Kinder nach Mass

Verlangen Versicherungen, Banken und Arbeitgeber von Kunden und Bewerbern bald einen Gentest? Kritiker befürchten, dass der Bundesrat mit seinem Entscheid die Türe dazu ein wenig mehr aufgestossen hat.

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Der Science-Fiction-Film «Gattaca» machte 1997 die Präimplantationsdiagnostik in Kombination mit Gentests zum Thema. Ein auf traditionelle Weise gezeugter Mensch wird beruflich und gesellschaftlich diskriminiert, weil in der im Film dargestellten futuristischen Welt fast alle ihren Nachwuchs gentechnisch selektionieren lassen. Auch wenn die Schweiz weit von einer solcher Welt entfernt ist, so steigt der Druck von Gesellschaft, Forschung und Pharmaindustrie dennoch, solche Technologien stärker einzusetzen.

Politiker wie der CVP-Nationalrat Christian Lohr (TG) halten Entscheide, wie sie beispielsweise der Bundesrat am Mittwoch zur Präimplantationsdiagnostik (PID) fällte, für eine Entwicklung, die man genau im Auge behalten müsse. Der Bundesrat will die PID unter strengen Auflagen zulassen. Neu sollen Paare, bei denen aufgrund ihrer genetischen Veranlagung die Gefahr besteht, dass ihr Kind von einer schweren Erbkrankheit betroffen sein könnte, die Embryonen vor der Einpflanzung auf schwere Erbkrankheiten untersuchen lassen dürfen. «Spontan denkt man dabei an schwere Behinderungen», sagt Lohr. «Wer kann aber garantieren, dass der Massstab dafür, was lebenswert ist in eine gefährlich Richtung verschoben wird.?»

Angestossen hat die Gesetzesänderung Ständerat und Präventivmediziner Felix Gutzwiller (FDP, ZH) vor acht Jahren – damals noch als Nationalrat. Eine solche Vorselektion passiere heute schon. «Viele Eltern gehen dafür einfach ins Ausland, nach Spanien zum Beispiel», so Gutzwiller. Das Argument, mit der Präimplantationsdiagnostik würden Lebenskriterien selektioniert, ist für ihn nicht stichhaltig. Heute dürfe ein Elternpaar in der 14. Schwangerschaftswoche mehr Untersuchungen durchführen als zu Beginn einer Schwangerschaft. Das sei widersinnig. Die Lockerung der PID, wie sie vom Bundesrat beschlossen wurde, ist Gutzwiller zu restriktiv. Er kritisiert, dass das Verfahren bürokratisiert werde. Nebst Arzt und Eltern rede noch eine Kommission des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) mit.

Ein rasant wachsender Markt

Die PID ist aber nur ein Bereich eines inzwischen rasant wachsenden Marktes. Die Methoden und Untersuchungsmöglichkeiten werden immer besser, die Forschung hat hier in den vergangenen Jahrzehnten gewaltige Fortschritte erzielt. Die Firma Lifecodexx aus Konstanz will in Europa einen pränatalen Test auf den Markt bringen, der bisher einzig in den USA verfügbar war – zur Bestimmung von Trisomie 21, dem Downsyndrom. Mithilfe von Gentests kann man schon heute zum Beispiel herausfinden, ob man ein erhöhtes Risiko hat, an Darmkrebs, an rheumatoider Arthritis, Parkinson oder an der unheilbaren Hirnkrankheit Chorea Huntington zu erkranken, wie die Zeitschrift «Beobachter» kürzlich in einer Titelstory ausführlich darlegte.

Die Zürcher Künstlerin mit ukrainisch-israelischen Wurzeln, Marina Belobrovaja, beschreibt in ihrem neuen Buch «DNA Project» auf amüsante Weise, wie sie in der Limmatstadt auf eine Firma stiess, die einen Gentest anbietet, welcher einem die jüdischen Wurzeln sozusagen wissenschaftlich bescheinige. Ein anderes Unternehmen verspricht Singles, anhand eines Gentest den idealen Partner für sie auszusuchen. Gentests finden eine immer breitere Verwendung im Alltag, weil sie immer einfacher und vor allem auch billiger angeboten werden.

Schweizer machen Gentests im Ausland

Mit dem wachsenden Kostendruck im Gesundheitswesen steige der Druck der Gesellschaft, immer mehr zu selektionieren, warnt Lohr. «Und zwar am Anfang wie am Ende eines Lebens.» Der steigenden Tendenz zur Selektionierung, die in der heutigen Welt ohne Zweifel besteht, müsse man mit Vehemenz entgegentreten. Lohr hat dazu im Juni auch eine Interpellation im Nationalrat eingereicht. Bundesrat Alain Berset (SP) sprach wohl auch wegen solcher Befürchtungen von einem sensiblen Thema, als er den Entscheid des Bundesrates zur Präimplantationsdiagnostik kommunizierte. Man müsse die Fragen nach den Grenzen politisch und gesellschaftlich diskutieren.

Bei der PID verhält sich der Bundesrat restriktiv. Es gibt aber auch Bestrebungen im Parlament, welche eine weitergehende Lockerung befürworten. Zum Beispiel bei den Gentests: Vorgeprescht ist hier ausgerechnet ein Parteikollege Lohrs, der Lausanner Professor Jacques Neirynck. Er wollte das Recht auf einen persönlichen Gentest im Gesetz verankern. Momentan darf man in der Schweiz genetische Untersuchungen nur in Spezialfällen durchführen. Das Verbot wird aber umgangen, indem die Tests in der Schweiz angeboten werden, die eigentliche Untersuchung dann aber im Ausland, zum Beispiel in den USA, durchgeführt wird.

Überprüfung des Gentest-Gesetzes

Eine Gesetzesänderung im Sinne von Neirynck lehnte das Parlament aber ab. Allerdings will man nun überprüfen, ob das Gesetz über genetische Untersuchung am Menschen Mängel aufweise und man dieses entsprechend anpassen müsse. Zentral dürfte dabei sein, dass auch in Zukunft ein strikter Datenschutz gewährleistet wird.

Versicherungen, Banken oder Arbeitgeber sollen nicht in Versuchung kommen, einen neuen Kunden oder Mitarbeiter nach einem Gentest zu fragen, wie dies ein Genetik-Experte gegenüber der NZZ monierte. Im Film «Gattaca» geschieht genau dies. Dem Hauptdarsteller gelingt es allerdings, das System zu überlisten – ob dies auch in der Realität gelingen würde, ist nicht so sicher. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.06.2012, 16:17 Uhr)

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