«Kleine Kanzleien sind wirtschaftlich erpressbar»

Bei Offshore-Geschäften spielen Anwälte eine tragende Rolle. Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht, erklärt, wann eine Kanzlei anfällig für illegale Steuerkonstrukte wird.

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Welche Rolle spielen die Anwälte in der Offshore-Leaks-Affäre?
Ganz wertneutral kann gesagt werden, dass Wirtschaftsanwälte bei der Errichtung von Offshore-Gesellschaften eine sehr wichtige Rolle spielen. In der Beratung der Kunden sind sie zentral, aber auch für das tatsächliche Set-up komplizierter Finanzkonstrukte.

Wie läuft das im Normalfall ab?
Vermögende Kunden telefonieren ja nicht selbst in das Steuerparadies ihrer Wahl. Sie wenden sich an ihre Anwälte, welche oft über spezifische Kontakte vor Ort verfügen. Die Anwälte wenden sich an Berufskollegen, an Anwälte oder Treuhänder, beispielsweise auf den Karibischen Inseln. Die renommierten Anwaltsbüros sind sowieso weltweit vernetzt.

Teilweise werden dabei auch illegale Trusts aufgesetzt. Hatten Sie persönlich während Ihrer aktiven Zeit als Anwalt Kenntnis von solchen Praktiken?
Ich habe insgesamt 13 Jahre lang als Anwalt in der Zürcher Wirtschaftsadvokatur gearbeitet. Während der ganzen Zeit hatte ich aber kaum je mit den beschriebenen Konstrukten zu tun. Ich möchte sicher nicht den gesamten Berufsstand weisswaschen: Doch ich selber habe Anwälte nie bei illegalen Praktiken beobachtet.

Trotzdem werden Sie ja vermutlich von solchen Fällen gehört haben.
Natürlich, Anwälte sind Tratschmäuler wie alle Menschen. Doch diese Fälle betrafen ausschliesslich kleinere Büros.

Sind kleinere Büros anfälliger auf Geschäfte im Graubereich?
Nicht, dass ich den Kleinen jetzt zu nahe treten möchte, aber dass Grosskanzleien illegale Geschäfte tätigen, kann ich mir wegen der Risiken kaum vorstellen. Die möglichen Konsequenzen wären schlicht zu verheerend.

Welchen Regulierungen sind Anwälte eigentlich unterworfen?
Es gibt verschiedene Sicherungsmechanismen. An erster Stelle steht hier sicher die Überprüfung innerhalb der Kanzlei. Der Ruf einer Kanzlei ist ihr höchstes Gut, Infos von Kunden werden deshalb auch unter den Partnern verglichen und genauestens geprüft. Auf einer höheren Ebene wirkt die Selbstregulierungsorganisation SRO, bei der viele Anwälte angeschlossen sind. Zudem wird die fachliche Qualität durch ein Staatsexamen sichergestellt.

Zu was verpflichten sich Mitglieder der SRO?
Einerseits werden sie zu Schulungen verpflichtet, welche die Anwälte im Bezug auf rechtliche Graubereiche sensibilisieren sollen. Andererseits tätigt die SRO auch regelmässige Überraschungsbesuche in der Kanzlei. Bei dieser Gelegenheit werden dann Kundendaten überprüft und die Anwälte befragt.

Reichen diese Kontrollen aus?
Die Vermögensverwaltung macht im Anwaltsgeschäft vermutlich weniger als zehn Prozent aus. Es ist also eine Minderheit der Anwälte, welche überhaupt in die Nähe solcher Geschäfte gerät. Deshalb denke ich, dass die Kontrollen ausreichen.

In der Schweiz gibt es immer mehr Anwälte, der Trend geht hin zu Grosskanzleien.
Ja, im Vergleich zu früher ist der Konkurrenzkampf enorm. Die Kanzleien spüren den Druck aus dem Ausland und die Konsolidierung schreitet voran.

Könnte dieser Konkurrenzdruck nicht dazu führen, dass gewisse Kanzleien die rechtlichen Kontrollen etwas lockerer definieren?
Wie gesagt, bei Grosskanzleien habe ich wegen des zu befürchtenden Rufschadens wenig Sorgen.

Und die Kleinen? Gerade wenn das wirtschaftliche Umfeld schwierig ist, könnten sie sich mit halblegalen Geschäften einen Vorteil sichern.
Ich kann mir gut vorstellen, dass Kleinkanzleien oder auch Einmannbüros anfälliger sind auf illegale Geschäfte. Den Druck spüren sie enorm und sie sind wirtschaftlich erpressbarer als die Grossen. Zudem können sie im Gegensatz zu den Grossen weniger flexibel auf andere Geschäftsbereiche ausweichen. Stellen Sie sich eine Kanzlei vor, die mit einem einzigen Kunden 80 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet. Falls dieser Kunde nun plötzlich illegale Steuerkonstrukte errichten will, ist es wohl schwerer, Nein zu sagen.

Bräuchte es deshalb nicht gerade für die kleinen Kanzleien mehr staatliche Regulierung? Die werden wohl kaum der SRO beitreten.
Ich denke nicht, dass mehr Überwachung und Regulierung die gewünschten Effekte bringt. Wie gesagt, der von Offshore-Leaks betroffene Bereich ist relativ klein. Ein Problem liegt in der Struktur der Anwaltsverbände in der Schweiz. Diese müssen die verschiedenartigen Interessen eines Strafverteidigers und eines Baujuristen von kleinen Büros und von Grosskanzleien unter einen Hut bringen. Das ist schwierig, und deshalb arbeiten diese Vereine auch relativ ineffizient.

Und dies hat Auswirkungen auf die Qualität der Arbeit der Anwälte?
Ja, der Anwaltsverband müsste die Schweizer Anwälte stärken. Nimmt jedoch die Konkurrenzsituation immer mehr zu, dann werden auch Geschäfte im Graubereich immer mehr zur Realität. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.04.2013, 13:51 Uhr

War selbst zwölf Jahre lang als Anwalt tätig: Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht und für Rechtsvergleichung an der Universität Bern. (Bild: Universität Bern)

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