Kanton Bern greift in den Asylzentren durch

Renitent, fordernd und aggressiv: Im Asylzentrum Lyss und in anderen Zentren des Kantons Bern machen oft nordafrikanische Migranten Probleme. Und: Sie beantragen Asyl, obwohl viele keine Flüchtlinge sind.

«Anders als andere Asylsuchende»: Die nordafrikanischen Asylbewerber bilden zwar nicht die grösste Gruppe, einige von ihnen machen laut den Behörden aber massiv Probleme.

«Anders als andere Asylsuchende»: Die nordafrikanischen Asylbewerber bilden zwar nicht die grösste Gruppe, einige von ihnen machen laut den Behörden aber massiv Probleme. Bild: Keystone

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Der arabische Frühling treibt in der Schweiz seltsame Blüten. Etwa rund ums Asylzentrum in Lyss. Seit Januar hat sich dort die Zahl der Diebstähle und Einbrüche verdoppelt. Der Grund dafür – darin sind sich Behörden und Zentrumsleitung einig – sind Asylbewerber. Noch deutlicher wird Iris Rivas, Leiterin des kantonalen Migrationsdienstes. Gemäss ihrer Aussage sind die jungen Männer aus Nordafrika, also aus Tunesien, Marokko, Algerien und Libyen, das Problem. «Die meisten von ihnen halten sich nicht an die Regeln und treten äusserst fordernd bis aggressiv auf.»

Handel mit Diebesgut

So tönt es auch in anderen Asylzentren des Kantons. «Diese Leute sind anders als die Asylsuchenden, mit denen wir es bislang zu tun hatten», stellt Daniel Bernasconi vom Bieler Durchgangszentrum Schlüssel fest. «Sie haben mehr Besuch und halten sich weniger an die Hausregeln.» Laut Philipp Rentsch, Geschäftsleiter der Organisation Asyl Biel Region (ABR), die für den Kanton die Zentren führt, kommt es immer wieder vor, dass Fremde in den Zentren übernachten oder Gewalt zwischen den Bewohnern aufflammt. Es sei auch vorgekommen, dass sich zwei Männer Diebesgut streitig machten, so Rentsch.

Dass gestohlen wird, ist für Maurice Zivelonghi offensichtlich. «Einige der jungen Männer begehen Diebstähle und verkaufen dann die Waren an die anderen Zentrumsbewohner», sagt der Leiter des Zentrums Linde in Biel und des Durchgangszentrums in Reconvillier. Im Zentrum mitzuarbeiten und sich so einen Zustupf zu den 9.50 Franken Sozialhilfe pro Tag zu verdienen, ist für die meisten kein Thema. «Sie weigern sich, in ihrer Heimat sei dies Frauenarbeit», sagt David Zaugg, Leiter des Lysser Zentrums. Lieber lamentierten die Männer: «Sie sagen, weil wir sie zu wenig unterstützten, bleibe ihnen nichts anderes übrig, als zu stehlen.» Behörden und Autoritäten respektieren diese jungen Männer meist nicht. Unbeeindruckt sind sie auch, wenn von der SBB Bussen fürs Schwarzfahren hagelt.

Willkommene Revolution

Die Situation belastet die Mitarbeiter und strapaziert die Akzeptanz der Asylzentren in der Bevölkerung. Zwar werde Fehlverhalten sofort mit der vorübergehenden Kürzung der Sozialhilfe oder gar mit einem einmonatigen Hausverbot sanktioniert, sagt ABR-Geschäftsleiter Rentsch. Doch dies seien Massnahmen, die meist wirkungslos verpufften. «Viele dieser Männer respektieren in den Zentren nichts und niemanden.» Er bat schliesslich den Kanton um Unterstützung. Dort zauderte man nicht lange und leitete vor gut drei Monaten Massnahmen ein wie die nächtliche Bewachung des Lysser Zentrums durch Securitas-Mitarbeiter. Laut dem kantonalen Migrationsdienst werden die Vorkehrungen im Februar auf ihre Wirkung überprüft und dann allenfalls Standard in allen Asylzentren im Kanton.

Ungelöst bleibt, dass es in den Bundeszentren an Plätzen fehlt und der Bund deshalb zu viele Asylsuchende an die Kantone verteilt. Und dass die Rückführung von Dublin-Fällen in die zuständigen europäischen Länder entweder nicht möglich ist oder zu lange dauert. Dublin-Fälle sind viele der nordafrikanischen Asylbewerber. Denn die meisten von ihnen sprechen italienisch. Für Rentsch ein Hinweis darauf, dass diese Leute nicht erst seit Beginn des arabischen Frühlings in Italien gelebt und gearbeitet haben. Viele seien dort wohl ausgebeutet worden und weitergezogen, wenn es keine Arbeit mehr gab. «Nach Jahren des Herumziehens kommt vermutlich vielen der politische Umsturz in ihren Ländern gerade recht, um nun in der Schweiz ein Asylgesuch zu stellen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.11.2011, 08:21 Uhr

Begriffe und Verfahren

Bei der Einreise in die Schweiz werden Asylsuchende in einem der drei Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ) des Bundes registriert und befragt. Asylsuchende, über deren Gesuch der Bund nicht innert 60 Tagen entscheidet, werden bis zum Abschluss des Verfahrens den Kantonen zugeteilt. Der Verteilschlüssel richtet sich nach der Zahl der Bevölkerung. Der Kanton Bern muss 13,8 Prozent der Asylsuchenden aufnehmen.

Die Zahl der Nordafrikaner steigt: 2010 waren es 107 Personen, 2011 bis September 348 .

Asyl Biel und Region (ABR) und die Heilsarmee führen im Auftrag des Kantons die Durchgangszentren für Asylbewerber sowie Sachabgabezentren für abgewiesene Asylbewerber. ABR betreibt 10 Zentren, darunter jenes in Lyss, und bietet insgesamt 786 Plätze an. Derzeit sind alle Zentren voll besetzt. Die Asylbewerber warten im Durchschnitt 1400 Tage auf den endgültigen Entscheid des Bundes. Kann der Bewerber keine asylrelevanten Gründe vorweisen, kommt es zu einem Nichteintretensentscheid.

Das Abkommen von Dublin besagt, dass ein Land Asylsuchende, die schon in einem anderen europäischen Land registriert sind, in das sogenannte Erstasylland – in der Regel Italien oder Griechenland – zurückführen darf. In der Praxis funktioniert dies schleppend oder gar nicht. So registriert Italien viele Leute nicht und nimmt nur eine beschränkte Anzahl Asylsuchender zurück. Nach Griechenland darf derzeit niemand zurückgeführt werden, weil das Land Probleme mit der Unterbringung und Betreuung hat. Bislang konnte die Schweiz in 40 Prozent aller Fälle Dublin-Verfahren in die Wege leiten. Effektiv rückgeführt wurde die Hälfte der Leute.

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