Schweiz

Journalismus als Fortsetzung der Politik

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 05.01.2012 56 Kommentare

In der Affäre Hildebrand wird der unabhängige Recherchierjournalismus gefeiert. Das ist eine Farce: Denn es geht hier in erster Linie um Politik. Ein Kommentar.

Andere Zeiten, andere Mittel: «Watergate»-Journalisten Carl Bernstein (l.) und Bob Woodward.

Andere Zeiten, andere Mittel: «Watergate»-Journalisten Carl Bernstein (l.) und Bob Woodward.
Bild: Keystone

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«Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln», lautet die zentrale Erkenntnis Carl von Clausewitz', des Vaters der preussischen Armee. Was für das frühe 19. Jahrhundert zutraf, ist heute zum Glück nicht mehr Realität. Die Doktrin von Clausewitz muss wie folgt umformuliert werden: «Der Journalismus ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.» Das zeigt der Fall Hildebrand exemplarisch.

In der aktuellen «Weltwoche» erinnert der Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann an vergangene, gloriose Zeiten des Recherchierjournalismus. Er verweist dabei auf das Beispiel Deutschland und stellt sich die hypothetische Frage: Was wäre bei einem deutschen Fall Hildebrand geschehen? «Von ‹Spiegel› bis ‹Bild› hätten sie ihre besten Rechercheure auf den Fall angesetzt. Sie hätten nicht geruht, bis sie alle Fakten aufgedeckt hätten, genauso, wie sie dies eben bei den dubiosen Finanzgeschäften von Bundespräsident Christian Wulff zeigten.» Den Schweizer Journalisten hingegen wirft er Arbeitsverweigerung vor.

Der kleine Polizeireporter

Der Recherchierjournalismus hat eine stolze Tradition. Begründet hat diese Tradition eine Frau, Ida Minerva Tarbell, die unerschrocken die üblen Praktiken von John D. Rockefeller aufgedeckt und so mitgeholfen hat, dass sein Monopolunternehmen Standard Oil zerschlagen wurde. Das sogenannte «Muckraking» («im Dreck wühlen») hat vor dem Ersten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Verhältnisse für Konsumenten und Arbeitnehmer stark verbessert haben.

An die Tradition des Muckraking knüpfen die beiden berühmtesten Recherchierjournalisten der Moderne an, Carl Bernstein und Bob Woodward. Sie haben in den 1970er-Jahren in der «Washington Post» die Watergate-Affäre aufgedeckt und damit den damaligen Präsidenten Richard Nixon zu Fall gebracht. Die beiden hatten keine politische Agenda, Woodward war ein kleiner Polizeireporter.

Undenkbarer Aufwand

Watergate hat rund um den Globus den Recherchierjournalismus zum Mass aller Dinge gemacht. Jeder Journalismusschüler träumte davon, einmal Bernstein/Woodward zu werden, und der Traum hatte auch eine wirtschaftliche Basis: Den Verlegern ging es in den 1970er- und 80er-Jahren gut, und zumindest die Leitmedien hatten genügend Mittel, um sich den aufwendigen und unabhängigen Recherchierjournalismus auch leisten zu können. Um die Krupp-Affäre aufzudecken, arbeitete beispielsweise ein «Spiegel»-Journalist damals mehr als ein Jahr.

Ein solcher Aufwand ist heute undenkbar geworden. Die Medienlandschaft hat sich in den letzten zehn Jahren grundsätzlich verändert. Die Redaktionen sind ausgedünnt worden, umgekehrt haben Wirtschaft und Politik eine Art «Schattenjournalismus» aufgebaut. Den normalen Journalisten steht heute ein Heer von Kommunikations- und PR-Fachleuten gegenüber, die über weit mehr Mittel und Einfluss verfügen.

Falsche Pose

Muckraking im Sinne von Bernstein/Woodward ist selten geworden. Mit dem Recherchierjournalismus ist das Gleiche passiert wie mit dem Essen: Er ist zu Convenience-Food verkommen. Die heutigen «Primeurs» sind wie eine Fertigpizza: Sie wurden von PR-Fachleuten mit bestimmten Interessen vorgekocht und müssen nur noch in den Ofen geschoben werden. Es ist daher schön, dass Zimmermann an die guten alten Zeiten erinnert.

Doch wenn sich die «Weltwoche» in die Bernstein/Woodward-Pose stürzt, ist dies falsch. Denn im Fall Hildebrand geht es um Politik (Lesen Sie dazu auch den Artikel Die unheimliche Macht). Der Kommentar der «Financial Times» trifft es auf den Kopf: «Die Enthüllungen sind ohne Zweifel Teil einer politischen Schmierenkampagne.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.01.2012, 12:51 Uhr

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56 Kommentare

Sinuhe Nussbaum

05.01.2012, 17:35 Uhr
Melden 49 Empfehlung

Es ist schön einmal wieder von der Schweizer Presse zu hören, wie schlecht sie eigentlich sei. Selbstkritik tut nicht nur der SVP gut.
Die Motivation der Weltwoche ist mir unbekannt, genau so wie Ihnen, aber wie auch immer, die Fakten müssen vorgebracht werden. Fragen sie sich lieber, warum Sie diesen Artikel in der WW nicht geschrieben haben: warum Sie nicht recherchiert haben.
Antworten


Adrian Mueller

05.01.2012, 17:57 Uhr
Melden 42 Empfehlung

Ob Sozialamt, Zuppiger oder Hildebrand. Lieber Tagi frag Dich lieber warum niemand mit solchen Stories zu Dir kommt, Fertigpizza hin oder her. Journalist sein heisst unbequem sein und wenn bei Dir ausgedünnt wird, liegt es vielleicht daran, dass Du seit Jahren nur Einheitsbrei bringst? Mach ein bisschen weniger Politik und werde wieder unbequem, beginne mit der Veröffentlichung dieses Kommentars. Antworten



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