«Koch gesucht, 25 – 35 Jahre» – Schluss mit Alterslimit bei Jobsuche

Von 24'897 untersuchten Stellenanzeigen ist nur eine Handvoll, die ältere Arbeitnehmer sucht. Nun macht der Arbeitgeberverband eine bedeutende Kursänderung.

Schliessen meistens die älteren Arbeitnehmenden aus: Stelleninserat mit Altersangabe.

Schliessen meistens die älteren Arbeitnehmenden aus: Stelleninserat mit Altersangabe. Bild: Plainpicture

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Bereits seit den 90er-Jahren macht sich die Wirtschaft Sorgen wegen der Über­alterung. Doch dank dem Rückgriff auf ausländische Fachkräfte konnte der Arbeits­kräftemangel jahrelang elegant entschärft werden – bis zur über­raschen­den Annahme der Masseneinwanderungsinitiative vor einem Jahr: «Gestützt auf diese Ausgangslage, nimmt die Bedeutung der inländischen Arbeitskräfte eine neue Dimension an», sagte kürzlich Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands. An der Pressekonferenz vor zwei Wochen präsentierten Arbeitgeberverband und Economiesuisse ein Programm, um die Altersgruppe der über 50-Jährigen besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Damit das Vorhaben die nötige Breitenwirkung entfalte, werde man in die Regionen gehen, die Arbeitgebervertreter vor Ort einbinden und gleichzeitig gute Beispiele sammeln, Erfahrungen austauschen und Lösungen aufzeigen.

Noch ist die Botschaft aber nicht überall angekommen. Ein Indiz dafür, welche Rolle das Alter bei der Einstellung spielt, sind Stelleninserate. Im Unterschied zur EU und den USA erlaubt die Vertragsfreiheit Schweizer Unternehmen, Arbeitnehmende aufgrund eines Merkmals wie des Alters zu diskriminieren. Deshalb sind hierzulande Stellenanzeigen mit Altersangaben üblich.

Im Auftrag des TA wertete das grösste Online-Stellenportal der Schweiz, ­ Jobs.ch, seine aktuellen Inserate aus. Die Unter­suchung beruht auf den Angaben, welche die Firmen bei der Inserateaufgabe im Onlineformular machten. Bei rund 43 Prozent der 24'897 Stellenanzeigen gaben die Unternehmen ein Ideal­alter an. In bloss 20 Inseraten werden explizit Kandidaten im Alter zwischen 45 und 65 Jahren gesucht – was 0,08 Prozent aller Inserate entspricht. Immerhin 204 Stellenanzeigen nennen die Alterskategorie 35 bis 65 Jahre; wobei im Inseratetext meist die Formulierung «Ideal­alter ab 35 Jahre» steht.

Nur 1 Prozent sucht Ältere

Wenn man die bezüglich einer poten­ziellen Altersdiskriminierung wenig aussagekräftigen Alterskategorien 0 bis 65 Jahre und 25 bis 65 Jahre weglässt, so dominiert die Suche nach jüngeren Arbeitskräften: bis 24 Jahre (0,4 Prozent), bis 34 Jahre (2,4 Prozent), bis 44 Jahre (3,9 Prozent), 25 bis 34 Jahre (1 Prozent) und 25 bis 44 Jahre (3,5 Prozent). Während bei 11,2 Prozent der Stelleninserate auf Jobs.ch gezielt nach jüngeren Kandidaten gesucht wird, ist es bei den älteren Arbeitnehmern nicht einmal 1 Prozent. Zum Vergleich: Ende 2013 lebten in der Schweiz fast 2,4 Millionen Menschen im Alter zwischen 45 und 65 Jahren, was einem Bevölkerungsanteil von etwa 34 Prozent entspricht. Bei den Personen über 40 Jahre handelt es sich mittler­­wei­le um das einzige wachsenden Alters­segment. «Die Praxis zeigt jedoch genau das Gegenteil: Die gezielte Gewinnung von älteren Arbeitnehmern ist in vielen Unter­nehmen wenig beabsichtigt», heisst es in einer noch unveröffentlichten Studie des Instituts für Organisation und Personal der Universität Bern.

Dennoch ist die Jobs.ch-Auswertung mit einer gewissen Vorsicht zu interpretieren. Einerseits weil nicht genau beziffert werden kann, in wievielen Inseraten zusätzlich zum Online-Formular eine Alterslimite gesetzt wurde. Andererseits: «Zahlreiche Unternehmen setzen eine Altersgrenze in die Anzeigen, um die Anzahl Bewerbungen zu reduzieren. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie dann wirklich bei der Selektion das Alterskriterium durchsetzen», sagt Pascal Scheiwiller, der bis Ende 2014 die Karriere- und Outplacement-Beratungsfirma Lee Hecht Harrison in der Schweiz führte. Andererseits hätten viele Unternehmen intern eine klare Alters­einschränkung für bestimmte Jobs oder sogar für die Rekrutierung allgemein. «Sie kommunizieren das aber nicht nach aussen, schon gar nicht bei Anzeigen, um keine Angriffsfläche zu bieten und sich in der Öffentlichkeit unbeliebt zu machen», sagt Pascal Scheiwiller.

Für Norbert Thom, emeritierter Professor für Organisation und Personal an der Universität Bern, fängt die Kategorie «ältere Mitarbeitende» bereits ab 40 Jahren an. «Es gibt keiner zu, dass die Alters­diskriminierung weit verbreitet ist», so Thom. Als eine Massnahme gegen die Benachteiligung älterer Arbeitnehmenden fordert er von den Unternehmen, auf Altersangaben grundsätzlich zu verzichten. «Sie sind eine Riesenenttäuschung für ältere Menschen.» Zwar könne man durch eine umfassende Aufzählung der Berufserfahrungen im Stelleninserat genauso selektionieren, aber so würde die Eignung und nicht das Alter im Vordergrund stehen. Ein Verbot der Altersdiskriminierung, wie es etwa Deutschland kennt, sei aber der letzte Schritt: «Vorher sollten die Wirtschaftsverbände öffentlichen Druck auf ihre Mitglieder machen, keine Altersangaben in Stelleninseraten zu erwähnen.»

Auch der Kaufmännische Verband Schweiz wünscht sich, dass die Unternehmen von sich aus auf die Nennung einer Alterslimite verzichten: «Deutlich wichtiger als eine gesetzliche Regelung erscheint uns, die Unternehmen vom Wert älterer Arbeitnehmenden zu überzeugen», sagt Manuel Keller, Leiter Beruf und Beratung beim Kaufmännischen Verband. Dadurch würden Branchen, welche die Rekrutierung aktuell vor allem auf junge Arbeitskräfte ausrichten, vermehrt motiviert, eine in Bezug auf das Alter nicht diskriminierende Personalrekrutierung zu pflegen.

Economiesuisse schweigt

Und was sagt der Schweizerische Arbeitgeberverband? Er macht auf Anfrage eine unerwartete Aussage: «Es kann Gründe geben, welche es rechtfertigen, dass eine Altersangabe im Stelleninserat aufgenommen wird. Von diesen Fällen abgesehen, unterstützt der Arbeitgeberverband aber den Ansatz, die Alters­angaben in den Inseraten wegzulassen», sagt Daniella Lützelschwab, Mitglied der Geschäftsleitung beim Arbeitgeberverband. Im Rahmen des unlängst lancierten Projekts «Arbeitsmarkt 45 plus» hätten sich zudem verschiedene Firmen bereit erklärt, während einer gewissen Zeit in ihren Stelleninseraten auf die Erwähnung einer Altersgrenze zu verzichten. «Nach dieser Probezeit wird ausgewertet, ob und wie sich dies auf die Bewerbungen und auf den Bewerbungsprozess ausgewirkt hat», so Lützelschwab.

Economiesuisse wollte sich hingegen nicht dazu äussern: «Für dieses Thema ist klar der Arbeitgeberverband zuständig. Wir möchten die Arbeitsteilung mit ihm wahren und entsprechend nur den Arbeitgeberverband kommunizieren lassen.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.02.2015, 23:03 Uhr)

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AXA Winterthur: Versicherungsberater/in 27 bis 35 Jahre

Begründung der Presseabteilung: «Im Verkauf sind Erfahrung und Seniorität wertvoll und willkommen. Bei der Auswahl eines geeigneten Kandidaten ist das Alter nicht entscheidend. Eine Angabe bezüglich Idealalter wird nur in Einzelfällen vorgenommen, wenn dies aufgrund der bestehenden Teamkonstellation oder der zu betreuenden Kunden für sinnvoll erachtet wird. Wir setzen auf möglichst durchmischte Teams aller Altersklassen. In diesem konkreten Fall wurde das Idealalter erwähnt, da die zu rekrutierende Person ein Portefeuille mit vielen jungen Kunden und Familien betreuen wird.»

Coop: Koch/Köchin 25 bis 35 Jahre

Begründung der Presseabteilung: «Wir nennen grundsätzlich kein Idealalter in unseren Stelleninseraten, da wir bei Coop Mitarbeitende aller Alterskategorien beschäftigen und auch rekrutieren. Nicht das Alter, sondern die Erfüllung der Anforderungen an die jeweilige Funktion stellt das Entscheidungskriterium dar. Im zugestellten Inserat wurde fälschlicherweise ein Idealalter aufgeführt. Auch in unseren Restaurants arbeiten Mitarbeitende/Köche aller Alters­kategorien, und so kann auf die Funktion bezogen auch kein Idealalter definiert werden.»

Post: PostAuto-Fahrer/in 21 bis 45 Jahre

Begründung der Presseabteilung: «Die Post macht in der Regel keine Altersangaben in Stellenanzeigen. Bei der Post arbeiten Frauen und Männer, Jüngere und Ältere, aus über 100 verschiedenen Ländern zusammen. Die Post legt grossen Wert auf gemischte Teams. Bei Stelleninseraten für neues Fahrpersonal nennt PostAuto in manchen Fällen ein Idealalter. In den Regionen ist man auf jüngeren Nachwuchs angewiesen, da bei zahlreichen Fahrerinnen und Fahrern Pensionierungen anstehen. Selbstverständlich werden jedoch Bewerbungen von anderen Altersklassen auch berücksichtigt.»

Helbling Technik AG: Senior-Maschineningenieur 28 bis 45 Jahre

Begründung der Presseabteilung: «Im Grundsatz sind bei uns Mitarbeitende angestellt zwischen 18 und 65 Jahren. Unsere Unternehmensgruppe baut auf einem Partnermodell auf, und wir sind jederzeit daran interessiert, erfahrene Mitarbeitende mit Entwicklungspotenzial einzustellen. Es ist grundsätzlich nicht unsere Absicht, die Altersangabe zu publizieren, selbst wenn die für eine ideale Teamstruktur gut wäre. Wie Sie den anderen Inseraten entnehmen konnten, halten wir uns daran. Wir haben das Inserat unverzüglich geändert und bedauern das Versehen.»

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