Schweiz
Junge müssen jede Arbeit annehmen
Von Markus Brotschi. Aktualisiert am 09.12.2009 25 Kommentare
Einigkeit herrschte gestern im Nationalrat darüber, dass die Finanzen der Arbeitslosenversicherung (ALV) aus dem Ruder laufen. Deren Einnahmen sind auf 100'000 Arbeitslose ausgerichtet. Das entspricht einer Quote von 2,5 Prozent, die selbst in der zurückliegenden Hochkonjunktur nur während weniger Monate erreicht wurde. Im Oktober waren in der Schweiz rund 160'000 Menschen als arbeitslos gemeldet, was einer Quote von 4 Prozent entspricht. Ende Jahr wird der Schuldenstand der ALV 6 Milliarden Franken erreichen. Für 2010 rechnet das Staatssekretariat für Wirtschaft mit einem Anstieg auf über 200'000 Arbeitslose, die Schulden wachsen auf über 10 Milliarden an.
Die bürgerliche Mehrheit des Nationalrats will aus der Defizitwirtschaft mit Einsparungen von rund 700 Millionen und zusätzlichen Einnahmen von rund 500 Millionen herauskommen – ein Rezept, das auch Bundesrat und Ständerat gewählt haben. Die SVP sträubte sich allerdings im Vorfeld der Debatte gegen zusätzliche Lohnbeiträge, womit die Vorlage zu scheitern drohte. Dies hätte allerdings der Linken in die Hände gespielt. Denn das Gesetz verpflichtet den Bundesrat, die Lohnabzüge von heute 2,0 Prozent um bis zu 0,5 Prozentpunkte zu erhöhen, falls der Schuldenstand das Zweieinhalbfache der versicherten Lohnsumme erreicht. Dieser Stand wird 2010 überschritten.
SVP zum Mitmachen verdammt
Der gesetzliche Zwang zur Beitragserhöhung hat die SVP nun davon abgebracht, wie immer Widerstand zu leisten, wenn Steuer- oder Beitragserhöhungen geplant sind. Sie trägt zusammen mit FDP und CVP die Revision mit, statt sich mit der Linken gegen die ALV–Revision zu verbünden. Mit 126 gegen 60 Stimmen trat der Nationalrat auf die ALV–Revision ein. Ebenfalls gegen den Willen von SP und Grünen beschloss er, zuerst sämtliche Sparmassnahmen zu beraten. Erst am Schluss befindet die grosse Kammer dann über die Einnahmen. Die Linke will dagegen auf Sparmassnahmen verzichten und die Sanierung dem Bundesrat überlassen. Dies hiesse, dass die Lohnbeiträge auf 2,5 Prozent erhöht würden.
Daraus wird nun aber nichts, und deshalb kündigten SP und Gewerschaften gestern das Referendum an. Die umstrittensten Leistungskürzungen betreffen die jungen Arbeitslosen und werden heute beraten. Gestern verschärfte der Rat bereits die Regeln für die zumutbare Arbeit. Künftig müssen unter 30-jährige Arbeitslose jede Stelle annehmen, sofern sie damit mindestens 70 Prozent des früheren Verdienstes erzielen. Damit übernahm die grosse Kammer die harte Version des Ständerates. Der Antrag, Ausnahmen für Arbeitnehmende mit Kindern zu machen, scheiterte. Auch Bundesrätin Doris Leuthard erhielt kein Gehör. Sie plädierte mit der Linken dafür, weiterhin die Qualifikationen der jungen Arbeitslosen zu berücksichtigen.
Geht Defizitwirtschaft weiter?
Mehrere Bürgerliche verwiesen darauf, dass das Leistungsniveau auch mit der Revision im Vergleich zum Ausland hoch bleibe. In der Schweiz erhielten Arbeitslose bis zu 8400 Franken im Monat, in Deutschland nicht mal die Hälfte, sagten Peter Spuhler (SVP, TG) und Hansjörg Hassler (BDP, GR).
Der Kompromiss, den FDP, CVP und SVP vor einer Woche geschlossen haben, sieht auch Beitragserhöhungen vor. Der Beitragssatz wird von 2,0 auf 2,2 Lohnprozente erhöht. Zum Schuldenabbau wird das Solidaritätsprozent auf Einkommen von 126'000 und 315'000 Franken wieder eingeführt. Anders als Bundesrat und Ständerat wollen die Bürgerlichen im Nationalrat jedoch darauf verzichten, ein zusätzliches Zehntelprozent auf allen Löhnen zum Schuldenabbau zu erheben. Stattdessen sind zusätzliche Einsparungen vorgesehen. Laut Leuthard dauert es 9 bis 14 Jahre, bis die ALV wieder schuldenfrei ist. Fraglich ist allerdings, ob die ALV mit dem Beitragssatz von 2,2 Prozent nicht weiter unterfinanziert ist. Denn dieser Beitragssatz reicht für durchschnittlich 130'000 Arbeitslose, aus heutiger Sicht ein tiefer Stand.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.12.2009, 04:00 Uhr
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25 Kommentare
Die Absicht ist an sich löblich und verständlich. Doch muss eines im Auge behalten werden: Werden überqualifizierte Arbeitslose in Jobs vermittelt, welche auch von weniger gut ausgebildeten Leuten ausgeübt werden könnten, beissen den letzten die Hunde! Im Klartext: Das Nachsehen haben einmal mehr die schlecht qualifizierten Arbeitskräfte. Das ist unsozial und abzulehnen. Antworten
M. Thoman.Wenn es keine Jobs sind u.diese nur Alibiinserate sind,kann man sich lange bemühen.Immer wieder wird -vermutlich wohlweisslich - vergessen,dass es ZWEI PARTEIEN braucht um einen Job zu kriegen,wie beim Tennis es ein Spieler u.Gegenspieler,der einem den Ball zurückspielt, braucht!Diejenigen,welche in einem Job sitzen,haben leicht Reden u.vergessen,dass ihnen Dasselbe passieren kann! Antworten
Es wäre nur gerecht, wenn im Gegenzug den gut situierten AHV-Rentnern die Rente gemäss ihrem Einkommen und Vermögen ganz oder teilweise gekürzt würde. Damit könnte man auf viele ungerechte Aenderungen der Arbeitslosenversicherung verzichten, die vor allem die jungen schmerzlich treffen. Es sind die Jungen, die zugunsten der Alten immer mehr geschröpft werden (ich selber bin bald Rentner). Antworten
Zuerst zu viele Leute herein lassen, dann auf den Arbeitslosen die Sache wieder zurechtbügeln und sich dann wundern wenn man ja sagt zu Abstimmungen, die genau solche Auswüchse verhindern möchte. Sämtlichen BR und Parlamentariern sollten die Löhn, Entschädigungen reduziert werden. Sie haben ihren Auftrag nicht erfüllt. Gilt für alle Fehlentscheidungen. Jedesmal ein x%. Antworten
Wieder eine populistische Massnahme die wenig bringt aber die einfacheren Gemüter befriedigt. Wie soll das gehen? Wird z.B. ein KV Absolvent der dem RAV nur Bewerbungen (genügend!) für Bürojobs bringt mit Einstelltagen rechnen müssen? Oder kriegt er da gleich eine Liste wo er sich bewerben muss und wenn nach einem Monat kein Erfolg einfach was zugewiesen? Antworten
@P. Meider: Schön. Wenn Sie das Studium dann abgeschlossen haben, wollen Sie auch nicht mehr im McDonalds arbeiten, oder doch? Viele können ansonsten gar nicht mehr in ihren angestammten Job zurück, wenn man mal eine Zeit davon abwesend wahr. Im übrigen ist im umliegenden Ausland der Kündigungssch. um vieles besser. Ich verstehe absolut. Mann ist bereits unten, aber ganz an den "rand" möchte niem. Antworten
Wie wäre es, wenn man die Rahmenfrist um 1/2 Jahr verkürzen würde und dafür die ersten 2 Monate ohne irgendwelche Sanktionen und Einschränkungen das zustehende Taggeld auszahlen würde? Gemäss einer Statistik, die ich kürzlich zu Gesicht bekommen habe, finden 80 % der Stellensuchenden im letzen Monat vor der Aussteuerung einen Job. Merkwürdig!Bemüht man sich dann aus Angst plötzlich mehr? lg M.T. Antworten
Mehr Wachstum, durch mehr Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften scheint ja die Zauberformel der CVP, FDP & SVP zu sein. Unverständlich, wenn man einen Blick auf die Realität auf dem RAV und den Soz. Aemtern wirft. Schade, dass nun jene auf der Streck bleiben, auf die man setzen sollte - unsere Jugend!!! Bildung nicht "Fast-Food" Jobs MUSS die Lösung sein! Also SP ergreift das Referendum!!! Antworten
Junge finden erst schwer eine Lehrstelle, werden dann endlich ausgebildet und dürfen dann irgend einen Scheissjob machen der nichts mit ihrer Ausbildung zu tun hat, da die Wirtschaft lieber Ausländer rekrutiert? Was für ein Witz, da läuft was kolossal schief! Wenn das Euer Ernst ist, liebe Politiker, dann gebt auch kein Geld mehr für aus für die Ausbildung, denn die ist offensichtlich für die Katz Antworten
Was nützt einem das Maximum von 8400 Franken wenn man nur 4000 Franken verdient hat? Völlig blödsinnig dieses Argument. Und das von überqualifiziert habe ich auch schon viel zu oft gehört... Die wirklichen Probleme werden nicht gelöst. Zeit für ein Grundeinkommen und eine passende Initiative dazu. Antworten
Die ganze ALV ist ein Riesen-Fake das hinten und vorne nicht durchdacht ist. In all diesen Jahren stolpert und jammert sie durch die Schweizer Geschichte. Sobald eine etwas steifere Brise weht ist die Luft raus. Beiträge jeweils flexibel der Wirschaftssituation anpassen. Ausländern die hier ALV-Gelder nur beziehen, MÜSSEN gehen. Blöde EU-Verträge. Bringen uns nur Kummer und Proble Antworten
Im Prinzip wäre es ja im Sinne einer Sozialerfahrung nicht schädlich, wenn höher Qualifizierte vorübergehend eine Arbeit annehmen müssten, die unter Ihrer Qualifikation liegt. Das Problem ist jedoch, dass sie für so eine Tätigkeit nicht angestellt werden, da der Arbeitgeber davon ausgeht, dass diese Leute bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder abspringen. Antworten
Das Referendum der Linken verstösst gegen die Menschenrechtskommission und sollte verboten werden. Denn der Mensch hat doch das Recht auf Arbeit, oder wie war das doch gleich? Oder hat er das Recht, von der Arbeit der Anderen zu leben, weil er sich zu fein ist, auch mal einen anderen Job zu machen? Auf jeden Fall erkämpft die Internationale das Menschenrecht, wie auch immer... Antworten
Völlig falscher Gedankenansatz. Auch in Japan z.B. gibt es das Problem, dass Junge die keinen Job finden, fast alles annehmen (müssen), was es grad gibt, obwohl sie Hochschulabschluss haben. Das Resultat ist: Qualifizierte junge Leute arbeiten als *Arbeito* (Teilzeitarbeiter) in irgendeinem Convenience Store und verbauen sich von vornerein ihre Zukunft. Es gibt ein Mittel: Jobsharing... Aber eben. Antworten
Die Forderungen der bürgerlichen Parteien an die Jugend spotten jeder Beschreibung. Wo bleibt das Ausbildungsmoratorium der Jugend? Wo bleibt das Verständnis für Krisen, Schwierigkeiten und Probleme der Jugend? Die Jugendlichen brauchen Unterstützung, Ausbildung und Hilfe zum Einstieg in die Erwachsenenwelt, nicht Repression und Kleinreden ihrer Bedürfnisse. Antworten
Maximal 8400 CHF bekommt man, wenn man auch vorher ein Jahr lang jeden Monat 12'000 CHF verdient hat, das ist schön für die Reichen, die Armen haben davon aber nichts.Dass die jungen Leute unter 30 jede Arbeit annehmen müssen, ist das eine, aber dazu kommen noch die Leistungskürzungen: Die meisten Arbeitslosen werden nur noch 260 Bezugstage anstatt 400 haben und landen danach auf dem Sozialamt! Antworten
Unser bürgerlich dominierte Parlament spart grad dem Buckel der Jungen, die sowieso einen immer schwierigen Berufseinstieg haben: Ohne Efahrung keinen Job, ohne Job keine Erfahrung. Grosse Beträge werden damit nicht zu holen sein, die beruflichen Perspektiven der Betroffenen aber unverhältnissmässig trüben. Antworten
Man kann doch die Schweiz nicht mit Deutschland vergleichen. 1. Wird in D die Krankenkasse, Steuern, etc. alle vom Lohn bzw. Arbeitslosengeld abgezogen. Hier nicht (soweit ich informiert bin). Das es hier doppelt so viel Geld gibt, liegt wohl an den hohen Lebenskosten die hier anfallen. In D oder A kaufe ich meist über 50% billiger ein als hier. Antworten
Wieder mal an der Realtität vorbei. Ich bin unter 30, habe eine gute Ausbildung und bin seit ein paar Monaten Arbeitslos. Gerne nehme ich jede Stelle an. Bei vielen Bewerbungen erhalte ich aber die Absage, "sie sind deutlich überqualifiziert", "ein anderer Bewerber, passt besser ins Profil"... Das Problem sind nicht die Arbeitslosen, die wollen zu gerne einer Arbeit nachgehen. Antworten
Ich bin Student 25 Jahre alt und begrüsse diesen Entscheid. Ich kann nicht nachvollziehen, wie junge Erwachsene bevorzugen Geld von der Arbeitslosenkasse zu beziehen, anstatt zu arbeiten (egal welche Arbeit). Ich muss auch mein Studium finanzieren, indem ich diverse Jobs (Bsp. auf dem Bau) erledige. Auch für mich wäre es einfacher bspw. Stipendien, Kredite, etc. zu beziehen ohne arbeiten zu müssen Antworten
Wieder einmal sehr schlau gedacht von unserem Parlament: Die "Jungen" werden gezwungen, neu bei McDonalds zu arbeiten. Durch die Gehaltsreduktion von bis zu 30%, fliesst weniger Geld in die bereits angeschlagene AHV und junge Familien verbauen sich die berufl. Perspektiven. Arbeitgeber können die 30% gnadenlos instrumentalisieren um billige Arbeitskräfte zu holen. Gratuliere zu dieser Denkleistung Antworten
Wenn schon mit dem Ausland verglichen wird soll man auch ehrlich sein und sagen das die Lebenshaltungskosten und Löhne dort auch bis 50% tiefer sind. Wie geht es an das EU-Bürger ungehindert in die CH einreisen können und hier arbeiten dürfen? Wenn ich in Deutschland billiger einkaufe ist es mir dagegen nicht erlaubt ungehindert alles einzuführen (Fleisch gut 50% billiger, Milchprodukte, usw...). Antworten
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Sibylle Weiss
Herr Schroll;hier haben Sie ein wahres Wort geschrieben.Bei manchen Arbeitgebern stösst man auf taube Ohren,wenn man z.B.sagt/schreibt,dass einem eine Materie schwer interessiert u.man bereit ist,eine Zusatzausbildung zu machen.Die Ag haben es zwar akustisch aufgenommen u.dennoch kein Musikgehör dafür,sodass man genauso gut mit einer Wand reden kann!Manche haben die Arbeitswelt für sich gepachtet! Antworten