«Kinder dürfen nicht zum Sex verführt werden»

Mit einer Petition wehren sich vier Nationalräte aus SVP, EDU, CVP und FDP gegen die «Sexualisierung der Volksschule». Das stösst beim Bund auf wenig Gegenliebe.

Aufklärung wird zum Politikum: Ein Knabe interessiert sich an einer Aufklärungs-Ausstellung für die anatomischen Besonderheiten von Mann und Frau.

Aufklärung wird zum Politikum: Ein Knabe interessiert sich an einer Aufklärungs-Ausstellung für die anatomischen Besonderheiten von Mann und Frau. Bild: Keystone

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SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer regt sich auf. «An der Volksschule darf es keine Pornografie geben», sagt er. Und: «Kinder dürfen nicht zum Sex verführt werden.» Genau dies sei zu befürchten, wenn es nach dem Willen des Kompetenzzentrums für Sexualpädagogik und Schule der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz (PHZ) gehe, das «über die Köpfe der Bildungsdirektoren hinweg» Sexualkunde im Lehrplan 21 verankern wolle, so Schlüer. Am Zentrum sei «Drastisches, Skandalöses» geplant, so etwa Lehrmittel mit «detaillierten Anleitungen zu konkreten sexuellen Betätigungen wie Analsex und Oralsex».

Aufklärung sei Sache der Eltern

Stein des Anstosses ist für den SVP-Nationalrat das «Grundlagenpapier Sexualpädagogik und Schule», welches das Zentrum im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) verfasst hat. Gestützt darauf stellt das Zentrum Überlegungen für die Aus- und Weiterbildungen von Lehrpersonen an und erarbeitet Unterrichtsprogramme und Lehrmittel. Das Ziel ist die schweizweite Verankerung von Sexualerziehung in der Schule. Genau dies ist Schlüer ein Dorn im Auge. Auf konkrete Fragen der Kinder im Bereich der Sexualität müssten Lehrer «selbstverständlich» antworten. «Ein Fach Sexualkunde braucht es dafür aber nicht.» Aufklärung sei in erster Linie Sache der Eltern.

Zusammen mit seinen Nationalratskollegen Pius Segmüller (CVP), Andreas Brönnimann (EDU) und Werner Messmer (FDP) will Schlüer das geplante Sexualkunde-Obligatorium bekämpfen. Dazu haben die vier gestern die Petition «gegen die Sexualisierung der Volksschule» lanciert. Die Forderungen sind an die Bildungsdirektoren sämtlicher Kantone sowie an die Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz gerichtet, und sie lauten unter anderem so: «Keine Anregungen für Sexspiele und Sexualpraktiken im Sexualkunde-Unterricht».

Nur Empfehlungen

Nur den Kopf schütteln über diese Aussagen kann Titus Bürgisser, Leiter des Kompetenzzentrums. «Die Petitionäre betreiben billige Stimmungsmache. Sie stellen Behauptungen auf, die nicht zutreffen.» So plane man keine Lehrmittel mit Anleitung zu sexueller Betätigung, sondern setze sich im Gegenteil dafür ein, dass Sexualerziehung durch Lehrpersonen «verantwortungsvoll und altersgerecht» geschehe.

Es könne keine Rede davon sein, dass man Sexualerziehung «durch die Hintertür» im Lehrplan 21 verankern wolle. «Wir haben keinen Einfluss darauf, was die Kantone mit den von uns erarbeiteten Grundlagen machen», sagt Bürgisser. Das Zentrum gebe nur Empfehlungen ab. Ebenso falsch sei die Behauptung, man wolle die Eltern als erste und wichtigste Instanz in der Sexualerziehung verdrängen. Eltern und Schule müssten beide einen Beitrag leisten.

«Da wird Wahlkampf betrieben»

Auf Unverständnis stösst die Petition auch bei Roger Staub, Leiter der Sektion Prävention und Promotion beim BAG. «An den Vorwürfen ist nichts dran. Die einzige Erklärung für das absolut unverständliche Agieren der Petitionäre ist, dass sie mit dem Thema Wahlkampf betreiben.» Das zeige sich unter anderem am Umstand, dass das kritisierte Grundlagenpapier bereits 2008 publiziert worden sei, aber erst jetzt zum Politikum werde. Besonders die SVP instrumentalisiere die Sexualerziehung, um ihre Volksschuldebatte weiter anzuheizen.

Das Papier sei einzig als «Auslegeordnung» gedacht, sagt Staub. Es stehe den Kantonen frei, ob sie es verwenden wollten oder nicht. Dies bestätigt die Deutschschweizer Konferenz der Erziehungsdirektoren: «Das Grundlagenpapier ist weder im Auftrag noch unter Mitwirkung der Erziehungsdirektorenkonferenz entstanden. Seine Inhalte sind für den Lehrplan 21 nicht mass-gebend.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.06.2011, 11:29 Uhr)

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