«Ich würde niemandem mit diesem Problem raten, er solle heiraten»
Von Michael Meier. Aktualisiert am 03.04.2010
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Vertreter der Reformtheologie
Der 80-jährige Ivo Fürer war von 1995 bis 2006 Bischof von St. Gallen. Als Schüler des Reformtheologen Karl Rahner vertrat er eine moderne Theologie. Er war in der Schweiz massgeblich am Projekt «Synode 72» beteiligt, das die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) in den Pfarreien umsetzen wollte. Von 1977 bis 1995 hat Fürer als Generalsekretär des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen ein europaweites Kontaktnetz aufgebaut. (mm)
Herr Bischof Fürer, sind Sie froh, jetzt, wo die Missbrauchsskandale für Schlagzeilen sorgen, nicht mehr im Amt zu sein?
Wir hatten schon früher einen Fall im Bistum St. Gallen: Alois F. von Walenstadt, der verurteilt worden ist. Damals war ich Bischof. Die ganze Karwoche 2002 war ich unter Beschuss der Medien. Ich habe dann die Arbeitsgruppe «Sexuelle Übergriffe in der Pastoral» eingesetzt, die ein Merkblatt herausgab. In allen Dekanaten wurden Tagungen zum Thema Distanz und Nähe in der Seelsorge durchgeführt.
Überrascht Sie heute die Häufung von Missbrauchsfällen?
Ja. Als Jugendlicher war ich in Appenzell im Kollegi und später in Innsbruck im Priesterseminar. Das Thema Missbrauch von Jugendlichen lag gänzlich jenseits dieser Welt.
Der Zölibat schafft nicht die Pädophilen, aber er zieht solche Leute an.
Ich würde niemandem mit diesem Problem raten, er solle heiraten. Es kann aber sein, dass jemand eine Berufung spürt, Priester wird und dann merkt, dass seine pädophile Veranlagung vielleicht eine unbewusste Motivation für die Berufswahl war. Das ist aber kein bewusster Entscheid: Ich werde Priester, dann kann ich meine Pädophilie verdrängen. Die Zusammenhänge sind viel nuancierter, als man meint.
Sie sind für die Freistellung des Zölibats?
Ja. Wir haben viele gut ausgebildete Pastoralassistenten, die zu Priestern geweiht werden könnten. Der Zölibat ist eine kirchliche Vorschrift. Sind aber zu wenig Priester da, sollte man die Vorschrift ändern. Wichtiger als der Zölibat ist mir, dass genügend Priester zur Verfügung stehen, um überhaupt miteinander in den Pfarreien Eucharistie feiern zu können.
Befürworten Sie ein zentrales Missbrauchsregister in Rom?
Nein, das kann ich mir nicht gut vorstellen. Wer würde in einem solchen Register denn figurieren? Nur die gerichtlich verurteilten Priester? Ich bin vielmehr dafür, dass jeder Bischof bei der Anstellung eines Priesters genau prüft, ob gegen diesen etwas vorliegt. Auch beim sexuellen Missbrauch ist es nicht immer die beste Lösung, alles auf die höchste Ebene zu bringen.
Eigentlich sind bereits alle Fälle von Kindsmissbrauch durch Priester bei der Glaubenskongregation zentralisiert. Darum ist für Hans Küng der frühere Kardinal Ratzinger hauptverantwortlich für die Vertuschung dieser Fälle.
Die Geheimhaltung besteht nicht darin, dass man solche Fälle nicht an die zivilen Behörden melden darf, sondern dass das Verfahren in Rom unter dem päpstlichen Geheimnis steht. In der Tat: Wen man alles zentralisiert, kommt an der Spitze so viel zusammen, dass man dort der Verantwortung gar nicht mehr gerecht werden kann. Das zeigt sich jetzt. Der Papst soll im Prinzip für alle Pfarrer und ihre Fehltritte verantwortlich sein. Das ist so falsch wie die Meinung, Rom müsse nur ideale Richtlinien gegen sexuelle Übergriffe ausarbeiten, dann sei genügend getan. Die Zentralisierung ist nicht die Lösung.
Am römischen Zentralismus scheinen Sie sich stark zu stören?
Papst Benedikt hat von seinem Vorgänger einen Zentralismus übernommen, wie er früher gar nie möglich war. In einer globalisierten Welt hat eine zentrale Autorität einen gewissen Sinn. Aber so, wie der Zentralismus unter Johannes Paul II. von der Kurie aufgebaut worden ist, widerspricht er der vom Zweiten Vatikanischen Konzil geforderten Kollegialität der Bischöfe. Ich war öfters bei Johannes Paul II. zum Mittagessen. Einmal hat ihm Kardinal Basil Hume vorgeschlagen, dass die Präsidenten der nationalen Bischofskonferenzen alle zwei, drei Jahre mit dem Papst die wichtigsten Entscheidungen beraten sollen. Zusätzlich könnte dies durch Delegierte der einzelnen Kontinente geschehen. Das nähme die Praxis des ersten Jahrtausends wieder auf, als die Kirche durch die Patriarchen der verschiedenen Regionen geleitet wurde.
Sie hatten sich bei der Wahl Benedikts kritisch geäussert. Muss man jetzt, fünf Jahren später, von einem Katastrophenpontifikat reden?
Nein. Ich bin dankbar für das Papsttum, für eine religiöse Autorität auf Weltebene. Aber das Papsttum wurde im Laufe der Zeit verschieden ausgeübt. Wäre ich 2005 wahlberechtigt gewesen, hätte ich meine Stimme Kardinal Ratzinger nicht gegeben. Ich befürchtete, dass ein Dogmatiker, der eine bestimmte Theologie vertritt und viel darüber publiziert hat, als Papst seine Theologie als massgebend für die ganze Weltkirche betrachtet. Ein Historiker oder bewährter Seelsorger, der während vieler Jahre eine grosse Diözese musterhaft geleitet hat, könnte die verschiedenen theologischen Meinungen besser zusammenführen.
Ist die Fixierung auf seine Theologie Grund dafür, dass Benedikt so viele Fehler macht und sich sogar mit einem Holocaustleugner aussöhnt?
Mag sein. Er überlegt kompetent, was für ihn theologisch stimmt, und übersieht vielleicht, was das für die Kirchengemeinschaft als Ganzes heisst. Es fehlt ihm an politischer Sensibilität. Was die Aussöhnung mit den Pius-Bischöfen betrifft, weiss ich allerdings nicht, ob ihn nicht vielleicht Mitarbeiter an der Kurie in den Hammer laufen liessen. In seiner Umgebung ist die Begeisterung über Benedikt nicht eben gross.
Sie haben den konziliaren Aufbruch der Kirche begrüsst. Sind Sie enttäuscht über den restaurativen Kurs?
Ich hätte mir die Entwicklung gewiss anders vorgestellt. Bei der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils war ich begeistert; ich durfte als junger Theologe den St. Galler Bischof Joseph Hasler zum Konzil begleiten. Doch traditionsverbundene Kreise hatten grosse Angst, dass die Reformen ins Bodenlose führen könnten. Ich bin enttäuscht und überrascht über die eingetretene Verengung in der Kirche.
Beispiel kollektive Bussfeiern: Warum hat Rom diese schweizerische Praxis verboten?
Der Vatikan hat nicht Bussfeiern als solche verboten, sondern nur Bussfeiern mit sakramentaler Absolution. Früher meinte man, die Sünden würden nur durch die sakramentale Einzelbeichte vergeben. Ich finde kollektive Bussfeiern sehr wertvoll. Gerade weil heute in der Frage der Sündhaftigkeit oft die soziale Dimension vergessen geht. Ich denke, es würde der Gesellschaft insgesamt besser gehen, wenn Politiker öffentlich bekennen dürften, sie hätten eine Dummheit gemacht, und man würde es ihnen verzeihen.
In der Schweizer Bischofskonferenz gibt es kaum markante Persönlichkeiten, dafür einen Zürcher Weihbischof, der 15 Jahre lang in einer verbotenen Bewegung war und auf Privatoffenbarungen hörte. Ist ein solcher Bischof tragbar?
Ich bedauere, dass es keine verbindliche Mitsprache der Ortskirche bei Bischofsernennungen gibt. Ich habe Marian Eleganti zum Priester und zum Abt geweiht. Ich war darum erstaunt, dass ich beim Eignungsverfahren für den neuen Weihbischof in Zürich nicht gefragt wurde. Ich hätte eine andere Lösung vorgezogen. Jetzt gilt es, dem Weihbischof loyal zur Seite zu stehen.
Hat die Kirche eine Zukunft?
Wir sind in einem grossen Umbruch. Noch leben wir sehr stark von früheren Erfahrungen als Volkskirche, zu der jeder praktisch von Geburt weg angehörte. Ich denke, der Weg des Menschen wird in Zukunft ein anderer sein: Man wird nicht einfach in eine Kirche hineingeboren und kann dann noch Christ werden. Man wächst umgekehrt in den Glauben und in die Kirche hinein.
Mit Ivo Fürer sprach Michael Meier
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.04.2010, 15:02 Uhr
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