Immer weniger wollen Bauer sein - und doch gibts keine Höfe
Von Beat Bühlmann, Brittnau. Aktualisiert am 20.10.2009 11 Kommentare
Das «Bauernsterben» in der Schweiz hat sich verlangsamt
Der Milchpreis sinkt, der EU-Freihandel bedroht viele Existenzen – und trotzdem bleiben die Bauern dabei.
Seit 1990 ist die Zahl der Bauernhöfe in der Schweiz von 91'200 auf 62'000 Betriebe gesunken. Jedes Jahr wurden 2000 bis 3000 Landwirtschaftsbetriebe liquidiert. Die jährliche Abnahmerate lag zeitweise bei gegen 3 Prozent. Inzwischen hat sich das «Bauernsterben» aber deutlich verlangsamt, auf etwa 1,6 Prozent, wie in einer aktuellen Studie über Flächentransfer und Agrarstrukturentwicklung zu lesen ist.
Der Strukturwandel verläuft somit in der Schweiz weniger markant als in den Nachbarländern, wo die Quote deutlich über 3 Prozent liegt. Auch die mittlere Betriebsgrösse hat sich nicht massiv verändert; sie stieg zwischen 2003 und 2007 jährlich um 0,24 Hektaren. Ein Durchschnittsbetrieb in der Schweiz ist gut 17 Hektaren gross – deutlich kleiner als in EU-Staaten.
Kleinste «Heimetli» gefragt
Entgegen der landläufigen Meinung erfolgen die Betriebsaufgaben in der Schweiz nicht aus wirtschaftlichen Gründen oder weil niemand Bauer sein will. Das «Bauernsterben» sei eher ein Mythos, sagt Andreas Bosshard, Geschäftsführer von Vision Landwirtschaft. Betriebsaufgaben erfolgten fast ausschliesslich bei der Pensionierung, weil keine familiäre Nachfolge gefunden werde. Da die Betreiberfamilie aber oft weiter auf dem Hof wohnen wolle, würden praktisch keine Betriebe frei. Trotz Agrarkrise sei nämlich kaum etwas gesuchter als ein Schweizer Hof zur Selbstbewirtschaftung, sagt Bosshard. Selbst auf kleinste «Heimetli» meldeten sich Dutzende von Interessenten. «Die Bauern stehen sich also selber im Weg bei der Erhaltung der Bauernhöfe.»
Die kritischen Agrarexperten von Vision Landwirtschaft fordern deshalb seit Längerem eine Neuorientierung bei den Direktzahlungen. Statt die Bundesbeiträge an Hektaren und Tiere zu binden, sollten konkrete Leistungen entschädigt werden, etwa bei der Ökologie oder beim Tierwohl. Das Bundesamt für Landwirtschaft ist derzeit dabei, die Kriterien für die Direktzahlungen neu zu bestimmen.
Sie wohnen auf dem Land in einem Dreifamilienhaus. Vier Schweine halten sie im alten Stall, ein knappes Dutzend Hühner gackert im Schopf. Aber ein richtiger Bauernhof sieht anders aus. Seit fünf Jahren suchen Omar und Pia Hamami eine eigene Liegenschaft. Das ist fast aussichtslos. «Du musst im Lotto gewinnen oder einen Götti haben», sagt Hamami. Selbst für einen mittelprächtigen Bauernhof seien ohne Weiteres ein bis zwei Millionen auf den Tisch zu blättern. «So viel Geld haben wir nicht auf der Seite», sagt Hamami.
Auf Familienbetrieb gehofft
Sein Vater ist vor 40 Jahren aus Tunesien eingewandert, seine Mutter kommt aus Zofingen. Er selber hat hier in Brittnau die Schulen besucht. Omar lernte Landwirt, legte vor zehn Jahren die Meisterprüfung ab und arbeitet heute bei einem Transportunternehmer sowie als landwirtschaftlicher Lohnunternehmer. Auch seine Frau Pia, zwei Jahre jünger als er, ist gelernte Landwirtin, arbeitet jedoch als Hebamme im Kantonsspital Olten. «Wir hatten gehofft, unseren Familienbetrieb übernehmen zu können», sagt die Landwirtin, «doch die Differenzen mit meinem Vater waren so gross, dass er uns die Pacht gekündigt hat.» Im April 2008 mussten sie die elterliche Liegenschaft nach mehreren Pachterstreckungsgesuchen definitiv verlassen.
Pia Hamami steht am Herd, um das Mittagessen vorzubereiten, der vierjährige Diego quengelt und langweilt sich ob des Erwachsenengesprächs am Küchentisch. Seit fünf Jahren sind die Hamamis auf der Suche nach einer neuen Liegenschaft. «Die Absagen habe wir nicht gezählt», sagt Omar Hamami, «auf unsere Inserate gabs praktisch kein Reaktion.» Auch im Internet, das Ehefrau Pia regelmässig durchpflügt, fand sich kein vernünftiges Angebot. «Zu kaufen gibts nur verlassene, oft baufällige Bauernhäuser», sagt sie, «doch ans Land kommen wir nicht ran.»
Sechs Millionen für einen Hof
Es gebe einen «Überhang an Interessenten», sagt Ulrich Ryser, der das Treuhandbüro des Schweizerischen Bauernverbands (SBV) leitet. «Ganze Betriebe von stattlicher Grösse kommen praktisch nicht zum Verkauf.» SBV-Treuhand wickelt pro Jahr allenfalls zwei oder drei solcher Verkäufe ab – Bauernsterben hin oder her. Wer aufhört mit der Landwirtschaft, verpachtet allenfalls Landparzellen an die Nachbarn, bleibt aber auf dem Hof sitzen. Der Run aufs Land ist so gross, dass auf ausgeschriebene Pachtliegenschaften bis zu 100 Bewerbungen eingehen. «Als Quereinsteiger ohne verwandtschaftliche Beziehungen hast du keine Chance», sagt Omar Hamami.
Alois Dähler, ein bekannter Liegenschaftsvermittler im bäuerlichen Milieu, spricht von einem völlig ausgetrockneten Markt: «Einen Bauernhof zu kaufen, ist sehr schwierig.» Pro Jahr wechseln unter seiner Hand lediglich zwischen fünf und zehn Bauernbetriebe den Besitzer – für ein bis sechs Millionen Franken pro Betrieb. «Wer keine Erbschaft oder kein Bauland vorzuweisen hat, kann da nicht mitbieten.» Wenn für eine Liegenschaft mit 20 Hektaren und einem Ertragswert von vielleicht 300'000 Franken über eine Million investiert wird, ist das gar nicht zu erwirtschaften. «Solche Zahlungen sind ein Beitrag à-fonds-perdu», sagt Dähler. Das können sich allenfalls Mäzene oder Industrielle leisten.
Zu viele Schmarotzer
Omar Hamami legt einen Artikel aus dem «Schweizer Bauer» auf den Tisch. «Es braucht nur noch 5000 Milchbauern», lautet der Titel. Gefordert wird eine effiziente, moderne Landwirtschaft. Das sieht Hamami ganz ähnlich. Er gebe noch zu viele Bauern, die im alten Trott gingen. Die allgemeinen Direktzahlungen seien so hoch, dass auch ältere Landwirte mit wenig zukunftstauglichen Betrieben einfach ausharrten und das Geld kassierten. Er wisse von einem über 70-jährigen Rentner, der seinen Hof pro forma dem Sohn übergeben habe und so weiterhin Direktzahlungen beziehe.
Solche Schmarotzer seien verheerend für jene Betriebe, die wachsen wollten, so Omar Hamami. Wenn die Schweizer Landwirtschaft konkurrenzfähig sein wolle, müsse sie die Messlatte deutlich höher legen. «Wir sind zu wenig hart in der Agrarpolitik», sagt Hamami. Es sei falsch, dass der Bund Direktzahlungen nach dem Giesskannenprinzip ausschütte. Sie müssten in erster Linie für ausgewiesene Leistungen entrichtet werden, etwa für Ökologie oder Tierwohl.
«Bauer sein ist eine Lebenseinstellung»
Noch hat die Familie Hamami nicht aufgegeben. Vielleicht verkauft ihnen ein Landwirt, der übernächstes Jahr pensioniert wird, seinen Hof. Omar Hamami arbeitet bei ihm mit einem Pensum von 30 Prozent. Aber könnten sie die fehlenden 700'000 Franken irgendwo auftreiben? Lässt sich das auch amortisieren? Und lohnt sich das?
«Bauer sein ist nicht ein Job, sondern eine Lebenseinstellung», sagt Omar Hamami: selber etwas anpacken, selber säen und ernten, sein eigener Herr und Meister sein. «Ich habe das Provisorium langsam satt», sagt Ehefrau Pia, «einen Teil der Möbel und Bücher konnten wir gar nicht auspacken.» Und im eigenen Garten möchte sie eigentlich gerne Hebammenkräuter pflanzen. Doch vorläufig sei sie «wie blockiert». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.10.2009, 04:00 Uhr
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11 Kommentare
Wo kein echter Markt ist, ist auch kein Preis, es gibt höchtens Vermutungen, wie viel die Bauernbetriebe theoretisch wert sein könnten. Würde sich der Markt aufgrund wirtschaftlicher Zwänge beleben (z.B. Wegfall der Subventionen an die 'Buch-Millionäre'), ginge der Preis für landwirtschaftich zu nutzende Liegenschaften allerdings schlagartig in den Keller. Bauern sind schlau, wie man weiss... Antworten
Wir sollten endlich mit dem alten Zopf "Subventionen und Direktzahlungen" ganz aufhören. Es kann ja nicht sein, dass wir nicht profitable multi Milionäre (Durch den Landbesitz sind dies ja anscheinend die meisten Bauern) noch mit steuergelder unterstützen. Je mehr der Staat eingreift, desto mehr wird dies missbraucht. Auch die Begründung der Bauer als landschaftsgärtner ist hinfällig. Antworten
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