Kampf gegen die Armut führt zu Wettstreit zwischen Sozialwerken

Von David Schaffner. Aktualisiert am 06.01.2010 5 Kommentare

Die Arbeitslosenkasse, die IV und die Sozialhilfe stehen in harter Konkurrenz um Nischenarbeitsplätze. Viele Firmen stören sich daran, dass immer mehr Vermittler der Sozialwerke bei ihnen anklopfen.

Mehr Bemühungen um Reintegration gefordert: Stellen mit einfachen Anforderungen gibt es derzeit auf dem Arbeitsmarkt zu wenige.

Mehr Bemühungen um Reintegration gefordert: Stellen mit einfachen Anforderungen gibt es derzeit auf dem Arbeitsmarkt zu wenige.
Bild: Keystone

Mit grosser Skepsis reagieren die Verantwortlichen bei den IV-Stellen und den regionalen Arbeitsvermittlungszentren RAV auf den Kampf gegen die Armut in der Schweiz. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) möchte die Anzahl der Armen in den nächsten zehn Jahren halbieren. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, schlägt die Skos vor, dass die Sozialämter künftig konsequent dafür lobbyieren, dass die Firmen mehr Nischenplätze für Sozialhilfeempfänger einrichten, die schon lange nicht mehr gearbeitet haben und daher vermindert vermittlungsfähig sind.

Die Skos setzt damit auf ein Mittel, das einige städtische Sozialämter und vor allem die IV und die RAV schon heute praktizieren. «Die Politik fordert von der Sozialhilfe und der IV mehr Bemühungen für die Reintegration», sagt Christina Stücheli, Sprecherin des Sozialdepartements der Stadt Zürich. «Die IV, die Sozialhilfe und die RAV suchen alle nach Stellen mit einfachem Profil. Von denen gibt es im Arbeitsmarkt immer weniger.»

Ämter sollen Agentur gründen

Vermittler an der Front bei den IV-Stellen oder RAV erzählen gegenüber dem TA, dass immer mehr Firmen genervt reagierten, wenn sie um ein Gespräch ersuchten: «Ich habe viel Zeit in meine Kontakte mit den Unternehmen investiert und konnte so erreichen, dass einige das Risiko auf sich nahmen, einen schwer zu vermittelnden Arbeitslosen einzustellen», sagt der Leiter eines grossen RAV. «Mittlerweile erzählen mir die gleichen Unternehmen, dass sie immer mehr Anrufe von Vermittlern der verschiedenen Sozialsysteme erhalten und damit überfordert seien, sich für alle die notwendige Zeit zu nehmen.»

Der RAV-Leiter befürchtet, dass die vielen Vermittler jene Firmen vergraulen, zu denen er mit viel Einsatz ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Überdies bezweifelt er, dass die Schweizer Wirtschaft im hohen internationalen Druck beliebig viele Nischenarbeitsplätze schaffen könne. Wenn nun ein Sozialhilfeempfänger einer Person die Stelle wegnehme, die erst seit einem Jahr arbeitslos sei und von einem RAV betreut werde, bringe dies nichts.

«Zu viele verschiedene Kassen»

Der Präsident der IV-Stellen–Konferenz, Stefan Ritler, bestätigt diese Beobachtungen: «Die verschiedenen Akteure bearbeiten den Arbeitsmarkt immer intensiver», sagt Ritler. Es komme in jüngster Zeit häufiger vor, dass sich die Unternehmen darüber beschwerten, dass zu viele Ämter bei ihnen anklopften.

«Unser System krankt daran, dass sich zu viele verschiedene Kassen um Menschen ohne Arbeit kümmern und so in einen Konkurrenzkampf untereinander geraten», erklärt Ritler. Jede Kasse stehe unter einem enormen politischen Druck, die Defizite abzubauen. Dieser Druck verschärfe das Konkurrenzdenken zusätzlich. Allein die IV-Stellen haben den Auftrag, in der Schweiz in den kommenden Jahren rund 12 500 Rentner zurück in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Nun möchte die Skos auch noch Tausende von Sozialhilfeempfängern in der Wirtschaft unterbringen.

Vermittler müssen vor Ort sein

Für viele Beteiligte gibt es nur eine Lösung gegen die schädliche Konkurrenz: mehr Zusammenarbeit. Der Luzerner Sozialdirektor und Präsident der Städteinitiative Sozialpolitik, Ruedi Meier, sagt: «Wir sollten eine gemeinsame Arbeitsagentur für die Arbeitslosenversicherung, die IV und die Sozialhilfe gründen.» Eine solche Institution könnte koordiniert gegenüber den Arbeitgebern auftreten und so mehr Nischenarbeitsplätze akquirieren. Zwar gebe es grosse Unterschiede zwischen einem Sozialhilfebezüger und einer Person, die erst kürzlich die Stelle verloren habe. Die Ansprechpartner in der Wirtschaft seien aber oft die gleichen.

Kein Problem mit der zunehmenden Konkurrenz hat Andreas Dummermuth, der Leiter der IV-Stelle Schwyz. «Endlich haben alle Sozialwerke gemerkt, dass sie etwas für die Reintegration tun müssen.» Die Idee einer gemeinsamen Agentur lehnt er ab: «Deutschland und Frankreich haben zentrale Agenturen geschaffen und machen heute nichts anderes, als die Massenarbeitslosigkeit zu verwalten.» Viel besser sei, wenn die Vermittler vor Ort in der Region seien und sich ein persönliches Netz aufbauten. «Nischenarbeitsplätze zu finden, ist eine sehr mühsame Arbeit, die nur in engem Kontakt mit der Wirtschaft möglich ist.» Dummermuth glaubt nicht, dass die Firmen damit überfordert seien, mit drei Ämtern im Kontakt zu stehen. Jedes kleine Unternehmen unterhalte ein grosses Kontaktnetz. Da gebe es auch Platz für drei Sozialwerke.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2010, 06:32 Uhr

5

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

5 Kommentare

Andrea Lüthi

06.01.2010, 08:57 Uhr
Melden

Dies entspricht genau meiner Motion "Förderung von Nischenarbeitsplätzen" die ein koordiniertes Vorgehen zwischen der verschiedenen Sozialwerken fordert! Im Kanton Bern ist man daran dies umzusetzen. Antworten


carlos von arx

06.01.2010, 09:55 Uhr
Melden

Die wieder eingliederung ist wichtig und nötig. Wir sollten aber aktzeptieren, dass in der CH weniger stellen zur verfügung stehen als es arbeitssuchende und einzugliedernde gibt. Die wirtschaft muss helfen mit mehr teilzeitjobs. Sonst können mit hohen kosten leute eingegliedert werden und jobs erhalten, die leute ohne solche massnahmen auch erhalten hätten. Achtung vor lohndumping und missbrauch. Antworten



Schweiz

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

CONTROLLING-SPEZIALIST Medici & Sprecher AG, OW UR SZ ...

Specialist Regulatory Affairs Phonak AG, Stäfa, Stäfa

Technischer Projektleiter (Ingenieur / Mikrotechniker) (m/w) advisca gmbh, BE