Schweiz

In Zug steht Gott unter Denkmalschutz

Von Hugo Stamm. Aktualisiert am 03.10.2009

Dürfen Freidenker behaupten, es gebe wahrscheinlich keinen Gott? In Zug nicht. Das sei ein öffentliches Ärgernis, entschied der Stadtrat. Nun droht ihm eine Klage.

Rat, Provokation und Gedankengut: Eine englische Journalistin löste mit grossen Plakaten auf Bussen kontroverse Diskussionen aus.

Rat, Provokation und Gedankengut: Eine englische Journalistin löste mit grossen Plakaten auf Bussen kontroverse Diskussionen aus.
Bild: Keystone

Dieses Plakat sorgt für rote Köpfe.

Dieses Plakat sorgt für rote Köpfe.

Weltweites Echo auf Plakat

Schweizer kopieren Aktion

Die Plakataktion der Schweizer Freidenker geht auf eine Kampagne zurück, welche die junge Engländerin Ariane Sherine im Oktober 2008 in London lancierte. Die junge Journalistin hatte sich über die Drohbotschaften freikirchlicher Christen in Bussen geärgert, mit denen die Passagiere eingeschüchtert wurden. Ihr kam die Idee, den Leuten zuzurufen, sie sollten sich nicht verrückt machen lassen, denn es gebe vermutlich gar keinen Gott. Ihr Zeitungsaufruf löste ein grosses Echo aus. Freidenker, Atheisten und Humanisten unterstützten sie und spendeten 300'000 Franken. So rollte Anfang dieses Jahres die religionskritische Botschaft auf 200 Bussen und 1000 U-Bahnen durch London. Ursprünglich wollte Sherine schreiben, es gebe keinen Gott. Der Protest der Gläubigen und die Bedenken der Transportunternehmen veranlassten sie, ein «probably» («wahrscheinlich») einzufügen. Die Aktion sorgte für weltweite Schlagzeilen.

Als Medien die Schweizer Freidenker fragten, ob sie eine ähnliche Aktion planen würden, nahmen sie die Idee auf. Es standen viele Varianten des Plakatspruchs zur Diskussion. «Wir entschieden uns schliesslich, so nah wie möglich beim englischen Original zu bleiben», sagt Reta Caspar, Leiterin der Freidenker-Geschäftsstelle. So heisst es nun wie in der englischen Version, dass es wahrscheinlich keinen Gott gebe. Für Caspar eine augenzwinkernde Aussage. (sta)

Ende Oktober wird die Vereinigung der Freidenker in der Deutschschweiz rund 250 Plakate im Weltformat auf öffentlichem Grund aufkleben lassen. Die Botschaft der Skeptiker: «Da ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg dich nicht – geniess das Leben.»

Der Spruch sorgt für heftige Diskussionen, bevor ihn die Passanten zu Gesicht bekommen. 10 dieser Plakate werden nämlich keinen Standplatz finden. Der Stadtrat von Zug hat diese Woche beschlossen, die Botschaft der Freidenker zu verbieten. Sie ist seiner Meinung nach der Bevölkerung nicht zuzumuten. «Im katholischen Zug mit den vielen Kirchen und Klöstern können solche Plakate ein öffentliches Ärgernis erregen», sagt Stadtschreiber Arthur Cantieni zum Entscheid der Zuger Stadträte.

Minarett-Plakat genehmigt

An der gleichen Sitzung hat dieselbe Exekutive entschieden, das Plakat zur Minarett-Initiative auf öffentlichem Grund zuzulassen. Dieses Plakat sei wohl verletzend, womöglich rassistisch, räumt der Stadtschreiber ein. Der Stadtrat habe aber das Initiativrecht nicht tangieren wollen. Cantieni ist sich aber bewusst, dass die beiden Entscheide nicht konsequent und für viele nur schwer nachvollziehbar sind. Dennoch hat die Stadtregierung das Plakat der Freidenker ohne eingehende Diskussion verboten.

Die Zuger Baudirektorin Andrea Sidler (CVP) verteidigt den Entscheid. Der Aushang sei zu provokativ und ein Affront für die Gläubigen. Dabei konzentriert sie sich nicht auf die Aussage, es gebe keinen Gott. Sie stört sich vor allem daran, dass das Plakat die Aussage enthält, Gläubige würden das Leben nicht geniessen. Unterstützung erhält die Stadträtin von der katholischen Kirche Zug.

Eine besondere Note bekommt der Zuger Entscheid, weil Luzern wenige Tage zuvor in der gleichen Sache anders entschieden hatte. Zwar hatten die Behörden die Plakate ursprünglich ebenfalls verboten. Doch nach dem Protest der Freidenker holte die Luzerner Stadtregierung den Rat der Landeskirchen ein. Als sich diese gelassen gaben und im Plakat keinen Angriff auf ihren Glauben erkannten, machten die Luzerner Behörden einen Rückzieher; jetzt lassen sie die Plakate in ihrer Stadt doch zu. Somit stehen die Zuger mit ihrem negativen Entscheid schweizweit isoliert da.

«Glauben nicht nehmen»

Die Freidenker erklären, der Zuger Stadtrat verletze mit seinem Verbot die verfassungsmässig garantierte Glaubens- und Meinungsfreiheit. Eine Allianz der Religiösen wolle jede Kritik an den Religionen und dem christlichen Glauben unterdrücken und die Freidenker diskreditieren. «Wir wollen niemandem den religiösen Glauben wegnehmen», wehrt sich Reta Caspar, Leiterin der Freidenker-Geschäftsstelle. Sie erwartet aber auch, dass ihre aufklärerische Haltung respektiert werde.

Brisant bei der Luzerner Kehrtwende ist, dass die Freidenker ausgerechnet von den Landeskirchen Unterstützung erhalten haben. Eine unheilige Allianz oder ein Akt kirchlicher Toleranz? Reta Caspar winkt ab: «Das hat nichts mit Nächstenliebe zu tun, sondern mit Eigennutz.» Hätten sich die Kirchen gegen ihre Plakate ausgesprochen, wäre der Entscheid laut Caspar allenfalls auf sie zurückgefallen. Dann hätten sie damit rechnen müssen, dass auch ihre Werbung auf öffentlichem Grund angegriffen worden wäre, ist sie überzeugt.

Mediale Aufmerksamkeit nutzen

Die Auseinandersetzung um die Plakate der Freidenker hat Gläubige animiert, die mediale Aufmerksamkeit auch für ihre Zwecke zu nutzen. Die evangelische Markuskirche in der Stadt Luzern erklärt wie die Landeskirchen, sie akzeptiere die Kampagne der Freidenker als freie Meinungsäusserung, und lanciert flugs eine eigene Aktion. Die evangelische Freikirche hat ein grosses Plakat geschaffen, das sie morgen Sonntag an den Kirchenturm hängen will. In Abwandlung des Spruchs der Freidenker steht darauf: «Da ist bestimmt ein Gott – also sorg dich nicht, er sorgt für dich.»

Wie kommt es, dass Städte wie Luzern und Zug Plakatwerbung verbieten können? Diese haben wie auch andere Kommunen eine Vereinbarung mit der Plakatgesellschaft APG. Danach muss die Firma heikle Aushänge den Behörden zur Genehmigung vorlegen. Befürchten diese, ein Plakat könnte ein öffentliches Ärgernis erregen, dürfen sie es verbieten. Die Verantwortung tragen dann die Behörden.

Freidenker widersprechen

Die Freidenker wollen den Entscheid der Zuger Stadtregierung nicht hinnehmen. «Mit dem Verbot unserer Plakate verletzt der Stadtrat öffentliches Grundrecht», ist die ausgebildete Juristin und Freidenkerin Reta Caspar überzeugt. Deshalb will ihre Vereinigung rechtlich gegen das Verbot vorgehen.

Ihre Erfolgschancen stehen nicht schlecht, wie Staatsrechtsprofessor Thomas Gächter von der Universität Zürich bestätigt. Das Plakat enthalte eine Äusserung mit transzendentalem Inhalt. Nach Ansicht des Experten fällt dieser in den Schutzbereich der Religionsfreiheit.

Scheinheilige Zuger?

Für die Freidenker ist die Haltung der Zuger Stadtregierung scheinheilig oder bigott. So habe der Stadtrat nie geprüft, ob die Plakate mit den grossen blauen Bibelsprüchen der Agentur C die religiösen Gefühle religionskritischer Personen verletzen würden. Tatsächlich bringen freikirchliche Kreise dieser Agentur regelmässig unzählige übergrosse Poster an und geben Millionen für Bibelpropaganda aus. Ein Beispiel: «Jesus Christus spricht: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.» Gegründet hatte die Agentur der ehemalige Inhaber der Firma Sipuro, Heinrich Rohrer.

«Wir hoffen, dass die frommen Kreise unsere Plakate nicht verschandeln», sagt Reta Caspar. «Genau so, wie wir die Bibelzitate respektiert haben.» Ihre Befürchtungen scheinen begründet zu sein, wird sie doch heute schon in anonymen Mails beschimpft und verhöhnt. Teilweise enthalten sie Drohungen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2009, 08:58 Uhr


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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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