12.2012, 06:31 Uhr)

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