Kantone sparen mit Laienkultur viel Geld

Manchen Kantonen ist Kultur deutlich mehr wert als anderen: In Basel-Stadt betragen die Kulturausgaben 910 Franken pro Kopf, Zürich gibt 316 Franken aus. Das Schlusslicht ist Schwyz – mit 78 Franken.

Führung zu den Herrenhäusern während des Schwyzer Kulturwochenendes. Foto: Janine Schranz (Schwyz Kultur Plus)

Führung zu den Herrenhäusern während des Schwyzer Kulturwochenendes. Foto: Janine Schranz (Schwyz Kultur Plus)

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Zwei Kulturereignisse sorgten unlängst für Aufmerksamkeit: der Zürcher Hafenkran und das Schwyzer Kulturwochenende – sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Seit einigen Tagen steht der rostige Riese aus Rostock an bester Lage an der Limmat und spaltet die Gemüter. Hier wurde mehr oder weniger eine Kunstinstallation von den Stadtoberen ihren Untertanen aufgezwungen. Und auch die Kosten von rund 600'000 Franken müssen die Steuerzahler berappen. Wenn Kunst als Provokation verstanden wird, ist der Kran eine gelungene Sache.

Letztes Wochenende fand im Kanton Schwyz das Kulturwochenende statt. Es ist der kulturelle Höhepunkt der Region und soll in allen Gemeinden die Kultur sichtbar machen. Während dreier Tage besuchten etwa 15'000 Menschen 130 Veranstaltungen in 33 Ortschaften. Abgesehen von Mal-Workshops, Buchlesungen oder einem Folkloreabend standen dieses Jahr die offenen Ateliers von 40 Schwyzer Künstlern im Vordergrund. Kostenpunkt des Festivals: 70'000 Franken – die Hälfte davon übernehmen Sponsoren wie die Schwyzer Kantonalbank und Victorinox, der Rest stammt aus dem kantonalen Lotteriefonds.

Ost- und Zentralschweizer geben am wenigsten aus

Das unterschiedliche Kulturverständnis widerspiegelt sich in den Finanzen. Jedes Jahr erhebt das Bundesamt für Statistik die Kulturausgaben aller Kantone und ihrer Gemeinden. Die neuesten Zahlen stammen von 2011. Am meisten gab der Kanton Zürich (inklusive Gemeinden) mit 439,5 Millionen Franken aus, am wenigsten war es in Appenzell Innerrhoden: 1,6 Millionen Franken.

Aussagekräftiger sind die Pro-Kopf-Ausgaben. Da steht Basel-Stadt mit 910 Franken unangefochten an der Spitze, gefolgt von Genf (785 Franken), Neuenburg (387 Franken) und Zug (342 Franken). Über dem Durchschnitt liegen Zürich, Graubünden, Luzern oder Bern mit Ausgaben zwischen 316 und 220 Franken. Unterdurchschnittlich sind die Kulturbudgets in St. Gallen oder Aargau. Am Schluss stehen die kleinen Ost- und Zentralschweizer Kantone Glarus, die beiden Appenzell, Ob- und Nidwalden sowie Uri. Die rote Laterne hängt in Schwyz, das bloss 78 Franken pro Einwohner aufwendet.

Im Kanton Schwyz kommt dazu, dass knapp 40 Prozent der Kulturausgaben von 11,5 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds stammen. 2011 war dies schweizweit mit Abstand der Höchstwert. Zum Vergleich: In Zürich oder Basel-Stadt betrug der Anteil bloss 3,4 respektive 2,5 Prozent. «Das hat damit zu tun, dass Schwyz im Unterschied zu anderen Kantonen über kein Kulturförderungsgesetz verfügt», sagt die Schwyzer SP-Kantonsrätin Verena Vanomsen. Sie setzt sich seit Jahren für höhere Kulturbeiträge ein. Letztmals Ende 2013, als sie zusammen mit je einem CVP- und FDP-Kantonsrat auch Lotteriegelder für Kulturhäuser forderte – allerdings vergeblich. Die Schwyzer Regierung beschied ihnen: «Kultur kann nach dem Verständnis des Regierungsrats nicht von oben diktiert werden. Eine Staatskultur soll explizit nicht installiert werden. Kultur muss von der Basis her wachsen.»

Hochkultur wichtig für Basel

Ganz anders klingt es in Basel-Stadt: «Kultur ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Identität und zudem ein wirtschaftlicher Faktor in der Region. Beides widerspiegelt sich in den öffentlichen Kulturausgaben», erklärt Philippe Bischof, Leiter der Abteilung Kultur. Der Hauptgrund ist aber, dass sich Kantone mit grossen Städten wie Basel, Bern, Zürich oder Luzern grosse, sprich teure Kulturinstitutionen im Theater- und Musikbereich leisten. «Wir haben mit der Oper, der Tonhalle oder dem Schauspielhaus überregional ausstrahlende Kulturhäuser, die ein Alleinstellungsmerkmal in der Schweiz aufweisen. Daran zahlt der Bund nichts», sagt Susanna Tanner, Kulturbeauftragte des Kantons Zürich.

Interessant in diesem Zusammenhang ist der Vergleich Zugs mit Schwyz: Beide Zentralschweizer Steueroasen werden immer wieder als Trittbrettfahrer kritisiert, doch für die Zuger hat Kultur eine andere Bedeutung: «Zug befindet sich im Spannungsfeld der zwei starken Kulturkantone Zürich und Luzern. Deshalb leisten wir uns etwas, damit Zug nicht in der Kulturagglomeration verschwindet», sagt Aldo Caviezel, Leiter des Amts für Kultur. Zug hat seit den 60er-Jahren ein Kulturförderungsgesetz. Damit werden Institutionen wie zum Beispiel das Kunsthaus, das Theater Casino Zug, das Museum Burg Zug oder das alternative Kulturzentrum Galvanik unterstützt. «Das ist teurer als die Finanzierung von Projekten», so Caviezel.

In Schwyz gibt es abgesehen vom Bundesbriefmuseum nichts Vergleichbares. Das erklärt die viel tieferen Kulturausgaben zum Teil. «Für uns ist Kultur mehr Vereins- und Laienkultur als Hochkultur. Deshalb finanzieren wir lieber Projekte als Kulturhäuser», sagt der Schwyzer Kulturbeauftragte Franz-Xaver Risi. Falls die Schwyzer Lust auf etwas Elitäres verspüren, können sie nach Zürich in die Oper oder nach Luzern in das KKL fahren – was vor allem die Ausserschwyzer gerne tun.

Schwyz zahlt an Zürcher Oper

Die Zeiten der Trittbrettfahrerei sind ­jedoch vorbei. Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Zug sowie Aargau machen beim interkantonalen Kulturlastenausgleich mit. Diese Kantone zahlen jährlich über 12 Millionen Franken an die Betriebssubventionen der Zürcher und Luzerner Kulturhäuser. Der Kostenverteilschlüssel basiert dabei auf den Besucherzahlen. Insgesamt werden das Zürcher Opernhaus, das Schauspielhaus und die Tonhalle sowie das Luzerner KKL, Theater und Sinfonieorchester mit fast 170 Millionen Franken subventioniert.

Solche zusätzlichen Vereinbarungen sind für die Städte wichtig, denn im Nationalen Finanzausgleich (NFA) sind die kulturellen Zentrumslasten nicht berücksichtigt. Abgesehen von Zürich und Luzern gibt es ähnliche, aber kleinere Konstrukte in St. Gallen und Basel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2014, 23:39 Uhr

Grafik: Vergleich Kulturausgaben

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