Köppels Peitsche

Immer länger wird die Liste der SVP-Politiker, die in der «Weltwoche» an den Pranger gestellt werden. Das sorgt für Empörung im eigenen Lager.

Es gibt Stimmen, die ihn als Gefahr für die SVP sehen: Roger Köppel während einer Wahlveranstaltung. (18. Oktober 2015)

Es gibt Stimmen, die ihn als Gefahr für die SVP sehen: Roger Köppel während einer Wahlveranstaltung. (18. Oktober 2015) Bild: Dominic Steinmann/Keystone

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Darum nennen sie ihn den Fuhrhalter. In der etwas altertümlichen Bezeichnung für den Job von Ulrich Giezendanner schwingt all das Grobschlächtige und manchmal Vulgäre mit, das der SVP-Nationalrat und Transportunternehmer bei seinen öffentlichen Auftritten so genüsslich zelebriert.

Diesen Sonntag, im «SonnTalk» von «TeleZüri», ist es wieder einmal aus ihm herausgebrochen. Schüttelnder Kopf, bebender Oberkörper, schwingender Zeigefinger. Er habe die «Weltwoche» gelesen, sagte Giezendanner, von Moderator Markus Gilli zu seinem Ärger der Woche befragt. Doch in der aktuellen Ausgabe habe er leider keinen Artikel gefunden, in dem sich jemand über Chefredaktor Roger Köppel und seinen Mitarbeiter Peter Keller empöre, die angetreten seien, um als Nationalräte in Bern Ordnungspolitik zu machen. «Und jetzt stimmen die beim Duro auch für diese Steuerverschleuderung.»

«Det stoht nüüt!»: Giezendanners Ausbruch in der Sendung «SonnTalk».

Giezendanners Ärger über die Reparatur der Duro-Flotte im Militär war nur der Auftakt zu seiner eigentlichen Tirade. «Der Köppel schreibt über jeden Parlamentarier in der SVP, wenn ihm etwas nicht passt. Das hat schon vor den Wahlen angefangen und jetzt geht das weiter, Stichwort Weisswein-Fraktion. Über sich schreibt er nichts! Das akzeptiere ich nicht. Einfach nicht!»

Ständiges Gemurre

Giezendanners kleiner böser Exkurs über die «Weltwoche» und ihren Chefredaktor war die logische Fortsetzung des SVP-internen Gemurres, das schon während der Wintersession zu vernehmen war. «Da braucht es eine Aufarbeitung», sagte Nationalrat Luzi Stamm der «SonntagsZeitung». Im Zentrum dieser «Aufarbeitung», die im Januar an einem Treffen in Bad Horn und an der ersten Sitzung der Aussenpolitischen Kommission stattfinden soll, stehen zwei Texte der «Weltwoche»: Ein Grundsatzartikel (manche nannten ihn «das Parteiprogramm») zur SVP-Politik, der bereits vor den Wahlen im Herbst erschien (und in dem Fuhrhalter Giezendanner mit einigen anderen Kollegen als «Sesselkleber bezeichnet wurde) und ein Artikel zum überbordenden Alkoholkonsum im Bundeshaus, in dem auch einige SVP-Parlamentarier schlecht wegkamen.

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Chefredaktor und Nationalrat: Was sagen Sie zur Doppelrolle von Roger Köppel?





Die SVP gewinnt die Wahlen, die SVP ist die grösste Partei in modernen Zeiten, die SVP hat wieder einen zweiten Bundesrat. Und trotzdem ist da Zwist. Man staunt, aber man staunt nur kurz. Ist das doch eines prägnantesten Merkmale des SVP-Erfolgs der vergangenen Jahre: Nie nachlassen, den Druck immer hochhalten. Gegen aussen, gegen innen.

Es ist das Blocher-Prinzip, konsequent angewendet auf die eigene Partei. Er sagte es früher, er sagt es noch heute: Christoph Blocher will unter allen Umständen verhindern, dass sich in der SVP wiederholt, was vor zwei Jahrzehnten mit der FDP geschah, die sie als stärkste bürgerliche Partei verdrängt hat. Für Blocher war immer klar, was das Problem des alten Freisinns war: Er wurde nach Jahren des Erfolgs zu breit, zu träge, zu satt. Oder in Blochers Worten: Er hielt die Linie nicht mehr.

Protestantisches Ethos

Das ist die Erklärung für Szenen wie jene, die sich nach dem überwältigenden Wahlerfolg der SVP im Jahr 2007 im Bundeshaus abgespielt hat, und die damals ausgerechnet von Blocher-Biograf Markus Somm in der «Weltwoche» festgehalten wurde. Keine 24 Stunden nach dem Wahlsieg versammelte sich die Parteiführung der SVP beim damaligen Justizminister Blocher. Doch statt Lob und Aufmunterung für die Wahlkämpfer gab es ausschliesslich Kritik: Mit Tabellen, die Kanton für Kanton den Stimmenanteil der Partei auswiesen, sezierte Blocher das Ergebnis und gab den Verantwortlichen Noten. Protestantisches Arbeitsethos wie von Zwingli erträumt: Wer sich zufrieden gibt, hat verloren.

Vor zehn Jahren waren Szenen wie jene aus dem Büro von Blocher noch seltene Einblicke in das Funktionieren der mächtigsten Schweizer Partei. Heute sind sie Alltag geworden. Noten gibt es nun öffentlich, jeden Donnerstag in der «Weltwoche». Immer länger ist inzwischen die Liste jener SVP-Politiker, die in der Wochenzeitung schon einmal an den Pranger gestellt wurden. Es war Chefredaktor Köppel selber, der in einem Artikel vom vergangenen Mai eine Reihe von Parteikollegen als «gekaufte Politiker» abstempelte, von denen man sich fragen müsse, in wessen Auftrag sie eigentlich im Parlament unterwegs seien. Dabei nannte Köppel die Ständeräte Roland Eberle und Alex Kuprecht oder die Nationalräte Sebastian Frehner und Jürg Stahl. Letzteren zählte die «Weltwoche» diesen Monat auch zur «Weisswein-Fraktion», die während den Sessionen jeweils schon vormittags in die Gläser schaue.

Kurz vor den Wahlen machten Köppels Autoren dann in der SVP-Fraktion eine ziemlich grosse Zahl «Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, Windschlüpfige» aus. Die Nationalräte Lukas Reimann, Pirmin Schwander und Oskar Freysinger («fast so links wie manch ein Sozialdemokrat») gehörten ebenso dazu wie Ständerat Hannes Germann. Thomas Hurter, wie Germann Bundesratskandidat der Schaffhauser Kantonalpartei, brachte es auf eine Nennung als Klientelpolitiker (und wurde später ebenfalls den Gewohnheitstrinkern im Bundeshaus zugerechnet).

«Eine Sauerei»

Zunehmend wächst in der Partei der Ärger über Köppels Peitsche. Die Dissidenten, das zeigen Gespräche mit vielen Fraktionsmitgliedern, lassen sich in zwei Gruppen teilen. Wer zur ersten Gruppe zählt, ist in der Kritik scharf, will sie aber nicht öffentlich anbringen – manche aus Angst, einmal selber in der «Weltwoche» dranzukommen. «Diese Zeitung ist daneben», sagt eines dieser Fraktionsmitglieder. Es sei eine Sauerei, ungenehme Leute als Alkoholiker darzustellen, sagt ein anderer SVP-Vertreter. Wenn in der «Weltwoche» kurz vor den Wahlen ein halbes Parteiprogramm skizziert werde, sei das «natürlich als Kommando aus der Zentrale» zu verstehen, meint ein dritter.

Die zweite Gruppe steht mit Namen hin. «Mich lässt kalt, was die Weltwoche schreibt», sagt Nationarat Maximilian Reimann. «Aber es sollte zumindest stimmen.» Vieles, was Köppels Journalisten über SVP-Vertreter geschrieben hätten, sei «falsch und überzogen» und ganz einfach «miserabel recherchiert».

Doppelrolle ist umstritten

Es ist nicht nur die mediale (und für viele ungewohnte) Kritik aus den eigenen Reihen, an der sich viele in der SVP stören. Deutlich wird auch, dass Köppels Doppelrolle als Fraktionsmitglied und «Weltwoche»-Herausgeber intern umstritten ist. Es sei ja gut für die Medienvielfalt, dass es mit der «Weltwoche» ein Blatt gebe, das klar positioniert sei, sagt Jürg Stahl. «Aber ich bezweifle, dass es das richtige Blatt ist, um Fraktionskollegen zu bewerten.»

Diese Zweifel hat auch Nationalrat Sebastian Frehner. «Als Nationalrat hat Köppel seinen Fraktionskollegen gegenüber eine Verpflichtung zur Loyalität und Kollegialität», sagt er. «Anscheinend ist diese Verpflichtung nicht vereinbar mit seiner Rolle als unabhängiger Journalist.» Andere werden noch deutlicher. Natürlich habe es gewisse Vorteile, einen starken Medienvertreter in der SVP zu haben, sagt Nationalrat Luzi Stamm. Köppels Rolle sei aber zugleich eine «Gefahr für die Partei»: «Er hat es in der Hand, in seiner Zeitung bestimmte SVP-Vertreter negativ darzustellen und andere positiv. Dieser Einfluss kann der Partei auch schaden.»

Zwei Fronten

Die Suche nach der Rolle: Für Köppel dürfte sie mit den Aussprachen, die die Partei zu Beginn des neuen Jahrs abhalten will, erst richtig beginnen. Seine Unterstützer sagen, es sei geschickt gewesen, in den vergangenen Wochen die Grenzen der Kritik auszuloten – nun wisse man, was es an interner Disziplinierung ertrage und was nicht. Köppel selbst sagt, es spreche für die Offenheit der SVP, dass sie einen kritischen Journalisten wie ihn in den eigenen Reihen dulde. Für eine Aussprache stehe er «immer zur Verfügung». Es sei eine der grössten Stärken der SVP, dass sie intern mit grosser Meinungsvielfalt um die richtige Politik streite.

Das tut sie nun unter aller Augen. Mit Köppel im Parlament wird die «Weltwoche» für die SVP in den nächsten vier Jahren noch wichtiger als zuvor. Über die Linie der Zeitung wird noch klarer zu erkennen sein, was den Parteivordenkern für die SVP vorschwebt. Gegen aussen und gegen innen. Das weiss auch Blocher. Sein Biograf Somm zitierte ihn einst mit dem Satz, dass man in der Politik einen Zweifronten-Krieg führen müsse: Gegen den politischen Gegner. Und: «Gegen die Leute in der eigenen Fraktion, die man hinter sich bringen muss.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.12.2015, 20:22 Uhr)

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