Intime Blicke ins Kinderzimmer

Mit der Online-Plattform Younow senden Teenager live aus dem Kinderzimmer. Das ziehe nicht nur Gleichaltrige an, warnen Jugendschützer. Doch die rechtlichen Möglichkeiten sind gering.

Mädchen machen Kussspiele vor der Webcam: Die Stimmen wurden aus Datenschutzgründen verfremdet. Videorealisation: Lea Koch

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Jugendliche wollen sich niemals dort aufhalten, wo ihre Eltern sind. Dies gilt auch für die virtuelle Welt. Weil mittlerweile Eltern und Grosseltern das soziale Netzwerk Facebook für sich entdeckt ­haben, verlassen es die Jungen scharenweise. Die neuste Alternative heisst Younow und versetzt Kinderschützer in Alarmbereitschaft. Denn die Online-Plattform, die es seit 2011 in den USA und seit 2014 für den deutschsprachigen Raum gibt, geht weiter als Facebook. Die Nutzer posten keine Fotos, sie senden via Webcam live aus dem Kinderzimmer. In Deutschland nehmen die Nutzerzahlen vor allem unter Teenagern stark zu. Alleine im vergangenen Januar wurden dort gemäss Recherchen des Magazins «Stern» 16 Millionen Streams, also Liveübertragungen, abgesetzt. Wer senden will, braucht ein Profil. Die Angaben – etwa zum Mindestalter 13 – können leicht gefälscht werden. Zuschauen geht auch anonym. Beliebte Nutzer haben mehrere Hundert Zuschauer.

Nun erreicht der Trend die Schweiz. Täglich senden mehr Jugendliche aus ihren Kinderzimmern, den Wohnzimmern der Eltern oder sogar aus den Schulzimmern in Zürich, St. Gallen oder Bern. ­Genaue Zahlen zur Schweiz gibt Younow auf Anfrage keine bekannt. Auch Seraina*, eine 14-jährige Schülerin aus dem Kanton Zürich, gewährt via Younow Einblick in ihr Leben. Die Kulisse: ihr Bett. Die Kamera: am Laptop installiert. Das Ziel: möglichst viele Zuschauer. Wer sich bei Younow einloggt, kann Seraina zusehen, wie sie die Haare bürstet, Spaghetti kocht oder die Katze streichelt, und via Chatfunktion mit ihr in Kontakt treten. Folgende Unterhaltung hat sich am ­vergangenen Dienstag zugetragen:

Chico_19* schreibt: «Bisch würklich es mega Häsli.»
Seraina sagt in die Kamera: «Danke.»
Chico_19: «Vo wellem Kanton bisch?»
Seraina: «Züri.»
Chico_19: «Ich au. Hesch en Fründ?»
Seraina: «Nei.»
Chico_19: «Wieso isch so e Hübschi solo? Hesch mega schöni Lippe.»
Seraina: «Danke.»
Chico_19: «Uf was für Boys stahsch?»
Seraina ignoriert die Frage und dreht die Musik lauter.
Chico_19: «Stah uf, wet dich ganz gseh.»
Seraina reagiert nicht.
Chico_19: «Verzell mol öpis über di.»
Seraina: «Han im August Geburtstag.»

So geht das hin und her zwischen Seraina und Chico_19, hinter dessen Pseudonym sich ein 16-jähriger Teenager oder ein 50-jähriger Mann verbergen könnte. Weitere Chatpartner schalten sich ein. Einmal hat Seraina über 20 Zuschauer, das ist im Moment für die Schweiz eine relativ hohe Zahl. «Wow, merci», sagt sie. Die anonymen Leute machen Komplimente und Witze. Auf die wiederkehrenden anzüglichen Bemerkungen reagiert Seraina zwar meistens nicht. Dafür gibt sie sonst viel preis. Nach einer Google-Suche kennt man ihre Adresse, ihre Schule, ihre Eltern. Denn Seraina benutzt auf Younow ihren echten Namen, nennt auf Anfrage der Chatpartner ihren Kanton und ihre Profile auf Facebook und Instagram. Seraina ist kein Einzelfall, wie Recherchen zeigen. Im Minutentakt verraten die Jugendlichen auf Younow persönliche Daten. Chatteilnehmer versuchen permanent, den ­Jugendlichen solche zu entlocken: «Zeig doch mal, wie die Aussicht von deinem Zimmer aussieht.»

Paradies für Pädosexuelle

Sie sei erstaunt, wie unbedarft die Jugend­lichen auf Younow persönliche Daten weitergäben, sagt Flavia Frei, Leiterin Geschäftsfeld Politik bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz. «Viele Jugendliche scheinen genau zu wissen, dass sie vorsichtig sein müssen, und zögern mit den Angaben», sagt sie. Trotzdem gäben sie Details bekannt. Für Erwachsene, die sexuell an Kindern oder Jugendlichen interessiert seien, sei dies ein Paradies. «Weil die Chats offen einsehbar sind, gibt es zwar eine gewisse soziale Kontrolle», sagt sie. Doch eine Person mit entsprechenden Neigungen könne die Plattform nutzen, um anonym Kontakte mit Kindern und Jugendlichen zu haben, «sich ein bisschen zu verlieben». Oder um reale Treffen vorzubereiten. Wer die Chats mitverfolgt, entdeckt viele Konversationen wie jene zwischen Chico_19 und Seraina. Das sei ein typisches Muster, wie Männer versuchten, junge Frauen in einen ­sexualisierten Dialog zu verwickeln, sagt Chantal Billaud von der Schweizerischen Kriminalprävention. Es gebe viele Männer, die sich als jünger ausgeben, als sie sind, um gezielt Jugendliche anzusprechen.

«Grooming», wie das Ansprechen mit sexuellen Absichten im Netz heisst, ist in der Schweiz nicht strafbar. Im Dezember stoppte der Ständerat mit einem knappen Entscheid Bemühungen, dies zu ändern. Über zwei weitere Vorstösse muss das Parlament noch entscheiden: Die Rechtskommission des Nationalrates fordert erneut, dass bereits das Vorbereiten eines sexuellen Missbrauchs strafbar wird. Zudem soll sexuelle Belästigung von Kindern unter 16 Jahren künftig von Amtes wegen verfolgt werden. Im Nationalrat haben die Vorstösse gute Chancen. Im Ständerat dürften sie es schwerer haben. Das Hauptargument der Gegner: Weil das Internet nicht überwachbar sei, könnten solche Gesetze gar nicht durchgesetzt werden.

Mit ähnlichen Problemen kämpfen die amerikanischen Betreiber von Younow. «Wir haben ein Moderationsteam, das 24 Stunden am Tag arbeitet, um User zu verbannen, die gegen unsere Bedin­gungen und Regeln verstossen», schreiben sie in einer Stellungnahme. Die Regeln, etwa Mindestalter 13, keine Drogen, keine nackte Haut, keine privaten Daten, sind zwar klar. Die Moderatoren können aber wegen der Datenmenge unmöglich alle Übertragungen über­wachen. Eine Pflicht, alle Inhalte zu kontrollieren, gibt es nicht. Das Portal haftet nur, wenn es nicht auf einen gemeldeten Verstoss reagiert. Jugendliche, die aus dem Klassenzimmer senden und ­dabei Lehrer oder Mitschüler heimlich filmen, machen sich hingegen strafbar.

Auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet stiess auf Mitschnitte aus dem Klassenzimmer oder auf Elfjährige, die sich in Trägertops zeigten. Zum Beispiel Michelle* (11) aus der Zentralschweiz. Sie wisse, dass sie eigentlich zu jung sei, sagt sie auf die Ermahnung eines Chatteilnehmers: «Isch doch egal.» Auch wer nackte Haut sucht, wird schnell fündig. Rahel und Nora*, zwei Teenager aus der Nordwestschweiz, zeigen auf Aufforderung von Chatteilnehmern ihre Bauchnabel, ihre BH-Träger und küssen sich auf den Mund oder den Bauchnabel. Plötzlich klopft die Mutter an die Zimmertür. «Chill, die chunnt scho nid ine.» Die Mutter lässt sich tatsächlich abwimmeln.

Aufsteigen im Ranking

Warum sind die Jugendlichen bereit, sich vor laufender Kamera derart zu ­inszenieren? «Weil Younow nicht per se etwas Negatives ist», sagt der Lehrer und Kulturwissenschaftler Philippe Wampfler: Der Dienst spiele mit der Suche nach Aufmerksamkeit – dem Teen­agerthema schlechthin. Es gehe auch darum, Medienkompetenz im positiven Sinne zu zeigen. Die Jugendlichen müssten das Publikum unterhalten, etwas bieten. Je mehr Zuschauer man bei Younow habe, desto höher steige man im Ranking, und desto besser sei man für die anderen Nutzer sichtbar. Dieser Wettbewerb um Aufmerksamkeit könne Spass machen und Kreativität fördern, betont Wampfler. Es gebe auch Jugendliche, die Unterhaltungstechniken berühmter Vorbilder imitierten. Andere machten Musik. «Viele Jugendliche sind allerdings bereit, Vernunftregeln zu brechen, wenn sie dafür Aufmerksamkeit erhalten.» Sie sagten sich: «Das ist es mir irgendwie wert.»

An dieser Stelle kämen Eltern und Lehrer ins Spiel, sagen Fachleute. Statt für Verbote plädieren sie für Prävention. Eltern müssten mit ihren Kindern über die sozialen Medien und die damit verbundenen Risiken sprechen, sagt Patric Raemy, Medienexperte bei Pro Juventute. Die Grundregel laute: «Überlege dir, wie du dich präsentieren möchtest und was du damit erreichen willst.» Die Journalistin Kathrin Buholzer schreibt auf ihrem Blog Elternplanet: «Wir müssen Vertrauen schaffen, uns kümmern, hinschauen, zuhören, beobachten, kontrollieren und da sein.» Dazu gehöre auch der Mut, die Smartphones der ­Kinder zu kontrollieren und zu schauen, welche Apps und Chats sie nutzten.

* Alle Namen geändert (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.02.2015, 07:12 Uhr)

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