Immer mehr Schweizer Entführungsopfer

Von Verena Vonarburg, Bern. Aktualisiert am 17.06.2010 11 Kommentare

Die Zahl der Kidnappings steigt. Das Krisenmanagementzentrum des EDA in Bern soll darum neu rund um die Uhr besetzt werden.

Befreit: Der Schweizer, der auf den Philippinen befreit worden ist. (Bild: Keystone )

In Panik eilen sie, von philippinischen Soldaten überrascht, davon. Den 70-jährigen Schweizer Geschäftsmann, ihre Geisel, lassen sie liegen. Glückliches Ende in der Nacht auf Mittwoch, der Mann ist gerettet. Fast zur gleichen Zeit wird ein Schweizer im Tschad nach zehntägiger Entführung befreit.

Immer häufiger wird ein Schweizer Bürger irgendwo auf der Welt Opfer einer Entführung. Oft bekommt die Öffentlichkeit wenig bis nichts mit. «Wir haben es im Moment noch mit anderen Entführungsfällen zu tun, informieren darüber aber nicht, um die Opfer nicht zu gefährden und die Lösung nicht zu erschweren», sagt Markus Börlin, der oberste Verantwortliche im EDA für die Belange der Schweizer im Ausland. Eine ganze Reihe von Entführungen werde nie zum öffentlichen Thema.

Die Schweizer erwarten mehr

Kidnapping mit politischem Kontext hat zugenommen. Gewaltbereite Gruppen schaffen es so auf relativ einfache Art, enormen Druck auszuüben. Nicht nur wenn Schweizer entführt sind, auch bei andern Krisen im Ausland, wo Schweizer betroffen sind, kommen Börlin und sein Krisenstab zum Einsatz. Solche Fälle häufen sich ebenso, sie sind praktisch an der Tagesordnung.

Das hat auch mit der Reisefreudigkeit der Schweizer zu tun: Gemessen an der Gesamtbevölkerung sind viel mehr Schweizer unterwegs als Deutsche oder Franzosen. Dass sich der Bund zunehmend um Schweizer im Ausland kümmern muss, hat einen weiteren Grund: Mit der Erwartungshaltung dem Staat gegenüber. «Man verlangt einen rascheren und grösseren Einsatz.» Bis in die 90er-Jahre, so Börlin, habe man vom Staat eher weniger erwartet als in anderen Ländern und sich «mehr für sich selbst verantwortlich gefühlt als heute».

Die Welt von heute rückt oberflächlich immer näher zusammen, was Touristen zu immer abenteuerlicherem Verhalten verführt. «Man nimmt mehr Risiko in Kauf und geht automatisch davon aus, in der Not eile der Staat zu Hilfe.» Ein Flug weit weg, wo man sich nicht auskennt: rasch gebucht, hingereist ohne Vorbereitung und ohne sich des Risikos bewusst zu sein. Börlin spricht von der «Illusion, die Welt funktioniere überall gleich». Man suche das Exotische und wende sich bei Schwierigkeiten sofort ans EDA: «Helft mir und tut alles, damit es funktioniert wie in der Schweiz.»

«Wir müssen uns professionalisieren»

Dass der Druck auf das Aussendepartement gestiegen ist, hat auch mit der beschleunigten Kommunikation zu tun. Geraten Schweizer in Not, wissen Angehörige und Medien mitunter noch vor dem EDA Bescheid. Das hat Folgen: «Obwohl wir unser Krisendispositiv jeweils sofort aktivieren, kann der Eindruck entstehen, wird würden nicht rasch genug reagieren», sagt Börlin, der seit fast zehn Jahren Erfahrung im Umgang mit Krisen hat und die Krisenarbeit wesentlich mitaufgebaut hat.

Vor zehn Jahren war da noch fast nichts. Das lasse sich mit dem Selbstverständnis von damals erklären, glaubt Börlin: «Dass wir, das friedliche, bescheidene, neutrale Land, von grösseren internationalen Krisen weitgehend verschont würden.» Dann kam 1997 der Terroranschlag in Luxor mit fast vierzig toten Schweizern, ein Jahr darauf der Swissair-Absturz in Halifax, zwei Ereignisse, die das alte Selbstverständnis zerstörten. Und dann kam 9/11. An jenem Tag wurde das EDA mit tausend Anrufen besorgter Angehöriger überhäuft. «Wir sahen: So geht es nicht mehr, wir müssen uns professionalisieren.»

Man verbesserte das Krisenmanagement, baute eine Hotline auf mit Computersystem, das alle Stellen und Datenbanken verlinkt. Die Telefonoperators: speziell ausgebildete Freiwillige aus dem EDA. Der Kriseneinsatzpool für Arbeit vor Ort: ebenfalls Freiwillige des Bundes. An der Fussball-WM in Südafrika ist sogar ein Camion als mobiles Konsulat im Einsatz ? eine Schweizer Pioniertat. «Wir sind ein kleines Land mit wenig Mitteln im internationalen Vergleich. Klein, aber kreativ und innovativ», so Börlin. Nun stossen die Krisenverantwortlichen an ihre Belastungsgrenzen. Statt dass die Verantwortlichen Tag und Nacht auf Abruf sind, will man neu das Krisenmanagementzentrum in Bern auch ausserhalb einer akuten Krise rund um die Uhr besetzen.

In grösseren Ländern, die Weltpolitik machen, sagt Börlin, staune man bisweilen, wie sehr sich die Schweiz um das Schicksal jedes Bürgers kümmere. «Da ist Stolz angebracht. Mich freut das ausserordentlich.» Börlin verlässt die Schweiz bald selber. Er wird für vier Jahre Botschafter irgendwo in Europa. Vier Jahre vielleicht einmal ohne Krise. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2010, 23:36 Uhr

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11 Kommentare

Pawel Silberring

17.06.2010, 09:56 Uhr
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@Liselotte Weber Mich nähme Wunder, wie "fähige Politiker" bei uns verhindern könnten, dass kriminelle Banden oder beleidigte Diktatoren irgendwo Geiseln nehmen? Dies in einer Welt, in der die Berlusconis und andere das eigene Geschäft den Menschenrechten vorziehen (wie wir ja auch). Sie scheinen da eine gute Idee zu haben, auf die ich gespannt bin. Antworten


Susanne Schär

17.06.2010, 10:04 Uhr
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Ja, gefährlicher ist es noch zu Hause im eigenen Haus, in der Schweiz, weil da sind ja so Organisationen tätig, wie casa nostra und andere. Freundliche Grüsse Susanne Antworten



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