Imhof widerspricht

Aktualisiert am 18.11.2009 15 Kommentare

In der Schweiz halten die Studentenproteste an. Für Geschichtsprofessor Bernd Roeck ist Bologna der falsche Grund für den Streik. Professorenkollege Kurt Imhof sieht das anders.

Der Sukkurs für die europaweite Bewegung nimmt zu. Nicht zuletzt die Dozenten haben Verständnis für den Frust der Studierenden und deren Kritik an den Auswirkungen der Bologna-Reform.

Hörsäle der Universitäten Zürich und Bern werden seit Dienstagabend besetzt gehalten. Die Aula der Universität Basel war über eine Woche in Studenten-Hand; am Mittwochabend erklärten sich die dortigen Aktivisten jedoch zur Räumung bereit. Sie wollen aber einen anderen Raum und fordern eine Zusage des Rektors bis Donnerstagabend. An ihren Anliegen halten sie fest.

An der Universität Bern hatten rund 100 Protestierende die Nacht auf Mittwoch in der Aula verbracht. Wegen der Protestaktion konnten in der Folge rund 1200 Studierende die regulären Vorlesungen nicht besuchen, wie Uni-Generalsekretär Christoph Pappa auf Anfrage sagte. In Zürich hielten sich am Mittwochmittag rund 50 Protestierende in einem Hörsaal auf. Sie beschlossen am Abend, die Aktion fortzusetzen.

Bürokraten entmachten

Im Zentrum der Protestaktionen steht die Kritik an den Auswirkungen der Bologna-Reform. Damit stossen die Studenten auf offene Ohren, so etwa bei den beiden Soziologieprofessoren Urs Stäheli (Basel) und Kurt Imhof (Zürich). Es herrsche Überregulierung und zu viel Bürokratie.

Die Bologna-Reform sei in den letzten zehn Jahren mit einem gigantischen Bürokratie-Aufwand durchgezogen worden, sagte Imhof am Mittwoch gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Es habe sich eine «Funktionselite» gebildet, die nun «ein Stück weit entmachtet werden sollte». Die Leistungs- und Prüfungsanforderungen an die Studenten seien enorm gewachsen, sagte Imhof weiter. Die Leistungsverdichtung verhindere den «organisierten Skeptizismus», der einer Universität anstehe.

Viele Studenten seien zudem gezwungen, ihr Studium durch Nebenjobs zu finanzieren. Der grosse Leistungsdruck erschwere es aber vielen, einer Arbeit nachzugehen, stellte Imhof weiter fest.

Auch Urs Stäheli sieht «gute Gründe, eine Reform der Reform zu verlangen». Ihm ist die Bürokratisierung ebenfalls ein Dorn im Auge, wie er in der «Basler Zeitung» vom Mittwoch feststellt. Es sei eine regelrechte Regulierungswut ausgebrochen, «eine Wiederauferstehung planwirtschaftlichen Denkens».

Bologna-Skeptiker ans Werk

Für eine wirkungsvollere Umsetzung der Bologna-Reform hat Stäheli auch ein Rezept parat: Der radikale Bologna-Umbau müsse von den grössten Bologna-Skeptikern an die Hand genommen werden.

Es brauche eine radikal erneuerte, schlankere Bologna-Version - inklusive eines Präventionstools gegen Überegulierung. Die Diskussion müsse sich wieder auf Formen und Inhalte des universitären Lehrens und Lernens konzentrieren. Diese Forderungen unterschreibt auch Imhof.

Auf Verständnis stossen die Studentenproteste auch bei der Vereinigung der Schweizerischen Hochschuldozierenden (VSH). Die Bachelorstudiengänge seien notgedrungen sehr konzentriert und liessen kaum individuelle Lösungen zu. «Diese Bedingungen frustrieren viele junge Menschen, aber auch Dozierende», hiess es auf Anfrage.

Eine «Reform der Reform» müsse von der historisch gewachsenen Unterschiedlichkeit der Fächer ausgehen und in einer Flexibilisierung der Dauer und des Inhalts der ersten Stufe enden. Die Ankoppelung an die Forschung müsse möglich sein. Angesichts der strengen Anforderungen brauchten die Studierenden zudem mehr Betreuung (Coaching) im ersten Studienjahr.

EDK schweigt

Nicht betroffen von der Protestwelle fühlt sich die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK. Sie wollte keine Stellung nehmen; das sei Sache der einzelnen Kantone beziehungsweise der Universitäten, sagte eine EDK-Sprecherin auf Anfrage. Solidarisch mit den Protestierenden erklärte sich am Mittwoch hingegen der Vorstand des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. (sam/sda)

Erstellt: 18.11.2009, 18:50 Uhr

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15 Kommentare

Pascal Meister

18.11.2009, 19:40 Uhr
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Man muss ja erstmal sehen, dass die Studienbereiche Wirtschaft, Recht und Naturwissenschaften von den Problemen gar nicht betroffen sind. Schwierig sind die Geisteswissenschaften, wo man bisher teilweise 6-7 Jahre studiert hat (in Bern am längsten) im Durchschnitt, mit vielen Abbrechern und "ewigen Studenten". Weil hier auch am Bedarf an Berufsleuten vorbei ausgebildet wird, soll gestrafft werden. Antworten


Roland Mühlemann

18.11.2009, 19:17 Uhr
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Diese Probleme haben wir schon vor 10 Jahren diskutiert, als Bologna erst eingeführt werden sollte. Das alles war für jeden voraussehbar. Als die Einführung von Bologna zur Debatte stand, haben sich nur die wenigsten Professoren kritisch oder ablehnend geäussert und sind so blind und freiwillig in die Überregulierung und Demontage universitäerer Bildung hineinmarschiert. Schön, es regt sich etwas. Antworten



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