Keine Träne für Steuerflüchtlinge

Manche Gemeinden an der Zürcher Goldküste nehmen heute mehr Steuern ein als früher – weil etliche Pauschalbesteuerte weggezogen sind. Und die, die blieben, werden nun ordentlich besteuert.

Nach der Abschaffung der Pauschalsteuer sind bei keiner Gemeinde an der Goldküste die Steuereinnahmen gesunken. Foto: Keystone

Nach der Abschaffung der Pauschalsteuer sind bei keiner Gemeinde an der Goldküste die Steuereinnahmen gesunken. Foto: Keystone

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In der Goldküstengemeinde Küsnacht lebten einst 19 Personen, die pauschal besteuert wurden. Seit 2009, seit die Zürcher Stimmenden diese Art der Besteuerung abgeschafft haben, ist eine nach der anderen weggezogen, 13 sind bis heute gegangen. Gemeindepräsident Markus Ernst, ein Freisinniger, sagt: «Wir weinen ihnen keine Träne nach.» Auf Leute, die einzig wegen der tiefen Steuern zuzögen, könne man verzichten. «Küsnacht hat mehr zu bieten.» Auch finanziell schmerzt der Abgang nicht. Die sechs Verbliebenen, die nun ordentlich besteuert werden, zahlen 20 Prozent mehr als früher alle 19 Pauschalbesteuerten zusammen.

Vor der Abstimmung hatten bürger­liche Kreise davor gewarnt, die Pauschalsteuer abzuschaffen; die Betroffenen würden abwandern, dem Kanton entgingen Millionen, hiess es. Dies ist in dieser Schärfe nicht eingetroffen. Von den 201 Pauschalbesteuerten lebten Anfang 2010 noch 102 hier. Sie zahlten, nun ordentlich besteuert, mit 30 Millionen fast so viel Steuern wie vorher alle zusammen (32 Millionen). Seither hat sich die Situation nicht grundlegend geändert, wie es bei der Finanzdirektion heisst. Nicht erfasst werden hingegen Pauschalbesteuerte, die aus anderen Kantonen zuziehen. Urs Müller, Inhaber der Engel-&-Völkers-Filialen in Zürich und am rechten Seeufer, hat mindestens einem Pauschalbesteuerten aus einem anderen Kanton eine Immobilie an der Goldküste vermittelt. «Bei sehr wohlhabenden Personen ist eben nicht das Geld alleine entscheidend», sagt er.

Geht einer, kommt einer

Viele Pauschalbesteuerte hatten sich an den Ufern des Zürichsees niedergelassen, vorzugsweise an der Goldküste, aber auch an der «Pfnüselküste» gegenüber. Besonders wohlgelitten waren sie nicht, wie sich aus Nebensätzen, Zwischenbemerkungen und aus Off-the-Record-Aussagen schliessen lässt. Sie hätten für «kein Geld» begehrte Wohnlagen besetzt und so gute Steuerzahler am Zuzug gehindert, ist die verbreitete Meinung. Schliesslich würden keine armen Leute in die Villen einziehen. «Wenn ein guter Steuerzahler geht, kommt ein anderer guter Steuerzahler», sagt Thomas Diet-helm, Finanzsekretär von Erlenbach. 10 Pauschalbesteuerte wohnten vor ein paar Jahren noch in der Gemeinde, 5 von ihnen sind gegangen. Dafür rückten für sie 5 neue Steuerzahler nach, und die werden nun ordentlich besteuert.

Die Gemeinde Zollikon – sie hat von ihren 13 Pauschalbesteuerten 11 verloren – hat eine andere Rechnung gemacht. Sie hat erhoben, wie viel die 13 Pauschalbesteuerten zuletzt bezahlt haben und wie viel jene Personen zahlen, die heute an deren Adresse wohnen. Früher kamen 526'000 Franken zusammen, heute sind es über 700'000 Franken, wie Gemeindeschreiberin Regula Bach sagt. In Küsnacht ergab dieselbe Erhebung, dass die heutigen Bewohner gar über 50 Prozent mehr Steuern zahlen als die früheren. «Durch die Abschaffung der Pauschalsteuer ist der Steuerertrag bei uns gestiegen», sagt Markus Ernst. Das gilt aber nicht für alle Gemeinden an der Zürcher Goldküste. In Herrliberg etwa, wo rund die Hälfte der 13 Pauschalbesteuerten verreist ist, blieben die Steuererträge auf dem gleichen Niveau. Keine Gemeinde gibt aber an, dass sie gesunken wären.

Überraschend ist, dass die Stadt Zürich nicht unter der Abschaffung der Pauschalsteuer leidet; anders als in den Gemeinden am Seeufer ist hier das Steuerklima spürbar rauer. In Zürich lebten mit Abstand am meisten Pauschalbesteuerte, 105 Personen insgesamt. Davon waren 49 entweder weggezogen oder verstorben. Die Stadt kann die Steuererträge der Verbliebenen noch nicht genau beziffern. Laut Kuno Gurtner, Sekretär des städtischen Finanzdepartements, zeichnet sich aber ab, dass die Stadt dadurch weder mehr noch weniger Steuern einnimmt.

Viele zahlen weniger

Nicht alle ehemaligen Pauschalbesteuerten im Kanton zahlen heute aber mehr als früher. Von den 102 Verbliebenen liefern 47 gar weniger Steuern ab als früher. «Dies widerlegt das oft gehörte Argument, die Pauschalsteuer sei eine Dumpingsteuer», sagt Roger Keller von der kantonalen Finanzdirektion. Viele hätten sich wohl pauschal besteuern lassen, weil es einfacher gewesen sei und sie nicht ihre ganze Vermögenssituation hätten offenlegen müssen; statt Einkommen und Vermögen haben sie ihre Ausgaben versteuert. Der Einfachheit halber konnten sie dafür pauschal das Fünffache ihrer Wohnkosten angeben. Nach der Abschaffung, so sagt Keller, hätten wohl viele Pauschalbesteuerte ihre finanzielle Situation neu angeschaut und sich von Steuerberatern helfen lassen.

Villa gleich wieder verkauft

Nach der Abschaffung der Pauschalsteuer haben einige Ausländer, die sich hier niederlassen wollten, die Suche nach einem Domizil abrupt abgebrochen. Thomas Moser, Geschäftsleitungsmitglied von Walde & Partner, weiss gar von drei Personen, die schon einen Kaufvertrag unterschrieben hatten, ihre Immobilie aber sofort wieder verkauften. «Heute ist es schwieriger als früher, Premiumobjekte zu verkaufen», sagt er. Dies sind Objekte ab 10 Millionen Franken, die obere Grenze liegt in der Region Zürich bei 30 Millionen. Grund dafür ist laut Moser nicht nur die inexistente Pauschalsteuer, sondern das ganze politische Umfeld, die Zuwanderungs- oder die Erbschaftssteuerinitiative oder die Diskussion um das Bankgeheimnis. Zudem gewährten heute Banken zurückhaltender Hypotheken.

Gerade Pauschalbesteuerte waren eher bereit, hohe Preise zu zahlen, und trieben diese so in die Höhe. Sie machten eine Mischrechnung und investierten das, was sie bei den Steuern sparten in ihr Haus. Aber Preisexzesse, so sind sich Fachleute einig, sind heute vorbei.

Heute haben es Immobilienvermittler im obersten Marktsegment mit einem anderen Typus von Wohnungssuchenden zu tun, wie Michael Blaser sagt, Geschäftsführer von Wüst und Wüst in Küsnacht. «Es kommt keiner mehr aus dem Ausland hierher, nur weil er seine Steuern optimieren will.» Die meisten seiner Kunden hätten schon im Kanton oder in der Schweiz gewohnt und interessierten sich für die Region.

Ende 2010 zählte der Kanton 99 Pauschalbesteuerte weniger als vor der Abstimmung. Diese haben sich aber nicht alle abgesetzt, weil sie sonst ordentlich besteuert worden wären. Zwei von ihnen sind gestorben, andere sind aus persönlichen Gründen gegangen, wie es in ihren Wohngemeinden heisst. Und einer, der immer gesagt hat, dass er nach einer Abschaffung gehe, ist noch immer hier – Molkerei-Unternehmer Theo Müller gefällt es in Erlenbach.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.10.2014, 23:09 Uhr)

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