«Keiner möchte in der Haut des Unfallverursachers stecken»

Der höchste Lastwagen-Lobbyist der Schweiz erklärt, was nun auf den Chauffeur zukommt, der gestern auf der A 1 das grösste Verkehrschaos seit Jahren verursacht hat.

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Es ist beeindruckend, wie gut Lastwagenchauffeure die Breite ihres Fahrzeuges einschätzen können. Herr Gehrken, ist das mit der Höhe ungleich schwerer?
In praktisch allen Fällen können Chauffeure auch die Höhe sehr genau einschätzen. Normalerweise stellt der Chauffeur sicher, dass sein Fahrzeug die maximale Höhe nicht überschreitet. Dann verläuft auch die Routenwahl ohne Probleme.

Die Zeitung «Blick» bezeichnete den Mann, der den Unfall auf der A 1 verursacht hat, als «Bagger-Depp». Wie viel geistige Umnachtung ist nötig, damit so etwas passiert?
Das ist aus der Ferne schwierig zu beurteilen. Ich weiss nicht, ob sich der Chauffeur bewusst war, dass sein Fahrzeug die maximale Höhe überschreitet, und annahm, er komme unter der Brücke hindurch. Da der Lastwagen einen Bagger geladen hatte, gehe ich davon aus, dass er zu einem Bauunternehmen gehört. Diese sind eher auf Kurzstrecken unterwegs, und ihr Alltag ist nicht so stark auf Transporte ausgerichtet wie bei Transportunternehmern. So ist etwa denkbar, dass nicht der Chauffeur selbst den Bagger geladen hatte und darauf vertraute, dass das korrekt gemacht wurde. Obwohl er als Chauffeur natürlich selbst für die Ladung verantwortlich ist.

Gibt es unter Lastwagenfahrern heute noch ein anderes Thema beim Znüni als die unglaubliche Fahrt des Berufskollegen?
Der Unfall wird sicher thematisiert, und ich könnte mir vorstellen, dass auch der eine oder andere den Kopf schüttelt. Sicher ist, dass keiner der Berufskollegen in der Haut des Unfallverursachers stecken möchte. Zum Glück ist niemand zu Schaden gekommen.

Was geschieht mit einem Chauffeur, der ein solches Fiasko verantwortet?
Zunächst wird er sich viele Fragen der Polizei und der Staatsanwaltschaft gefallen lassen müssen. Er wird sicher verzeigt und muss mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Zivilrechtlich stellt sich die Frage, wer für den Schaden an der Infrastruktur haftet. Ob der Mann noch einen Job hat, hängt vermutlich davon ab, ob es der einzige Zwischenfall in seiner Karriere war oder ob er immer wieder Schäden an den Fahrzeugen verursacht.

Dieser Unfall war in der Konstellation recht einzigartig in der Schweiz. Doch wie häufig kommt es vor, dass es zwischen LKW und Brücke zu eng wird?
Aus unserer Sicht kommt das nicht häufig vor. Bauwerke sind darauf ausgelegt, dass Fahrzeuge durchkommen, wenn die Fahrzeuge die maximale Höhe nicht überschreiten. Der Chauffeur kontrolliert seine Ladung in der Regel sehr genau.

Und wenn die Ladung, wie in diesem Fall, zu hoch ist?
Dann klärt man vor der Fahrt ab, wo welche Hindernisse stehen, und plant eine geeignete Route. Gewerbliche Transportunternehmen sind so weit professionalisiert, dass sie über entsprechende Planungstools verfügen und diese Planung exakt vornehmen können.

Trotzdem kommt es gelegentlich zu solchen Zwischenfällen.
Man kann leider nie ausschliessen, dass in der Planung etwas schiefgeht oder dass der Chauffeur mit einem Navigationssystem unterwegs ist, das einen Fehler macht. Doch pro Tag sind rund 50'000 Fahrzeuge unterwegs und legen Millionen von Kilometern zurück. Aus dieser Perspektive ist es sehr erfreulich, wie wenig passiert.

Wird das Thema bei der Ausbildung berücksichtigt?
Wir bieten eine ganze Palette von Kursen an, und die Chauffeure müssen obligatorische Weiterbildungen besuchen. Diese sind auf die Praxis abgestimmt und beinhalten auch Themen wie die Sicherung der Ladung.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.01.2014, 11:51 Uhr

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