Kampfzone Kantine

Heute Nachmittag lanciert der Verein Sentience Politics zwei Initiativen, die den Kantinen in Bern und Basel ein tägliches veganes Menü verordnen. Ein Thema, bei dem die Wogen schnell hochgehen.

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Geht es nach Sentience Politics, einem Verein, der sich «für das Wohl aller empfindungsfähigen Wesen einsetzt», werden Beamte in Basel und Bern in Zukunft jeden Tag vegan essen können. Mit zwei Volksinitiativen, die am Dienstagnachmittag in Bern lanciert wurden, sollen die Verwaltungen in Basel und Bern dazu verpflichtet werden, das vegetarische und vegane Ernährungsangebot auszuweiten. In Kantinen, die mehr als ein Menü zur Auswahl haben, soll in Zukunft ein tägliches veganes Essen angeboten werden.

Die Initiative hat bereits vor der Lancierung prominente Helfer gewonnen. Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger unterstützt den Grundgedanken des Vereins – mehr Pflanzliches, weniger Fleisch –, wird sich aber aus dem Abstimmungskampf heraushalten. Eine eher aktivere Rolle werden die Parlamentarier Beat Jans (SP, BS), Aline Trede (Grüne, BE) und Bastien Girod (Grüne, ZH) einnehmen. Es gehe darum, dass der Mensch mehr Handlungsmöglichkeiten erhalte, sagt Jans. Dass vegane Menüs bisher eher nicht auf grossen Anklang stossen – wie das Beispiel der Uni Basel zeigt –, lässt der Nationalrat als Argument nicht gelten. «Das hat es bei Bio am Anfang auch geheissen. Heute macht das Biosortiment 20 Prozent des Umsatzes bei den Grossverteilern aus.»

Reduzierter Fleischkonsum

Für Jans steht die Reduzierung des Fleischkonsums im Zentrum, in seinen Augen einer der Hauptgründe für den übermässigen Verbrauch von natürlichen Ressourcen in der Schweiz. Und auch aus der Optik des Tierschutzes ein Problem. Bastien Girod: «Bei der Menge Fleisch, die wir heute essen, ist tiergerechte Haltung kaum mehr möglich.» Für den Grünen Girod, der Sentience Politics bei der Ausarbeitung der Initiativen beraten hat, geht es beim veganen Menü aber noch um mehr: Er sieht das tägliche vegane Menü auch als Beitrag zum Klimaschutz und ganz allgemein zur Gesundheit des Menschen. «Unser Cholesterinspiegel ist wegen unseres Fleischkonsums viel zu hoch.»

Die grösste Herausforderung für die Unterstützer der Initiativen: Die Debatte so zu lenken, dass sie nicht in einen ideologischen Grabenkrieg zwischen Veganern und Fleischessern ausartet. «Wir müssen die Botschaft platzieren, dass es nicht darum geht, sein Leben auf vegane Ernährung umzustellen. Ab und zu vegan reicht völlig», sagt Girod. Man habe sich bewusst für die Lancierung in den beiden Städten Bern und Basel entschieden, weil dort der Anteil der ökologisch sensibilisierten Parteien besonders hoch ist.

Heftige Debatte in Basel

Dass es aber auch in solchen Städten zu heftigen Diskussionen kommen kann, wenn es ums Thema Ernährung geht, davon kann Jens Hermes erzählen. Der Doktorand der Chemie wollte im Herbst 2012 Fleischgerichte aus der Mensa der Universität Basel verbannen und entfachte damit einen Sturm der Entrüstung. Allerdings hatte Hermes Erfolg: Heute bietet die Mensa der Uni einmal pro Woche ein veganes Menü an. Hermes, inzwischen doktoriert, ist dem Thema treu geblieben: Er will sein Geld in Zukunft mit veganen Burgern verdienen. Ein Konzept steht, noch fehlt eine Lokalität.

Mit den Initiativen von Sentience hat Hermes nicht direkt zu tun – aber er unterstützt das Anliegen. «Das lohnt sich auf jeden Fall. Wir müssen die Wahrnehmung unseres Essens verändern – da helfen die Initiativen.» Die Diskussion um den Menüplan der Uni sei auch darum so ausgeartet, weil Essen etwas sehr Emotionales sei. «Fleisch essen wird leider noch immer mit Männlichkeit verbunden», sagt Hermes.

Trotz aller Bemühungen des Doktoranden ist der Erfolg des veganen Menüs noch bescheiden. Im Vergleich zu den vegetarischen Angeboten, die heute bereits rund 15–20 Prozent aller Menüs betrügen, sei die Nachfrage nach veganem Essen eher gering, sagt Kornell Otto von der SV Group. Otto ist Projektleiter des Klimaschutzprogramms der SV Group, bei dem heute 65 der insgesamt 306 Betriebe des Caterers teilnehmen. Die beiden Initiativen tangieren das Programm laut Otto nur am Rande. «Wir setzen auf einen umfassenden Ansatz, um unseren CO2-Verbrauch zu reduzieren. Vegetarische Küche ist nur ein Teil davon.»

Fleischverband ist dagegen

Dass es das Anliegen von Sentience Politics schwer haben könnte, das ist auch den Unterstützern bewusst. «Wir hatten einen schlechten Start», sagt Beat Jans. In den ersten Medienberichten sei der Tenor gewesen, dass den Leuten mit den Initiativen etwas verboten werde. «Dabei soll doch nur das Angebot erweitert werden.» Ein Beispiel für Jans Befürchtung ist der Schweizer Fleisch-Fachverband, der sich erwartungsgemäss gegen die beiden Initiativen stellt. Ruedi Hadorn, Direktor des Verbands, hält wenig von der Idee, den kantonalen Mensen in Bern und Zürich ein tägliches veganes Menü zu verordnen. «Wir sind gegen jegliche Art der Bevormundung. Die Menüauswahl soll der Markt regeln.» Niemand solle gezwungen werden, Fleisch zu essen; aber das gelte für alle Nahrungsmittel. «Die Wahlfreiheit ist entscheidend.»

Es geht Hadorn auch darum, ein Präjudiz zu verhindern – sonst müssten sich Wirte und Mensaleiter in Zukunft an jeden neuen Trend mit neuen, verordneten Menüs anpassen. «Man leistet lieber Überzeugungsarbeit, als den Wirten das Menü zu diktieren.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.04.2014, 15:33 Uhr)

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