Ihre subversive Hotel-Idee macht weltweit Furore

Passend zur Finanzkrise haben zwei clevere Künstler die Idee von Null-Stern-Hotels in Luftschutzbunkern lanciert. Die Weltneuheit gibt selbst in New York und Tokio zu reden.

«Konzept der subversiven Irritation»: Patrik und Frank Riklin in einem Zimmer ihres Null-Stern-Hotels.

«Konzept der subversiven Irritation»: Patrik und Frank Riklin in einem Zimmer ihres Null-Stern-Hotels. Bild: DANIEL AMMANN

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lokaltermin im Bunker. Hier also, im Luftschutzkeller von Sevelen, einer 4400-Seelen-Gemeinde im St. Galler Rheintal, fand kürzlich das erste Probeschlafen im ersten Null-Stern-Hotel der Welt statt. Die Aktion, an der sich 15 Personen aus dem Dorf beteiligten, wurde selbst in China und Japan registriert und war auch der renommierten «Herald Tribune» eine Meldung wert. Noch immer ist das Interesse ausländischer Medien ungebrochen. Der nächste Hype ist für Mitte November angesagt. Dann soll ein zweiter Testbetrieb stattfinden, diesmal mit fremden Gästen. Anfragen dazu gibt es haufenweise – aus Berlin, München oder Genf.

Frank und Patrik Riklin können es noch immer kaum fassen. Die 35-jährigen Künstlerzwillinge vom St. Galler «Atelier für Sonderaufgaben» sind zwar gewieft im Umgang mit Medien. Und sie liessen das Null-Stern-Hotel frühzeitig als geschützte Marke registrieren. «Dass unser Konzept der subversiven Irritation aber gleich so einschlägt, hätten wir uns nicht im Traum gedacht», sagt Frank. «Wir sind ja Künstler und keine Geschäftsleute.»

«Wir meinen es todernst»

Ist das Hotelprojekt aber wirklich mehr als ein toller Künstler-Gag? «Auf jeden Fall, wir meinen es todernst», sagt Patrik und verweist auf den behördlichen Auftrag: Die Gemeinde Sevelen und das kantonale Amt für Kultur hatten sie eingeladen, ein Konzept zur Integration der schlecht genutzten Zivilschutzanlage in einen neuen Kulturtreff zu entwerfen. Dieser soll gleich neben dem Bunker in einer alten Fabrik entstehen. Am 11. November entscheidet die Bürgerversammlung über einen Projektierungskredit von 83’000 Franken, wovon der Kanton 35’000 Franken übernehmen würde.

«Mit Ressourcen kreativ umgehen», laute ihr Künstler-Credo, sagt Frank. «Entweder du hast viel Geld oder viel Phantasie», ergänzt sein Bruder. So sei man eben auf die Idee eines Hotelbetriebs gekommen, der einen scharfen Kontrapunkt zu den Exzessen der Vielsterne-Hotellerie setze. In einem Manifest sind die Leitlinien festgelegt. Man positioniere sich als «Erlebnishotel», bei dem «mit den Waffen der Kunst Schwächen zu Stärken werden», heisst es da. Und: «Die Rolle des Hoteldirektors ist auf alle Einwohner der Gemeinde Sevelen verteilt.» Sie leihen die nötigsten Dinge wie Bettwäsche, Bettgestelle und Nachtlämpchen aus und betreuen die Gäste ehrenamtlich. «Wir können uns vorstellen, dass dies ein reizvoller Job für Pensionierte wäre», sagt Patrik.

Das Manifest legt weitere Details fest: Die insgesamt 54 Schlafplätze sind ironisch in die vier Kategorien Standard, Komfort, First Class und Luxus eingeteilt. Wer «Luxus» bucht, darf in einem echten Biedermeierbett schlafen. Die Preise liegen zwischen 10 und 30 Franken. Die Frauen duschen jeweils zur vollen, die Männer zur halben Stunde. Zudem ist der Bunker mittels Livecam mit einem «virtuellen Hotelfenster» ausgestattet – «mit Ausblick auf die Sevelener Umgebung».

Kapitalismus- und Armeekritik

Dass die Lancierung des Null-Stern-Hotels in eine Zeit der Finanzkrise falle, sei ein Glücksfall, sagen die Künstler. Das Hotel sei nicht nur attraktiv für Menschen mit Geldsorgen, sondern auch der Gegenentwurf zu einem überbordenden Kapitalismus. «Unsere Arbeit ist immer auch politischer Natur», betont Frank. Dazu zähle in diesem Fall die Kritik an der Sicherheitspolitik der Schweiz, die sich Tausende leer stehender Zivilschutzbunker leiste. Das quirlige Paar kann sich sogar vorstellen, gleichzeitig mit Hotelgästen Asylbewerber einzuquartieren. «Das wäre ein wichtiger Beitrag zur Integration.»

Ob das auch die Einwohner von Sevelen so sehen, ist offen. Falls die Bürgerversammlung dem Kredit zustimmt, wollen die Riklins einen einjährigen Pilotbetrieb starten. Und dann rasch eine Kette von zehn Billig-Hotels in der ganzen Schweiz aufbauen. Inzwischen hat sich auch der Hotelierverband gemeldet. Hotelleriesuisse gratuliert zur innovativen Idee – und äussert zugleich wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Diese können die Zwillingsbrüder allerdings nicht teilen. Sie lehnten die Einladung zu einem klärenden Gespräch dankend ab und schickten dem Verband eine Kurzdokumentation ihres künstlerischen Schaffens. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2008, 19:59 Uhr

Blogs

History Reloaded Kampf gegen die Einheitswelt

Sweet Home Das tut einer Männerwohnung gut

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Abgetaucht: In Zürich geniesst man die sommerlichen Temperaturen mit einem Bad im See. (26. Mai 2017)
(Bild: Walter Bieri) Mehr...