In der Moschee steht ein Billardtisch

Es wird viel über Minarette und kaum über das reale Zusammenleben von Schweizern und Muslimen gesprochen. Dabei sind Hunderttausende von Muslimen mitten unter uns.

Plausch als Service: Die muslimische Besitzerin des Ladens Babylon im Gespräch mit einer Kundin.

Plausch als Service: Die muslimische Besitzerin des Ladens Babylon im Gespräch mit einer Kundin.
Bild: Christian Flierl

«Willkommen in Kleinistanbul.» Die Verkäuferin in der Bäckerei im Kleinbasler Matthäus-Quartier spricht Basler Dialekt mit türkischem Akzent. Der Weg zu ihrem Laden führt vorbei am Café Global, am Reisebüro Prishtina, am Hamdan Market und am Schaufenster von Foto Özlem. Im Matthäus-Quartier sind die Ausländerinnen und Ausländer in der Mehrheit; der Grossteil ist muslimischen Glaubens.

In keiner Schweizer Stadt ist der Anteil an Muslimen so hoch wie in Basel (10 Prozent) – und nirgendwo in Basel ist er so hoch wie in Kleinbasel. Mit welchen Folgen? Die Fürsprecher eines Minarettverbots sehen die Schweiz bedroht durch Islamismus und Terror. Sind deren Vorboten in Kleinistanbul bereits angekommen?

Die Bildung ist entscheidend

Jean-Michel Héritier unterrichtet seit zwanzig Jahren im Kleinbasler Primarschulhaus Bläsi. Das Schulhaus ist so etwas wie ein «Hotspot» des multikulturellen Basels. Von den 260 Schülern haben 219 eine fremde Muttersprache. Die Mehrheit der Kinder stammt aus muslimischen Familien. Schafft dieser Umstand Schwierigkeiten? Héritiers Bilanz nach zwei Jahrzehnten: ein Mädchen, das statt im normalen Badkleid in einem Ganzkörperanzug am Schwimmunterricht teilnahm; zwei Mädchen, die mit Kopftuch zum Unterricht kamen.

Héritier und Bläsi-Schulleiter Andrin Höltschi sagen: Die täglichen Herausforderungen im Bläsi-Schulhaus seien gross und die sozialen Probleme, mit denen die Lehrer konfrontiert seien, enorm. Aber: «Es gibt nur ganz vereinzelt Schwierigkeiten wegen religiöser Überzeugungen», so Höltschi. Ob jemand den Schulbehörden Probleme bereite, hänge nicht von dessen Religion ab. Entscheidend seien Bildung und sozialer Status. Mireille Plüss, seit 15 Jahren im Bläsi-Schulhaus tätig, ergänzt: Es sei für Schweizer Lehrerinnen «manchmal ein wenig schwierig», sich bei muslimischen Vätern Respekt zu verschaffen. Doch die Muslim-gleich-Macho-Gleichung lehnt sie ab. «Machismo ist wie Rassismus: ein Zeichen von wenig Bildung. Es gibt in allen Kulturen Machos; da spielt die Religion keine Rolle.»

Rekordhohe Arbeitslosigkeit

Mit anderen Worten: Tatsache ist, dass es sich bei den Kleinbasler «Problemfällen» nicht selten um Muslime handelt. Tatsache ist aber auch, dass dies nur wenig mit dem Islam, aber viel mit der sozialen Stellung der Muslime zu tun. Diese ist markant tiefer als der Status des Normalschweizers. Die Daten der letzten Volkszählung (2000) dokumentieren, dass das durchschnittliche Ausbildungsniveau der Muslime niedrig und die Arbeitslosigkeit rund viermal so hoch wie im schweizerischen Durchschnitt ist.

In der Realität machen also die Muslime in der Schweiz nicht wegen radikaler Predigten in den Moscheen, sondern wegen ihres sozialen Rangs Probleme. Ironischerweise sind es ausgerechnet die Moscheen, die den Staat bei der Bewältigung dieser Probleme unterstützen. Muhammad Hanel von der Gesellschaft Schweiz – Islamische Welt sagt: «Die Moscheevereine tragen eine soziale Verantwortung. Sie helfen, wenn ein Vereinsmitglied in Schwierigkeiten steckt. Es wäre gut, sie würden das noch stärker tun, so wie es die Schweizer Landeskirchen tun – doch dazu fehlen den Moscheen die Ressourcen.»

Elf Gebetsräume

In Basel gibt es elf Gebetsräume, die von verschiedenen Moscheevereinen betrieben werden. Die Behörden seien sehr bemüht, genau zu wissen, was in ihrem Innern laufe, sagt Regierungspräsident Guy Morin. «Wir müssen den ständigen Dialog pflegen, und wir wollen die Imame kennen; wir wollen wissen, was sie predigen; sie müssen sich an die Gesetze halten und dürfen keine Scharia verlangen.» Das Basler Integrationsengagement sei ein Zusammenspiel mehrerer Institutionen, sagt Morin – involviert seien er selbst, das Migrationsamt, die Integrationsfachstelle und auch der Staatsschutz.

Viel Anstössiges dürfte dem Staatsschutz allerdings bislang nicht aufgefallen sein. Das ist kein Wunder: Die meisten Basler Moscheen haben einen ethnischen Hintergrund, also einen türkischen, albanischen, nordafrikanischen oder arabischen. Dabei hätten Muslime aus der Türkei oder aus dem Balkan – also die grosse Mehrheit der Basler Muslime – ein vergleichsweise legeres Verhältnis zur Religion, sagt Muhammad Hanel. Dementsprechend seien ihre Moscheen eingerichtet: «Nicht selten sind die Aufenthaltsräume verraucht, oder es stehen ein Billardtisch und eine Dart-Zielscheibe drin», so Hanel. Die arabische Variante unter den Basler Gebetsräumen – das König-Faysal-Zentrum – ist innerhalb der Schweizer Muslim-Community der Ausnahmefall. Hier würden Muslime verkehren, welche die religiösen Gebote ernster nehmen, so Hanel. Dass in den Räumen des Zentrums nicht geraucht werde, sei Ausdruck davon.

Reibungen mit Strenggläubigen

Der Schweizer Normalmuslim geht freilich weder in die türkische noch in die arabische Moschee – er geht in gar keine Moschee. Lilo Roost Vischer von der Basler Integrationsbehörde schätzt, dass 30 Prozent der Basler Muslime regelmässig beten und 15 Prozent regelmässig in die Moschee gehen. Offen bleibt, ob nicht religiöse Muslime die problemloseren Muslime sind. Fromme Muslime trinken keinen Alkohol, hängen nicht rum und führen ein züchtiges Leben – kurz: Sie verhalten sich ordentlich und unauffällig, also ganz schweizerisch. Alkoholisierte Raser kommen nicht aus solchen Kreisen.

«Umgekehrt ist es aber generell so, dass es zwischen dem Staat und strenggläubigen Gruppierungen zu Reibungen kommen kann», sagt Roost Vischer. Solche gebe es auch mit den strenggläubigen Muslimen. Ausdruck davon seien die fünf hängigen Gesuche um Dispensationen vom Schwimmunterricht – bei insgesamt 3000 muslimischen Basler Volksschülern. Ausdruck davon sind auch die Delikte mit religiösem oder kulturellem Hintergrund, welche die Staatsanwaltschaft registriert – etwa die teilweise brutale Art und Weise, wie hauptsächlich Personen aus der Türkei oder dem Balkan reagieren, wenn sie die Familienehre als verletzt empfinden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2009, 07:16 Uhr

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