Schweiz

Kameras und Sicherheitspersonal mit Hunden für ein Weizenfeld

Von Denise Lachat, Pully. Aktualisiert am 04.04.2009

Im waadtländischen Pully spriesst in einem Freilandversuch gentechnisch veränderter Weizen. Die Gegner wollen dort «eine der Anti-Atomkraft vergleichbare Bewegung schaffen». Morgen geht es los.

Schwer abgeriegelt von der Umgebung: Gentech-Weizenfeld in Pully.

Schwer abgeriegelt von der Umgebung: Gentech-Weizenfeld in Pully.
Bild: Keystone

Engagement gegen gentechnisch veränderte Pflanzen: Julien Sansonnens.

Engagement gegen gentechnisch veränderte Pflanzen: Julien Sansonnens.

Kopfschüttelnd steht Julien Sansonnens vor dem Gittertor mit den Hinweistafeln, die unter Androhung von Busse den Zutritt verbieten. «Wie in einem militärischen Sperrgebiet sieht es hier aus», sagt der 29-Jährige. Doppelt eingezäunt ist das Gelände in einem Wohnquartier der Lausanner Vorortsgemeinde Pully, es wird von Kameras und Sicherheitspersonal mit Hunden überwacht. Die Massnahmen gelten nicht den Rebstöcken der eidgenössischen Forschungsanstalt von Changins, sondern dem 950 Quadratmeter grossen Feld nebenan, das mit einem weissen Vogelschutztuch bedeckt ist.

«Die Quartierbewohner sind besorgt»

Hier wurde am 17. März gentechnisch veränderter Weizen gesät. Der Versuch ist Teil des 12 Millionen Franken teuren Nationalen Forschungsprogramms 59 «Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen». In Pully werden die Mehltauresistenz verschiedener Weizenarten und deren Folgen für die Umwelt untersucht.

Sansonnens wohnt in der Nähe des Versuchsgeländes, ist als Präsident der Linksaussenpartei POP des Bezirks Lavaux politisch aktiv, und er koordiniert den Widerstand gegen den Freilandversuch mit den genveränderten Organismen (GVO). Eine Petition hat über 3000 Unterschriften erhalten. «Die Quartierbewohner sind besorgt», sagt Sansonnens. Man setze ihnen GVO-Pflanzen vor die Nase, dabei hätten viele geglaubt, dank dem von der Schweiz im Jahr 2005 beschlossenen fünfjährigen Moratorium sei dies nicht möglich. Tatsächlich verbietet das Moratorium Gentech-Pflanzungen nur für die kommerzielle Nutzung, die Forschung bleibt erlaubt.

Eigentlich müssten die Kritiker für diesen Versuch dankbar sein

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat die Freilandgesuche der Universität und der ETH Zürich im Jahr 2007 nach Versuchen im Gewächshaus gutgeheissen. Im zürcherischen Reckenholz wird der GVO-Weizen der Universität seit 2008 getestet, Kritiker haben einen Teil der Pflanzen allerdings zerstört. «Darum sind wir in Pully nun zu solchen Sicherheitsmassnahmen gezwungen», sagt der für das Projekt zuständige Arnold Schori von Agroscope Changins-Wädenswil. Schori sagt, eigentlich müssten die Kritiker für diesen Versuch dankbar sein. «In der Schweiz liegt die Forschung nicht in den Händen der von ihnen kritisierten Multinationalen, sondern wird von der öffentlichen Hand finanziert und durchgeführt. Das garantiert unabhängige, objektive und verlässliche Forschungsergebnisse.»

Sansonnens mag nicht recht daran glauben; sein Misstrauen schöpft er aus dem Umstand, dass der Gesuchsteller der ETHZ, Professor Wilhelm Gruissem, als Berater für den amerikanischen Agrokonzern Monsanto sowie für die Schweizer Syngenta tätig war. Er sei keineswegs forschungsfeindlich, beteuert Sansonnens, der an der Universität Lausanne Soziologie studiert. «Die Versuche sollen sich aber auf die Medikamentenforschung und auf das Labor beschränken, im Freien ist das Risiko zu gross.»

Zum Beginn ein Anti-GVO-Picknick

Schori widerspricht. Das weisse Tuch schütze die Saat vor dem Zugriff der Vögel, der reife Weizen werde ebenfalls durch ein Netz geschützt. Die Weizenkörner würden von Hand geerntet, um Rückstände in den Maschinen zu verhindern, anschliessend in doppelwandige Säcke verpackt, und das Stroh in der Kehrichtverbrennung vernichtet. Und das Risiko durch Pollenflug? «Das Versuchsgelände steht in den vorgeschriebenen 300 Metern Abstand zum nächsten Feld, das verhindert die einzig möglichen Kreuzungen mit Weizen oder Roggen», sagt Schori. Und die Bienen? «Die fliegen nicht ins Weizenfeld», sagt der Agroscope-Forscher. Hingegen werden Gruppen von Forschern künftig fast täglich auf dem Versuchsgelände unterwegs sein, um Pflanzen, Boden und Umgebung zu beobachten.

Mit Protest ist zu rechnen. Nachdem das Bundesverwaltungsgericht einen Rekurs gegen den Freilandversuch abgelehnt hat, wollen die Kritiker in Pully «eine der Anti-Atomkraft vergleichbare Bewegung schaffen», wie Sansonnens sagt. Den Auftakt dazu soll am Sonntag ein Anti-GVO-Picknick schaffen. Als Redner geladen ist auch Arnold Schori. (Der Bund)

Erstellt: 04.04.2009, 20:07 Uhr

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