«Ich wurde wie eine Gans mit Tabletten vollgestopft»

Ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte: In den 1970er-Jahren wurden in psychiatrischen Kliniken Menschen für medizinische Tests missbraucht. Das Schicksal des heute 57-jährigen Walter Emmisberger.

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«Vielleicht wäre ich heute Professor an einer Universität», sagt Walter Emmisberger aus Fehraltorf. Als Jugendlicher hätte der heute 57-Jährige gerne Musik studiert. Einmal habe er sich mit einem Freund in ein Konservatorium reingeschlichen. Als man sie entdeckt habe, mussten sie wieder gehen. Der Traum schien nah, greifbar war er jedoch nie. Walter Emmisberger ist eines von vielen Verdingkindern in der Schweiz. In einem Gefängnis geboren, kam er in ein Heim. Später wuchs er bei Pflegeeltern auf. Wie viele andere wurde er verprügelt, eingesperrt und missbraucht.

Hinzu kommt bei ihm: Im Alter zwischen 11 und 14 Jahren wurden an Emmisberger nicht zugelassene Psychopharmaka getestet. «Ich wurde regelmässig in die psychiatrische Klinik Münsterlingen gebracht», erinnert sich Emmisberger im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Dort musste ich die verschiedensten Medikamente zu mir nehmen und wurde an unterschiedliche Maschinen angeschlossen.» Er sei «wie eine Gans mit Tabletten vollgestopft worden, teilweise bis zum Erbrechen». Die Frage nach dem Warum blieb unbeantwortet, wie bei allen Verdingkindern. Sein eigenes Schicksal sollte er später in seinen Akten Stück für Stück nachlesen können.

Nachdem er sich intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hatte, trat Emmisberger damit an die Öffentlichkeit und gründete den Verein Fremdplatziert. Das Magazin «Beobachter» goutierte den Schritt des mehrfachen Vaters im vergangenen Jahr mit dem Prix Courage.

Verkrochen wie ein Tier

Welche chemischen Substanzen Emmisberger damals verabreicht wurden, weiss er nicht. Klar ist aber, dass viele der damals getesteten Medikamente nur für Erwachsene entwickelt waren, andere bis heute keine Zulassung erhalten haben. In mehreren Fällen führten die Tests laut Emmisberger zum Tod der unfreiwilligen Probanden. Die Verabreichung der vielen verschiedenen Mittel hinterlässt bei ihm bis heute psychische und physische Wunden.

«Ich dachte, ich müsse sterben, als ich vor einiger Zeit krank wurde», sagt er. Verkrochen habe er sich damals wie ein Tier in einem Busch. Seine Ärzte sagten ihm, dass seine Krankheit mit seiner Vergangenheit zusammenhänge. Anfangs wollte er dies nicht glauben. Was war, das ist vorbei, sagte er sich. Dann entschied sich Emmisberger trotzdem dafür, eine Therapie zu beginnen. Es blieb nicht die einzige. Die Kosten waren hoch. «Ich wollte gesund werden, hatte aber kein Geld für die Behandlungen», erzählt er. Einen Teil der Beträge beglich er schliesslich mit Arbeiten im Garten. Ein Rückfall in ein Schema, das er kannte.

Hilfe vom Runden Tisch

Verdingkinder wie Walter Emmisberger können nun auf Entschädigung hoffen. Der von Bundesrätin Simonetta Sommaruga eingesetzte Runde Tisch für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen nimmt ab dem Sommer Gesuche für Soforthilfe entgegen. Zwischen sieben und acht Millionen Franken sollten laut Luzius Mader dafür von den Kantonen und anderen Institutionen zusammenkommen. Dass dieser Betrag zu tief liegt, ist dem stellvertretenden Direktor des Bundesamtes für Justiz bewusst: «Die Soforthilfe ist eine Art Überbrückung, bis die Gesetzgeber eine definitive Lösung verabschiedet haben», sagt er. Massgebend für die Entschädigung sei die aktuelle finanzielle Lage der Betroffenen. Nur so könne man dort rasch helfen, wo es am dringendsten nötig sei.

Für den Historiker Thomas Huonker ist die Soforthilfe «ein bescheidener Anfang, der um einiges aufgestockt werden muss». «Schmürzelig» und «schmalspurig» seien die sieben bis acht Millionen, die der Fonds beinhalten soll im Vergleich mit der Anzahl Betroffener. Der Beitrag der Kantone beziehe sich lediglich auf rund 60 Rappen pro Einwohner. Die Forderung der Vertreter von Betroffenen am Runden Tisch fiel denn zuerst auch einiges höher aus: 50 Millionen Franken Soforthilfe, so die Vorstellungen. Auch der Zeitplan für die gesetzlichen Grundlagen für eine Entschädigung aller Opfer bis 2017/2018 ist für Huonker zu langwierig. «Denn auch Betroffene, die nicht notleidend sind, haben Anspruch auf eine Entschädigung», sagt er.

Er weiss, wovon er spricht. Huonker kennt die Schicksale von mindestens 40 Fremdplatzierten aus persönlichen Erzählungen und hat ein Buch darüber geschrieben. Einige wohnen in einem schönen Haus, andere leben unter prekären Bedingungen und können kaum die Heizkosten bezahlen. Als Jugendliche wurde ihnen jegliche Ausbildung verwehrt, weshalb viele bis heute finanziell schlecht dastehen. Zudem seien zahlreiche Opfer hochtraumatisiert.

Seit 25 Jahren beschäftigt sich Huonker mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des dunklen Kapitels der Schweizer Geschichte. Nun bekommt er Unterstützung vom Bund. Der Runde Tisch will untersuchen, welche Folgen die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen für die Betroffenen hatten und wie die Gesellschaft damit umgegangen ist. Neben Fremdplatzierungen von Kindern, Zwangsadoptionen, Sterilisationen und dem Umgang mit Behinderten soll auch das Thema Zwangsmedikation in psychiatrischen Kliniken erforscht werden. Die Ergebnisse sollen einer breiten Öffentlichkeit sowie spezifischen Interessengruppen zugänglich gemacht werden.

Ein Lohn für geleistete Arbeit

Für Emmisberger ist die finanzielle Entschädigung ein wichtiger, wenn auch nicht der wichtigste Aspekt. «Ich sehe das Geld als Lohn, den ich zugute habe. Zugute für das viele harte Arbeiten als Kind und für das ungefragte Ausnutzen meines Körpers für medizinische Tests», sagt er. Die Aufarbeitung der Verding-Vergangenheit der Schweiz bezeichnet er als enorm wichtig – sie macht ihm aber gleichzeitig auch Angst. «Ich fürchte mich davor, was da alles noch herauskommt», sagt er.

Äusserst traurig stimmt ihn eine Aussage des Thurgauer Regierungsrats Kaspar Schläpfer. Angesprochen auf die Untersuchungen in der Klinik Münsterlingen sagte dieser vor laufenden Kameras: Man müsse auch sehen, was für Wert durch die Medikamentenabgabe für die Forschung entstanden sei. In der Ostschweiz sorgte der Bericht von Tele Ostschweiz (siehe Box) für viel Wirbel.

Ansonsten fallen die Reaktionen auf seinen Schritt in die Öffentlichkeit durchwegs positiv aus. «In Fehraltorf bekomme ich viel Zuspruch und Verständnis aus der Bevölkerung und der Politik», sagt er. Emmisberger erhofft sich mehr Gehör für Betroffene und, dass so etwas nie wieder passieren kann. Das wäre ein Geschenk. Eines der schönsten Präsente brachte ihm jedoch am Neujahrstag der Pöstler: Eine Neujahrskarte von Simonetta Sommaruga persönlich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 31.01.2014, 08:00 Uhr)

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Umstrittene Aussage: Der Thurgauer Regierungsrat Kaspar Schläpfer erntet Kritik. (Quelle: TVO)

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