In Basels Schulen sind Behinderte bestens integriert
Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 05.02.2010 2 Kommentare
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Hohes Niveau, ungleiche Chancen
Bund und Kantone haben den ersten schweizerischen Bildungsbericht publiziert. Das wichtigste Fazit: Die kantonalen Unterschiede punkto Angebot und Finanzierung sind immer noch beträchtlich. Welcher Kanton das wirksamste Modell hat, wird allerdings nicht ersichtlich. «Ein Ranking war nicht unser Ziel», sagt Bildungsforscher Stefan C. Wolter. Im Vordergrund stand eine «Gesamtschau» aller verfügbaren Daten – wobei auch klar wurde, wie lückenhaft die Datenlage ist. Ausgewählte Beispiele:
Sonderschulung: Hier zeigt der Bericht lediglich auf, dass Kinder mit Migrationshintergrund viel häufiger Sonderklassen besuchen als Schweizer – und damit geringere Bildungschancen haben. Inwieweit die Kantone Sonderschüler in die Regelklassen integrieren, erwähnt der Bericht mit keinem Wort.
Unterrichtszeit: Im Wallis, dem Spitzenreiter, drücken die Primarschüler während fast 1000 Stunden pro Jahr die Schulbank. In Basel-Stadt sind es bloss etwas über 600. Ob die Walliser Schüler bessere Leistungen erbringen, sei aber nicht erforscht, heisst es im Bericht. Denn die Anzahl Lektionen sage noch nichts über die Qualität des Unterrichts aus.
Hochschulen: Hier überrascht der Bericht, indem er die oft kritisierte tiefe Akademikerquote relativiert. In der Schweiz besuchen zwar nur halb so viele Junge die Universität wie in den USA. Dafür ist der Prozentsatz jener, die das Studium erfolgreich abschliessen, doppelt so hoch. Und: Weil mehrere Schweizer Universitäten gemäss dem Shanghai-Ranking weltweit zu den Top 200 gehören, sind 70 Prozent der Studierenden an einer solchen Uni eingeschrieben. In den USA mit ihren Spitzenuniversitäten sind es bloss 20 Prozent. Dazu Studienleiter Wolter: «In der Schweiz stimmt das Verhältnis von Kosten und Nutzen.»
Weiterbildung: Erwerbstätige Frauen finanzieren ihre Weiterbildung zu 60 Prozent selber, während die Männer dies nur zu einem Drittel tun müssen. Diese Ungleichbehandlung der Geschlechter verletze die Chancengleichheit, hält der Bericht fest.
Der Bildungsbericht ist ein Sammelsurium und ein Work in Progress. Der nächste soll 2014 erscheinen und mehr Daten zur Wirksamkeit der Schweizer Bildungssysteme liefern.
Die Integration von verhaltensauffälligen und geistig behinderten Kindern in normale Schulklassen schlägt hohe Wellen. Im Kanton Zürich wehren sich Lehrkräfte dagegen, weil sie sich überfordert fühlen. Und Eltern von Schülern, bei denen keine sonderpädagogischen Massnahmen nötig sind, befürchten, dass ihre Kinder zu wenig gefördert werden.
Zum Kampf gegen den integrativen Unterricht bläst nun auch die SVP. Deren bildungspolitischer Vordenker, Nationalrat Ulrich Schlüer, erklärt die Integration für gescheitert, bevor sie in Zürich richtig umgesetzt ist. Auch Schlüer spricht von einer «Nivellierung nach unten». Gleichzeitig moniert er, dass die behinderten Schüler ebenso wenig von der Aufnahme in eine Regelklasse profitierten, sondern bloss stigmatisiert würden.
Zwei Lehrpersonen pro Klasse
Schlüer kennt jedoch das Integrationsmodell von Basel-Stadt nicht. Es wurde an der Volksschule bereits vor zehn Jahren eingeführt und gilt inzwischen national als Vorzeigemodell. Hans Georg Signer, Leiter Bildung im kantonalen Volksschulamt, bilanziert kurz und bündig: «Das Modell funktioniert, und alle Kinder profitieren.»
Die Eckpunkte: In einer Integrationsklasse sitzen bis zu zwanzig Regelschüler und vier geistig behinderte Kinder. Eine Primarlehrperson führt die Klasse gemeinsam mit einer schulischen Heilpädagogin. Beide arbeiten im Vollpensum. Für die Kinder der Regelschule gilt der normale Lehrplan, die Kinder mit Behinderung lernen nach individuellen Förderplänen. Neben dem Schulzimmer steht ein zweiter Raum zur Verfügung. Und: Die Zuteilung in eine solche Klasse erfolgt nach Rücksprache mit den Eltern und ist freiwillig.
Anfangs grosse Bedenken
Am Anfang habe es seitens der Lehrer und Eltern grosse Bedenken gegeben, sagt Projektleiter Signer: «Man konnte sich nicht vorstellen, wie mit gleich vier behinderten Kindern ein regulärer Unterricht möglich sein soll.» Heute gebe es hingegen einen «Run auf diese Klassen»: bei den Eltern der behinderten Kinder, weil diese in der Klasse nicht isoliert sind, sondern drei Mitschüler mit ähnlichen Problemen haben. Bei den Eltern der Regelschüler, weil mit zwei Lehrpersonen die individuelle Förderung ihres Kindes besser möglich ist.
Inzwischen gibt es in Basel 22 Integrationsklassen – mit über der Hälfte aller geistig behinderten, schulpflichtigen Kinder des Kantons. Eine kürzlich durchgeführte Studie zeigt: Die Regelschüler dieser Klassen erreichen die Lernziele in gleichem Masse wie jene in den ordentlichen Parallelklassen.
Kommt hinzu: Obwohl die Stadt pro Klasse ein doppeltes Lehrersalär bezahlen muss, geht das Konzept auch finanziell auf. Signer macht eine einfache Rechnung: Würden die behinderten Kinder in heilpädagogischen Klassen separat geschult, kostete dies pro Kind und Jahr 50'000 Franken. In der Regelschule belaufen sich die Kosten pro Kind auf 15'000 Franken.
Für Zürich nur bedingt tauglich
Warum übernimmt Zürich nicht das Basler Modell? Der Kanton hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis zu 300 behinderte Kinder von den Sonder- in die Regelschulen wechseln sollen. «Das Basler Modell überzeugt, eignet sich aber vor allem für ein städtisches Umfeld», sagt Martin Wendelspiess, Chef des Zürcher Volksschulamts. In ländlichen Gebieten hingegen komme man nur dann auf eine Klasse mit gleich vier Behinderten, wenn die Kinder lange Transportwege zurücklegten. Genau hier liege aber ein Sparpotenzial von sieben Millionen Franken. Zudem wünschten die Eltern, dass ihr Kind am Wohnort zur Schule gehe.
In Zürich bleibt deshalb die Einzelintegration die Regel. Gemäss Konzept weilt dabei eine schulische Heilpädagogin während neun Lektionen pro Woche in der Klasse. Allerdings halten sich nicht alle Gemeinden an diese Vorgabe. Nicht aus Spargründen, beteuert Wendelspiess, sondern weil es im Kanton schlicht zu wenig Lehrpersonen gebe, welche die Zusatzausbildung zur Heilpädagogin gemacht hätten.
So viele Kinder wie möglich integrieren
«Wir integrieren so viele Kinder wie möglich», sagt Wendelspiess. Es gebe aber Grenzen. «Ein Kind mit Downsyndrom profitiert in einer Regelklasse, eines mit einem schweren Autismus hingegen nicht.» Dies bestätigt auch der Basler Experte Signer. Zudem profitierten integrierte Kinder je weniger, je älter sie würden: «In der Sekundarstufe können geistig Behinderte dem Schulstoff meist überhaupt nicht mehr folgen.» Hinzu komme die kritische Phase der Pubertät.
In einem Punkt sind sich beide ohnehin einig: Am schwierigsten integrierbar sind Regelschüler, die schwer verhaltensauffällig sind. «Für sie gibt es keine Patentlösung», sagt Signer, «sie können auch in einer Kleinklasse den Unterricht völlig lahmlegen.»
SVP hegt grundsätzliche Zweifel
Nicht beirren lässt sich SVP-Bildungsexperte Schlüer. Am Basler Modell hegt er grundsätzliche Zweifel. Basels Volksschule sei bekannt dafür, dass sie das Leistungsprinzip schweizweit am wenigsten beachte. «In diesem Umfeld hat es die Integration natürlich leichter.» Die Konsequenz sei, dass die Pharmafirmen nur noch Lehrlinge aufnähmen, die sie selber getestet hätten. Dass sowohl der Bund als auch die Kantone die Gleichstellung von Behinderten gesetzlich vorschreiben, beeindruckt Schlüer wenig: «Die Schule muss dem Kind dienen, nicht den Paragrafen.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.02.2010, 06:56 Uhr
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2 Kommentare
In anspruchsvollen Monopolberufen wurden hochkaraetige Experten waerend Jahrzehnten herangebildet. Abgesehen von wenigen wenigwoechigen Kursen musste in dieser Zeit neben der Vollzeitausbeutung die Freizeit dem Selbststudium geopfert werden. Zudem hinkte die Besoldung in der Ausbildungsfase massiv hinter der Privatwirtschaft her: Ausbildung zu fast 100 % auf den Beamten abgewaelzt.... Antworten
Ist schön, wenn es in Basel - und anderswo - gut funktioniert, was in Zürich u.a. mit "Transportproblemen" als unzumutbar umschrieben wird. Das Fehlen von geeigneten pädagogischen Kräften ist da beunruhigender in und um eine Stadt herum, die sich als ein "Weltbewegendes Bankzentrum" erklärt. Schlüer sollte sich entideologisieren und über seinen parteidefinierten Horizont blicken. Fällt schwer. Antworten
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