Kaum hier, schon abgeschossen

Ein Goldschakal taucht in der Surselva auf, bald schon ist er tot. Die ersten Exemplare dieser neuen Art polarisieren bereits. Der Bund weiss, was konkret getan werden muss.

Ein Goldschakal tappt am 27. Dezember 2015 in der Bündner Surselva in eine Fotofalle.

Ein Goldschakal tappt am 27. Dezember 2015 in der Bündner Surselva in eine Fotofalle. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seine Ankunft in der Schweiz hat der Neuling mit dem Leben bezahlen müssen: Vor wenigen Tagen hat ein Jäger in der Surselva einen Goldschakal erlegt – und damit einen Vertreter einer in der Schweiz geschützten Tierart. Der Jäger hatte den Einwanderer offenbar mit einem Fuchs verwechselt, wie das Bündner Amt für Jagd und Fischerei am Mittwoch mitgeteilt hat. Nachdem der Mann den Fehler bemerkt hatte, erstattete er Selbstanzeige; der Fall liegt nun bei der Staatsanwaltschaft.

Damit existiert erstmals überhaupt in der Schweiz ein physischer Nachweis dieser Tierart. Der Goldschakal ist eng mit dem Wolf verwandt, mit bis zu 15 Kilogramm allerdings deutlich leichter. Im Winter 2011/12 wurde ein Exemplar in den Kantonen Bern, Freiburg und Waadt erfasst – freilich nur von Fotofallen. Obwohl der Goldschakal an sich in Nordafrika, Asien und Südosteuropa heimisch ist, zieht es ihn seit den 1980er-Jahren vermehrt über den Balkan nach Westeuropa. In den letzten Jahren wurden einzelne Tiere in Italien, Deutschland und Österreich gesichtet.

Dass er auch in der Schweiz auftaucht, kommt für das Bundesamt für Umwelt (Bafu) daher nicht überraschend. «Wir beobachten eine Arealausweitung, die Art vergrössert ihr Verbreitungsgebiet auf natürliche Weise», sagt Reinhard Schnidrig, oberster Jagdinspektor des Landes. Laut Experten erleichtern zwei Umstände diese Expansion: So bewirkt der Klimawandel in hiesigen Regionen in der Tendenz mildere Winter, was dem Goldschakal entgegenkommt, behagen ihm doch eisige Kälte und Schnee nicht sonderlich. Sein Territorium ausdehnen kann er auch, weil sein grösster Feind, der Wolf, in Südosteuropa während Jahrzehnten schlicht nicht präsent, da ausgerottet war.

«Wir wollen auf der Jagd auch Erfolg haben»

Wie stark sich der Goldschakal in der Schweiz ausbreiten wird, ist noch unklar, weil hierzulande auch der Wolf Fuss zu fassen versucht. Für den Menschen stellt der Goldschakal keine Gefahr dar. «Auch für Kleinkinder nicht», sagt Schnidrig. Da er aber Nutztiere wie Schafe und Ziegen reissen kann, drohen Konflikte im Zusammenleben zwischen ihm und dem Menschen. Aus Sicht von Fridolin Zimmermann von der Koordinationsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement (Kora) stellt sich die Akzeptanzfrage momentan aber noch nicht.

In Jägerkreisen tönt dies anders. Zwar gesteht Jagd Schweiz, die Dachorganisation der Jagdverbände der Schweiz, dem Neuling hierzulande eine Daseinsberechtigung zu – wie bei allen anderen Raubtieren, die selber eingewandert sind, wie Vizepräsident Peter Zenklusen sagt. Allerdings, so macht er klar, brauche es auch für den Goldschakal ein griffiges Raubtiermanagement. «Sollten sich Überpopulationen bilden, muss es möglich sein, einzelne Tiere abzuschiessen oder umzusiedeln.» Ansonsten befürchtet Jagd Schweiz, im Goldschakal einen neuen Konkurrenten bei der Jagd auf Wild zu erhalten. Es brauche eine Balance zwischen den Grossraubtieren und deren Beutetieren, sodass auch die Jagd noch ihren Anteil habe, so Zenklusen. «Auch wir wollen noch ab und zu Erfolg auf der Jagd haben.»

Die Positionierung der Jäger zeigt: Der Goldschakal gerät bereits zum Politikum. Bafu-Experte Schnidrig hält es indes für verfrüht, über einen spezifischen Regulierungspassus in der Jagdverordnung nachzudenken, so wie er seit dem letzten Sommer für Wölfe existiert. Das Jagdgesetz erlaubt es den Kantonen heute schon, Massnahmen wie Abschüsse gegen einzelne geschützte Tiere, «die erheblichen Schaden anrichten», anzuordnen oder zu erlauben. Gleichwohl hat der Goldschakal in der neuen Jagdverordnung bereits Eingang gefunden, dies wegen seines Vormarsches im grenznahen Ausland, wie Schnidrig sagt. Verursacht ein Tier Schäden, übernimmt der Bund 80 Prozent der Kosten – so wie er es auch bei Luchsen, Bären und Wölfen tut. Zudem fördert der Bund Massnahmen, um Wildschäden durch Goldschakale zu verhüten, beispielsweise den Einsatz von Herdenschutzhunden.

Probleme in Israel: Jagd im Rudel

Probleme macht der Goldschakal laut Kora-Experte Zimmermann in Gebieten, wo die Dichte bereits aussergewöhnlich hoch ist, etwa in Israel und Bangladesh, wo Schakale Nutztiere reissen. Die Tiere würden mitunter in grossen Gruppen von bis zu 20 Tieren jagen. «In der Schweiz hingegen werden sich in absehbarer Zukunft wohl höchstens Einzeltiere niederlassen», vermutet Zimmermann. Und diese würden für gewöhnlich das jagen, was auch Füchsen behage: vor allem Kleinsäuger, Reptilien, Amphibien und auch vegetarische Kost. Zimmermann erachtet das Konfliktpotenzial daher als «eher gering». Allerdings: Siedlungsabfälle ziehen nicht nur Wölfe an, wie die Kontroverse um das Calanda-Rudel jüngst gezeigt hat. Auch Schakale fänden Nahrungsabfälle rasch, sagt Bafu-Experte Schnidrig. «Dann können sie sich wie Füchse und Wölfe an die Menschen gewöhnen und ihre Scheu verlieren.» Schnidrig unterstreicht daher einmal mehr die Verantwortung, die dem Menschen zukommt, um Raubtieren in der Schweiz eine Zukunft zu ermöglichen: «Die beste Vorsorge, welche die Menschen treffen können, ist ein sorgsamer Umgang mit organischen Abfällen.»

Jäger sollen Schulung machen

Auch die Umweltorganisation Pro Natura erhebt eine Forderung: Die Jägerschaft soll, so Expertin Mirjam Ballmer, den Goldschakal in ihre Ausbildung aufnehmen. «Dies mit dem Ziel, dass die Jäger den Neuling vom Fuchs künftig unterscheiden können.» Jagd Schweiz ist bereit dazu: «Sollte sich der Goldschakal in der Schweiz ausbreiten», sagt Vizepräsident Zenklusen, «ist es sinnvoll, die Jäger entsprechend zu schulen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.01.2016, 14:50 Uhr)

Artikel zum Thema

Zwei Calanda-Wölfe opfern für ein «höheres» Ziel

Zwar geht der WWF rechtlich gegen den geplanten Abschuss zweier Calanda-Wölfe vor. Er verzichtet jedoch, aufschiebende Wirkung einzufordern. Welche Taktik dahintersteht. Mehr...

Zwei Schweinsköpfe und hungrige Bündner Wölfe

Am Calanda sollen zwei Wölfe abgeschossen werden. Nun kommt aber ein schlimmer Verdacht auf: Die Tiere könnten mit Absicht angefüttert werden. Dann sähe die Lage plötzlich anders aus. Mehr...

Ein Schakal streift durch die Alpen

Nach Wolf, Bär und Luchs: Nun hat auch ein Goldschakal seinen Weg in die Schweiz gefunden. Gesichtet wurde das Tier in den Nordwestalpen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Sponsored Content

Hoch hinaus.

Entdecken Sie die Schweizer Bergewelt und erleben Sie spektakuläre Aussichten.

Werbung

Kommentare

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Zurück in die Wildnis: Einer von rund 40 Igeln, die nach Verletzungen wieder gesund gepflegt worden sind, wartet in den Händen eines Hüters auf seine Freilassung im ungarischen Kecskemet. (24. August 2016)
(Bild: Sandor Ujvari/EPA) Mehr...