«Inhaltlich irrt Herr Strahm in drei Bereichen»

Eine Replik von Pascal Sciarini auf die Kritik an der Vox-Analyse von Rudolf Strahm.

«Strahms Statistikanalyse ist irreführend. Er benützt sie für seine politischen Ziele»: Pascal Sciarini ist Professor für Politikwissenschaft und internationale Beziehungen an der Universität Genf.

«Strahms Statistikanalyse ist irreführend. Er benützt sie für seine politischen Ziele»: Pascal Sciarini ist Professor für Politikwissenschaft und internationale Beziehungen an der Universität Genf.

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Als Wissenschafter sind wir täglich mit Kritik konfrontiert und stellen uns ihr gerne. Aber der Artikel von Herr Strahm vom 6. Mai diskreditiert die Vox-Analyse über die Abstimmung vom 9. Februar auf unfundierte Weise.

In seinem Artikel schreibt der ehemalige Preisüberwacher von einem Interpretationsmonopol. Diese Behauptung ist falsch. Für den Vox-Bericht sind im Rotationsverfahren die Universitäten Bern, Zürich und Genf verantwortlich. Alle Partner­institutionen haben Zugriff auf die Daten und stellen so die Qualität der Analysen sicher.

Inhaltlich irrt Herr Strahm in drei Bereichen. Erstens wird in der Vox-Analyse auf die 50 bis 59-Jährigen sehr wohl eingegangen: «Die Verteilung des Stimmentscheids nach dem Alter zeigt ein ungewohntes Bild: Nur in einer Altersgruppe (50–59-Jährige) sind die Ja-Stimmenden in der Mehrheit.» Ferner erklären wir, dass dieser Effekt von einer Übervertretung verschiedener Berufsgruppen in dieser Altersklasse herrührt (etwa gelernte Arbeiter und Angestellte und Selbstständigerwerbende), welche die Vorlage stark befürwortet haben: «Unter Einbezug der sozioprofessionellen Kategorie unterscheiden sich die 50- bis 59-Jährigen nicht mehr von den übrigen Altersgruppen.»

In einem nächsten Schritt geht Herr Strahm weiter auf diesen in Wirklichkeit inexistenten Alterseffekt ein: «Die Leute über 50 sind die Opfer des Verdrängungseffekts im Arbeitsmarkt und fühlen sich durch die Rekrutierung von jüngeren Fachkräften im Ausland besonders betroffen». Dies lässt sich anhand der Vox nicht testen. Immerhin gilt es zu bedenken, dass die Arbeitslosenquote der 50 bis 59-Jährigen nicht höher ist als jene der 40 bis 49-Jährigen (2,9–3,0 Prozent).

Eine gewagte Interpretation

Zweitens wirft uns Herr Strahm zu Unrecht vor, die Unterschiede verschiedener Ausbildungsgruppen zu vernachlässigen. Er selber konz­entriert sich auf die Abstimmungs­teil­nehmer mit höherer Berufsbildung, welche der Initiative zugestimmt haben (63% Ja). Herr Strahm erklärt dieses Resultat damit, dass ihnen «zu Tausenden Fachleute mit akademischen Titeln, deutsche Bachelors, Masters und Doktoren,» vor die Nase gesetzt werden «nur weil in der Schweiz die Titeläquivalenz fehlt.»

Dies ist erneut eine gewagte Interpretation, da das Ja zur Initiative auch dank der Abstimmenden mit Berufslehre (62% Ja) und mit obligatorischer Schulbildung (77% Ja) zustande kam. Wir behaupten nicht, dass materielle Sorgen den Entscheid am 9. Februar nicht beeinflusst haben. Im Gegenteil: Im Bericht werden verschiedene Ergebnisse aufgeführt, die genau diese These stützen. Allerdings ist es unzulässig, den Wahlentscheid einzig auf materielle Faktoren zurückzuführen.

Der dritte Irrtum geht von der Beobachtung aus, dass 63 Prozent der Stimmenden auch in Zukunft bereit wären, die bilateralen Verträge preiszugeben, wenn sich dies für eine restriktivere Migrationspolitik als nötig erweisen sollte. Auch hier weicht Herrn Strahms Interpretation von jener in der Vox-­­Analyse ab. Tatsächlich ist es schwer nachvollziehbar, dass auch auf der Nein-Seite das Argument von einer beachtlichen Minderheit getragen wurde. Immerhin hat die Gegnerschaft der SVP-Initiative die Verteidigung des bilateralen Wegs ins Zentrum ihres Abstimmungskampfs gestellt. Im Vox-Bericht folgern wir: «Genau betrachtet unterstützte ein Teil der Nein-Stimmenden das betreffende Argument wahrscheinlich (. . .), weil sie damit einverstanden waren, dass eine enge Verknüpfung zwischen der Annahme der Initiative und der Gefährdung des bilateralen Wegs bestehet.» Folglich sind kaum 63 Prozent der Abstimmenden bereit, den bilateralen Weg aufzugeben um die Einwanderung zu begrenzen. In der Tat dürften es weniger als 50 Prozent sein.

Strahms Statistikanalyse ist irreführend. Er benützt sie für seine politischen Ziele. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.05.2014, 07:22 Uhr)

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