In der Schule legt sie das Kopftuch nur widerwillig ab
Von Richard Diethelm, Vernier GE. Aktualisiert am 31.01.2011 33 Kommentare
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Fährt Lucia Dahlab morgens ins Quartierschulhaus Châtelaine von Vernier, muss sie das Kopftuch auf dem Parkplatz abziehen. Erst nach getaner Arbeit mit der Klasse darf die Primarlehrerin das Erkennungszeichen, dass sie Muslimin ist, wieder tragen. Das ist seit 13 Jahren so. Damals wies das Bundesgericht eine Beschwerde Dahlabs gegen einen Entscheid der Genfer Bildungsdirektion ab. Diese hatte der jungen Lehrerin ein Ultimatum gestellt: «Entweder ziehen Sie bei der Arbeit das Kopftuch ab, oder Sie verlieren Ihre Stelle.» Dahlab hielt sich an diese Weisung, weil die Familie mit drei kleinen Kindern auf ihren Verdienst angewiesen ist und sie keine Kündigung riskieren wollte. Sie zog den Fall aber an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg weiter.
Dahlab zupft ihr Kopftuch zurecht, als sie die Türe zur geräumigen Familienwohnung öffnet. Der jüngere der beiden Söhne huscht in einem Kapuzenmantel aus dem Maghreb vorbei. Am Stubentisch sagt die Lehrerin, sie sei es inzwischen gewohnt, das Kopftuch vor der Schule abzulegen und danach wieder anzuziehen. Aber mit «dem Zwang, wie ich mich als Frau zu kleiden habe», fand sich die 45-Jährige bis heute nicht ab. Als die Strassburger Richter den Rekurs der Genferin abwiesen, billigten sie ihr zwar zu, sie werde in ihren Freiheitsrechten eingeschränkt. Die Mehrheit gewichtete die in der Genfer Verfassung verankerte Trennung von Kirche und Staat jedoch höher. Demnach muss sich die öffentliche Schule religiös neutral verhalten.
Der Islam kreuzte den Weg
Lucia Dahlab wuchs in Genf auf. Ihr Vater stammte aus Italien und war Möbelschreiner. Die Mutter, eine Engländerin, arbeitete in einer internationalen Organisation. Im Elternhaus gab es keine religiöse Erziehung. «Einzig der katholischen Grossmutter in Italien zuliebe wurde ich getauft», sagt Dahlab. Erst in der Schule begann sie sich für Religionen zu interessieren. Allerdings hielt der Philosophielehrer im Gymnasium ihre Idee für «verrückt», eine Arbeit über den Vergleich zwischen Christentum und Islam zu schreiben.
Die Auseinandersetzung mit Religionen weckte in der jungen Frau das Verlangen nach Spiritualität. Auf einer Reise nach Algerien lernte sie 1990 gläubige Musliminnen und Muslime kennen, unter anderem die Familie ihres späteren Ehemanns. «Der Islam kreuzte meinen Weg. Ich spürte: Das ist es!», sagt sie heute. Zurück in Genf, trat sie zum Islam über. Ihre Eltern, Freundinnen und Bekannten zeigten für diesen Schritt Verständnis. Anstoss erregte sie dagegen mit dem Entscheid, fortan das Kopftuch zu tragen. Keine der Schwestern ihres Mannes benutzt den Schleier. Die Schwäger begriffen nicht, weshalb Lucia vor ihnen ihr Haar verhüllte. Der eigene Vater schüttelte den Kopf.
«Mit Schleier freier als ohne»
Als sie sich für das Kopftuch entschied, ahnte Dahlab «die Hindernisse nicht, an die ich deswegen stossen würde». Aber vom Entscheid rückte sie nicht mehr ab. Nach ihrer eigenen Lesart des Koran ist die Verschleierung des Körpers und des Kopfhaars religiöse Pflicht. Ebenso wichtig ist für die Genferin, die durch die feministische Bewegung der 1970er-Jahre geprägt wurde, dass sie mit dem Kopftuchentscheid den Slogan «Mein Körper gehört mir!» auf ihre Art umsetzte. «Ich fühle mich mit dem Schleier freier als ohne», bekennt Lucia Dahlab.
Bei den Kommunalwahlen im Kanton Genf im März kandidiert Lucia Dahlab auf der Liste der Grünen für einen Sitz im Stadtparlament von Vernier. Eine linke Grossrätin und Feministin hob bereits den Warnfinger, im laizistischen Genf habe eine Abgeordnete mit Kopftuch, diesem «Zeichen der Unterdrückung der Frau», nichts zu suchen. «Ich bin der Urtypus einer modernen Frau», entgegnet Dahlab. «Ich arbeite, ich engagiere mich politisch und ziehe gleichzeitig drei Kinder auf.»
Politisieren mit Kopftuch
Vor 15 Jahren gründete sie mit anderen das Kollektiv muslimischer Frauen. Die Westschweizer Organisation will ein positiveres Bild der Musliminnen vermitteln und bekämpft «Vorurteile, die an diesen Frauen kleben». In den muslimischen Gemeinden der Romandie ermuntert das Kollektiv Frauen, ihre Rolle als Bürgerinnen wahrzunehmen. «Wir wollen die alten Gewohnheiten muslimischer Gemeinden überwinden, wonach in der Öffentlichkeit nur die Männer sprechen», sagt Dahlab. Sie selbst warb im Abstimmungskampf für das Nein zur Anti-Minarett-Initiative der SVP. Und als Vizepräsidentin der Vereinigung der islamischen Organisationen Genfs rechtfertigte sie eine Strafanzeige gegen SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer, weil dieser in der «Schweizerzeit» einen Artikel abdruckte, der «die Massenheimschaffung der Muslime» forderte.
Wird Lucia Dahlab am 13. März ins Stadtparlament von Vernier gewählt, will sie dort mit Kopftuch politisieren. Gemäss ihren Abklärungen beim Genfer Verfassungsrat ist dies einer Volksvertreterin in einer Legislative erlaubt, dem Mitglied einer Exekutive jedoch nicht. Dass je nach Funktion zweierlei Recht gilt, erfährt Dahlab auch in ihrem Alltag im Schulhaus Châtelaine. Muslimische Schülerinnen dürfen im Kanton Genf im Unterricht den Schleier anbehalten; Lehrerinnen dagegen nicht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.01.2011, 23:31 Uhr
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33 Kommentare
Sind es die Medien oder sind es diese Konvertitinnen, die das Thema dauernd in den Vordergrund spülen? So ein Aufstand wegen dieser Hand voll Menschen. Soll sie das Kopftuch doch tragen. Muss sich allerdings dann nicht darüber wundern, wenn sie damit aneckt und Kommentare auf sich zieht. - Aber das scheint wohl bewusst so gewünscht zu sein - die Aufmerksamkeit streichelt immer die Narzissten. Antworten
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