Kindheit als Verdingbub: Schuften statt spielen
Von Richard Diethelm. Aktualisiert am 23.03.2009 12 Kommentare
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Lesung
Roland Begert liest am 5. April (11 Uhr) in Zürich im Zentrum Karl der Grosse aus seinem Buch.
«Lange Jahre fremd» heisst das Buch, das Roland Begert in der Stube seines Eigenheims in Liebefeld bei Bern vor sich liegen hat. Nach der Pensionierung hatte der Mittelschullehrer fünf Jahre daran gearbeitet. Was anfänglich als Sachbuch über Heim- und Verdingkinder geplant war, geriet zum autobiografischen Roman. Das verdankt Begert seiner Tochter: «Sie fragte mich oft nach meinen Verwandten.»
Seine Grosseltern mütterlicherseits waren Fahrende. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zogen sie von Frankreich in den Berner Jura. «Mein Grossvater war arbeitsscheu; der konnte keine Familie ernähren», sagt sein Enkel nüchtern. Die Fürsorgebehörden machten, wie damals üblich, kurzen Prozess. Sie nahmen der Zigeunerfamilie die Kinder weg. Um Kosten zu sparen, platzierten sie die drei «Kinder der Landstrasse» als billige Arbeitskräfte bei Bauern im Seeland. Begerts Tante kam als Verdingkind auf den grossen Hof des legendären Berner Bundesrats Rudolf Minger, die Mutter zu einem andern Bauern im selben Dorf.
Härte statt Zuneigung
Eine Generation später ereilte Roland Begert ein ähnliches Schicksal. Die von ihrem Ehemann verlassene Mutter war mittellos, der Knabe unerwünscht. Gleich nach der Geburt in Biel brachte ihn die Fürsorge in einem kostengünstigen katholischen Heim in Grenchen unter. «Als protestantisches Kind musste ich in der Kapelle zuhinterst im Dunkeln knien, und es war aussichtslos, Ministrant zu werden.» Solche Schikanen hat Begert später den Nonnen des Heims verziehen. Aber den Lehrern, «die auf uns arme Heimkinder eindroschen», zürnt der 71-Jährige noch heute.
Nach zwölf Jahren im Heim holte ihn sein Bieler Vormund ab und fuhr ihn zu einer Kleinbauernfamilie ins Berner Seeland. Die Bauersleute hätten ihn recht behandelt, sagt Begert. Schläge für Verdingkinder wie auf anderen Höfen gab es keine. Aber in den Sommermonaten musste «dr Bueb» oft 15 bis 16 Stunden am Tag arbeiten. Zudem vermisste er Liebe und Geborgenheit: «Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Pflegemutter mich je in die Arme genommen hat.»
Bahnbillet 3. Klasse
Nach der Konfirmation drückte der Vormund dem 16-Jährigen ein Bahnbillett 3. Klasse in die Hand: Winterthur einfach. Er solle sich bei Sulzer im Lehrlingsbüro melden. Der Maschinenbaufirma fehlte es in der Hochkonjunktur der 50er-Jahre an einheimischen Arbeitskräften. Ungefragt wurde der schmächtige, sensible Bursche in eine Giesserlehre gesteckt. «Das war eine Vergewaltigung», sagt er. Die rauen Gesellen in der Giesserei hatten ihren Spass daran, den verstockten Jungen mit Bier abzufüllen. Begert verlor den Rest an Selbstwertgefühl, der ihm geblieben war. Es dauerte einige Jahre, bis er wieder Fuss fasste. Von da an wollte er beruflich vorankommen.
Das ist ein typisches Verhalten, wie Soziologen der Universitäten Basel und Lausanne bei der Befragung von Hunderten ehemaliger Verdingkinder herausfanden. Ausschnitte aus den Lebensberichten sind in der Wanderausstellung «Enfances volées - Verdingkinder reden» zu hören. Sie wird diese Woche im Berner Käfigturm eröffnet und bis 2013 in einem Dutzend anderen Schweizer Städten gezeigt.
Er brachte es sehr weit
Nur wenige Verdingkinder haben es beruflich so weit gebracht wie Roland Begert. An einem Abendgymnasium erwarb er die Matura, begann mit 31 Jahren Wirtschaft zu studieren. Er doktorierte und unterrichtete drei Jahrzehnte an einem Berner Gymnasium Wirtschaft und Recht. Im «Gymer» sprach er weder mit den Lehrern noch mit den Schülern über seine geraubte Kindheit. Bis er bereit war, eine eigene Familie zu gründen, machte er «einen unglaublich schweren Lernprozess» durch.
Mit 47 lernte Begert seine Ehefrau Esther kennen. Sie wusste lange nicht, was er in jungen Jahren erlebt hatte. «Ich verbarg das nicht etwa aus Scham, sondern weil ich es als Gymilehrer mit Doktortitel zu etwas gebracht habe», sagt er. Mit dem sozialen Aufstieg heilten die Wunden der Vergangenheit. Zur Familie der ehemaligen Pflegeeltern entwickelte er eine herzliche Beziehung. Im Seeländer Dorf Dieterswil habe er «gewisse Tugenden erworben - etwa Verantwortung zu tragen», anerkennt Begert. Hingegen erschüttert ihn, wie Fürsorgebehörden bis Mitte des 20. Jahrhunderts mit Zehntausenden Verdingkindern in der Schweiz umgingen.
Düsteres Kapitel nicht ausblenden
Von seinem Buch sind bereits 4000 Exemplare verkauft. Begert bereitet eine dritte Auflage vor. Zu Hause am Stubentisch schlägt er das eigene zerlesene Exemplar auf, um die wichtigste Botschaft des Buches zu zitieren: «Ein Staat, der düstere Kapitel seiner eigenen Geschichte - und dazu gehört das Verdingkinderwesen - wissentlich ausblendet, kann kein wahrhaft demokratischer Staat sein.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.03.2009, 09:23 Uhr
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12 Kommentare
Ein weiterer großer, trauriger und heute noch nicht zufrieden stellend gelöster Tolggen im Heft der freien Demokratie Schweiz, ein Armutszeugnis. Den Beitrag aufmerksam durchgelesen fühlt man sich ungewollt wieder in die Zeiten Gotthelfs zwischen 1797 bis1854 zurück versetzt. In zwischenmenschlichen Beziehungen, welcher Art auch immer, treten wir auch heute noch an Ort. Darum ist es an der Zeit in unserem Land mit diesem Problem endlich reinen Tisch zu machen statt dauernd und belehrend über die Grenzen zu schauen. Einmal eine dringende aber edle Aufgabe für unsere Regierung. Antworten
Ohne das schwere Los vieler Verdingkinder zu verniedlichen muss festgehalten werden,dass zu jener Zeit die meisten Kinder,vor allem auf Bauerhöfen,zu harter Arbeit herangezogen wurden.Viele Bauernbuben mussten bereits am frühen Morgen in den Stall, ohne Kleiderwechsel kamen sie zur Schule und verbreiteten dort ihren "Stallduft".Immerhin waren damals Vandalismus,Drogen usw. kein Thema. Antworten
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